Tourette-Syndrom: Plötzlich Tics wegen TikTok-Videos?

Junge Menschen filmen ihre Tourette-Attacken und veröffentlichen die Videos in den sozialen Medien. Doch häufig handelt es sich gar nicht um richtige Tourette-Patienten.

, 3. Februar 2022, 09:26
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«Tiktok-Tics», ein skurriles Phänomen: Junge Menschen bekommen plötzlich Tic-Störungen, nachdem sie Videos von Influencern mit Tourette-Syndrom geschaut haben. Diese jungen Menschen filmen ihre angeblichen Tourette-Attacken dann ebenfalls und veröffentlichen die Videos wiederum auf Social Media, etwa auf dem Videoportal TikTok.  
Seit Beginn der Covid-19-Pandemie würden denn auch in sozialen Medien gehäuft Videos mit den Schlüsselwörtern «Tic», «Tourette» oder «Tourettes» auftreten, ist in einem Artikel der Wochenzeitung «Medical Tribune» Schweiz zu lesen. 
Tourette-ähnliche Tics können auch bei Personen auftreten, ohne dass diese das Tourette-Syndrom haben. Hierbei handelt es sich um eine funktionelle Störung. Diese kann plötzlich auftreten und hat psychische Ursachen.

«TikTok-Tics» auch in der Schweiz ein Thema 

Das Phänomen sei ihr bekannt, schreibt Kerstin von Plessen auf Anfrage. Von Plessen ist auf Tourette spezialisiert, sie leitet die Universitätsabteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Centre hospitalier universitaire vaudois (CHUV). Sie habe von Fällen in der Schweiz gehört, allerdings scheine das Phänomen bisher weniger häufig vorzukommen als in anderen Ländern, schreibt von Plessen.

Beispiel einer angeblichen Tourette-Patientin 

«Hello everyone!», sagt ein britisches Mädchen mit dem TikTok-Kanal «thistrippyhippie» euphorisch und lächelt in die Kamera. Es folgt ein lautes «Whoo». Anschliessend schlägt das Mädchen mit der Faust auf den Tisch. «I’m doing another baking video», sagt sie, dann pfeift sie kurz. Später wirft sie Gegenstände durch die Gegend und verteilt Luftküsse. Hunderttausende Nutzer schauen sich ihre Videos an. Wie «Medical Tribune» schreibt, gleichen die Symptome anderer von dieser funktionellen Störung Betroffener denen der britischen Influencerin.
Solche Influencer haben viele «Nachahmer». So etwa auch Jan Zimmermann: Der deutsche Influencer habe seinen Kanal «Gewitter im Kopf» bereits vor der Pandemie gestartet, vom ersten nachfolgenden Fall sei dann einen Monat nach Einführung des Kanals berichtet worden, schreibt die Wochenzeitung.

Echte Erkrankung versus funktionelle Störung 

Die Symptome der jungen Menschen, die plötzlich Tic-Störungen entwickeln, sind nicht typisch für Patienten mit Tourette-Syndrom: Die Symptome würden sich deutlich von Tics unterscheiden, wird die Professorin Kirsten Müller-Vahl von der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover in der «Medical Tribune» zitiert. Es handle sich nicht um typische Tics als Tourette-Symptom, sondern um eine durch soziale Medien vermittelte Massenhysterie, so die Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie.
Müller-Vahl untersuchte eine Kohorte von 32 Patienten mit dieser neuen funktionellen Störung. Interessant: Jan Zimmermann und sein Kanal war allen Patienten ein Begriff. Nachfolgend einige Beobachtungen der Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, welche im Artikel der «Medical Tribune» aufgelistet werden: 
> Im Unterschied zu einem Tourette-Syndrom mit frühem Beginn (im Schnitt sechs bis sieben Jahre) hätten die Teilnehmer überwiegend von einem plötzlichen Beginn der Symptome im Jugend- und Adoleszentenalter berichtet.
> Fast alle hätten Koprophänomene gezeigt – bei Tourette-Patienten würden diese mit 28 Prozent gar nicht so häufig vorliegen.
> Kaum einer der Teilnehmer habe als Komorbidität ein Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) aufgewiesen. Unter Tourette-Patienten würde dagegen fast jeder Zweite daran leiden.
> Die Tics seien häufiger komplex, während die typischen einfachen Tic-Bewegungen von Tourette-Patienten fehlten. 

Das könnte hinter der Störung stecken

Die funktionelle Störung werde wahrscheinlich durch Ängste infolge von Klimawandel und der Corona-Pandemie getriggert, zitiert die «Medical Tribune» die Professorin Müller-Vahl. Interessant: 61 Prozent der Untersuchten in der Kohorte hätten angegeben, aufgrund der Symptome besondere Privilegien geniessen zu können und 58 Prozent hätten angegeben, besondere Zuwendung zu bekommen.
Lesen Sie auch: Schweizer nutzen soziale Medien aktiver als Deutsche 
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