Tod einer Palliativ-Pflegerin

Deformation professionelle? In Basel schied jetzt eine Engländerin freiwillig aus dem Leben – obwohl sie gesund, aktiv und keineswegs depressiv war. Sie hatte im Beruf offenbar zu viel gesehen.

, 3. August 2015, 09:00
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Die Geschichte von Gill Pharaoh war jetzt eines der grossen Themen in der britischen Sonntagsmedien: Nach einem Rundgang durch die Basler Altstadt und einem Diner schied sie am 21. Juli aus dem Leben, unterstützt vom Verein Lifecircle der Baselbieter Ärztin Erika Preisig.
Dies, obwohl sie gesund und auch nicht depressiv war. Aber Pharaoh hatte offenbar eine beruflich begründete Einsicht in das, was kommen könnte und würde.
Denn Gill Pharaoh, 75 alt, hatte ihr Leben lang als Krankenschwester gearbeitet – zuletzt als Spezialistin auf Palliativ-Stationen. Sie hatte auch zwei Bücher über Altenpflege verfasst.

Die Realität des Alters sei einfach furchtbar

Vor ihrem Tod gab sie der «Sunday Times» ein Interview (Paywall), in dem sie ihre Entschlossenheit äusserte, nicht als «hinkende old lady mit Rollator» in Erinnerung zu bleiben. Sie habe in ihrem Beruf genug übers Alter gesehen, um zu wissen, dass sie «über dem Hügel» sei. Und sie wünsche, so lange etwas zu tun, wie sie es noch könne. Die Realität des Alters sei einfach furchtbar.
«Ich habe immer zu Menschen geschaut, die alt sind, wieder und wieder, mein ganzes Leben lang. Und dabei sagte ich mir immer: "Ich werde nicht alt"».

«…eine alte Frau, die Betten blockiert»

Hinzu kam das Motiv, dem Gesundheitswesen nicht zur Last zu fallen. «Ich kann damit sicher sein, dass ich niemals eine alte Frau werde, die in einem Spital Betten blockiert», schrieb Pharaoh in ihrem letzten Blog-Post. «Dies wird dem (britischen Gesundheitssystem) NHS ein Vermögen sparen.»
Die Geschichte war natürlich Öl ins Feuer der laufenden Sterbehilfe-Debatte in Grossbritannien. So sagte ein Sprecher von Care Not Killing – einer Gruppe, die gegen die Liberalisierung der Sterbehilfe eintritt –, dieser Fall sei «zutiefst verstörend» und zeige, wie wenig die Gesellschaft ältere Menschen wertschätze.

«Ich habe dieses Bild im Kopf»

Unter den tausenden Leser-Einträgen, die seit gestern unter den britischen Medien-Berichten über Pharaoh erschienen, überwog aber eher ein gewisses Verständnis für den Entscheid der pensionierten Krankenschwester. 
Tatsächlich hatte die Frau noch im «Sunday Times»-Interview klargestellt, dass sie gesund, aktiv und nicht abhängig von Medikamenten sei. Alleine: «Ich habe so viele Freunde mit Partnern, die eine Belastung sind. Ich weiss, dass man das nicht sagen sollte, aber ich habe dieses Bild in meinen Kopf, dass es in meinem Alter bereits genügt, sich die Hüfte zu brechen, und schon ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass es sehr tief abwärts geht.» 

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