Tarmed: «Ein sehr sportliches Ziel»

Gesundheitsminister Alain Berset will mit seinem Tarmed-Eingriff 700 Millionen Franken einsparen. Urs Stoffel, der zuständige FMH-Vertreter, äusserte jetzt Zweifel daran. Und er kritisierte das gesamte Vorhaben als wenig ausgewogen.

, 27. März 2017 um 07:20
image
  • tarmed
  • praxis
  • fmh
Nachdem Alain Berset am Mittwoch die Tarmed-Pläne des Bundesrates verkündet hatte, reagierte die FMH zuerst recht zurückhaltend. Die Ärzteorganisation äusserte die Sorge, dass das eigene Revisionsprojekt «Tarco» damit erschwert werden könnte – und sie teilte vor allem mit, man werde die Vorschläge aus Bern prüfen und zu einem späteren Zeitpunkt umfassend kommentieren.
Jetzt gab es eine umfassendere Würdigung: In einer Gesprächssendung von Radio SRF diskutierte Urs Stoffel, im FHM-Vorstand der zuständige Departements-Verantwortliche, den vorgesehenen Tarmed-Eingriff en detail.

Veränderung gleich Senkung

Unbestritten gebe es Tarifpositionen, die nicht mehr gerechtfertigt sind. Doch bei Bersets Paket falle auf, dass letztlich alle Veränderungen zu einer Senkung der Tarife führten. Wollte man jedoch einen sachgerechten und ausgewogenen Tarif, so müsste man die Positionen auch gegeneinander abwägen – und am Ende gäbe es auch Posten, die angehoben werden müssten.


«Wenn man den Tarif sachgerecht anpassen will, muss man alle Positionen abwägen», so eine Forderung von Stoffel. Ein entscheidender Punkt zur Beurteilung seien ja auch die Mengen – so dass es vorkommen könne, dass eine Absenkung bei gewissen Positionen überhaupt keine relevante Kostenersparnisse nach sich ziehe.
Die Idee, dass beispielsweise die Radiologen gewisse MRI-Aufwände gar nicht mehr verrechnen können (weil sie in der Regel durch das medizisch-technische Personal erbracht werden), lehnte Stoffel ab. Es gehe «schon sehr weit», hier nun einfach alles «auf Null» zu setzen. Das hiesse ja, dass es gar nicht mehr verrechenbar wäre, selbst wenn ein Arzt anwesend ist.

Dignitäten: Mehr Differenzierung

Auch bei der Dignität forderte Stoffel eine differenzierte Betrachtung. Der Bundesrat will nun ja, dass die Dauer der Facharzt-Ausbildung nicht mehr berücksichtigt wird in den Tarifen. Doch für den FMH-Experten braucht es auch weiterhin eine Methode, mit der berücksichtigt werden kann, dass einzelne Spezialisten eine deutlich längere Spitalausbildung benötigen. 
Ohnehin sei es ja schon heute nicht so, dass ein Spezialarzt beispielsweise für eine Konsultation kategorisch mehr Honorar erhält als ein Allgemein-Mediziner: «Die Dignitäten sind den Leistungen hinterlegt.»
Wobei Urs Stoffel zugleich die FMH-Ansicht wiederholte, dass die Hausarzt-Medizin besser gestellt werden müsse.

Nicht das Kind mit dem Bade ausschütten

Grundsätzlich äusserte der FMH-Vertreter die Befürchtung, dass nun das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werden – und dass die Politik nun, weil sich die Tarifpartner noch nicht geeinigt haben, hastig Schritte unternimmt, die am Schluss alles teurer machen.
Und so äusserte Stoffel auch Zweifel an der von den Politikern erhofften Einsparung. Alain Berset hatte die Erwartung geäussert, dass die nun vorgestellten Eingriffe zu Einsparungen in der Grundversicherung von rund 700 Millionen Franken führen könnten. Man habe die geplanten Massnahmen bei der FMH in den letzten Tagen intensiv durchgerechnet, so Stoffe. Das Fazit: «Es erscheint uns eine sehr sportliche Vorgabe.»

Gefahr Globalbudget

Als gefährlichste Entwicklung in der blockierten Tarmed-Debatte erachtet Stoffel die zunehmende Popularität der Idee, die Gesundheit via Globalbudgets zu steuern. Die Gefahr sei hoch, dass dies zu einer impliziten Rationierung führe. Die Folgen liessen sich in anderen Ländern verfolgen – zum Beispiel bei den längeren Wartezeiten. Das ist «eine extrem gefährliche Entwicklung», so Stoffel.
Ein sinnvollerer Grund-Ansatz seien gewiss Fallpauschalen im ambulanten Bereich. Viele Leistungen seien dafür geeignet – etwa bei Erkrankungen mit klarem Anfang und klarem Schluss. Und gerade die nächste Tarmed-Revision biete die Chance, hier sinnvolle Kombinationen zu finden.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Ex-KSW-Chefarzt lanciert interventionell-radiologische Tagesklinik

Christoph Binkert verbündet sich mit dem Medizinisch-Radiologischen Institut MRI in Zürich.

image
Gastbeitrag von Peter Baumgartner

Ambulante Psychiatrie: Ohne neue Berufsprofile und KI wird’s kaum gehen

Der Fachkräftemangel in der Psychiatrie verlangt einen massiven Umbau der Versorgung. Aber wie? Ein realistisches Zukunftsszenario.

image

Und wie schliessen wir dann das EPD an unser KIS an?

Fast 400 Millionen Franken nimmt der Bund in die Hand, um das Gesundheitswesen zu digitalisieren. Zugleich nimmt er die Software-Anbieter und Spitäler in die Pflicht.

image

Gefragter Aarauer Frauenarzt macht sich selbständig

25 Jahre lang war Dimitri Sarlos an der Frauenklinik des Kantonsspitals Aarau angestellt. Im Oktober eröffnet der Chefarzt eine eigene Praxis.

image

«Wenn Notfall-Praxen schliessen, wird es doppelt so teuer»

Ein Ex-Spitaldirektor warnt: Wenn die Kassen Notfall-Praxen keine Dringlichkeitspauschale mehr vergüten, wird es für alle sehr teuer.

image

Freie Praxisflächen an bester Lage in Oensingen

Im Glasgebäude in Oensingen, das direkt an der Autobahn A1 liegt, steht gesamthaft eine Fläche von 2'346 Quadratmeter zur Verfügung. Sie eignet sich für vielfältige Nutzungen vor allem im Medizin- und Gesundheitsbereich: Zum Beispiel für Facharztpraxen, Fitnesscenter, Physiotherapie etc.

Vom gleichen Autor

image

Überarztung: Wer rückfordern will, braucht Beweise

Das Bundesgericht greift in die WZW-Ermittlungsverfahren ein: Ein Grundsatzurteil dürfte die gängigen Prozesse umkrempeln.

image

Kantone haben die Hausaufgaben gemacht - aber es fehlt an der Finanzierung

Palliative Care löst nicht alle Probleme im Gesundheitswesen: … Palliative Care kann jedoch ein Hebel sein.

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.