Fünf goldene Regeln, wie Ärzte den Patienten Zahlen verständlich machen

Laborwerte, Risiken, Therapieeffekte – viele Aufklärungsgespräche scheitern an medizinischen Zahlen. Doch wie erläutert man, was eine Behandlung bringt? Ein Vorschlag.

, 31. Oktober 2025 um 04:00
letzte Aktualisierung: 28. November 2025 um 15:54
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Eine Analyse auf JAMA Insights zeigt, wie Gesundheitsfachpersonen Zahlen besser erklären | Symbolbild: Vitaly Gariev / Unsplash
In der Medizin sind Zahlen allgegenwärtig: Laborwerte, Risiken, Wahrscheinlichkeiten. Doch die Patientinnen und Patienten können solche Informationen selten richtig einordnen. Fehlende Zahlenkompetenz führt dazu, dass selbst gut gemeinte Erklärungen zu Missverständnissen, Angst oder Fehlentscheidungen führen können.
Ein Team um Brian Zikmund-Fisher (Professor für Public Health, University of Michigan) und Angela Fagerlin (Population Health Sciences, University of Utah) hat nun fünf evidenzbasierte Prinzipien formuliert, um medizinische Zahlen wirksamer zu vermitteln.
  • Zikmund-Fisher BJ, Thorpe A, Fagerlin A: «How to Communicate Medical Numbers», in: «JAMA Insights», September 2025.
  • DOI: 10.1001/jama.2025.13655

1. Zahlen statt Worte

Wörter wie selten, häufig oder unwahrscheinlich werden von Laien sehr unterschiedlich interpretiert – «selten» kann für manche 0 Prozent, für andere 80 Prozent bedeuten. Studien zeigen, dass Patienten Risiken realistischer einschätzen, wenn Ärzte konkrete Zahlen nennen: etwa «Ihr Risiko liegt bei rund 4 Prozent» statt «Das passiert selten».
Praxis-Tipp: Zahlen helfen, Missverständnisse zu vermeiden. Auch Schätzungen («etwa 1 von 20») sind besser als unklare Begriffe.

2. Einheitliche Nenner

Risiken im Format «1 zu X» werden oft überschätzt. Prozentangaben oder feste Nenner (zum Beispiel «8,9 pro 1000») sind leichter zu vergleichen. In einer Studie konnten 73 Prozent der Befragten korrekte Vergleiche ziehen, wenn Zahlen im gleichen Format präsentiert wurden – aber nur 56 Prozent, wenn sie als «1 zu X» angegeben waren.
Praxis-Tipp: Verwenden Sie durchgehend Prozentwerte oder «pro 1000»-Angaben, um Vergleichbarkeit zu sichern.

3. Absolute statt relative Risiken

«Das Medikament halbiert Ihr Risiko» klingt eindrucksvoll – ist aber irreführend. Entscheidend ist die absolute Veränderung: Ob das Risiko von 15 Prozent auf 8 Prozent sinkt oder von 2 Prozent auf 1 Prozent.
Praxis-Tipp: Sagen Sie: «Ihr Risiko sinkt von 15 Prozent auf etwa 8 Prozent», nicht «Das Risiko halbiert sich.»

4. Risiken sichtbar machen

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Grafik: Zikmund-Fisher BJ et al. (2025), JAMA Insights.
Grafische Darstellungen helfen, Wahrscheinlichkeiten zu begreifen – aber nur, wenn sie das Verhältnis Teil–Ganzes zeigen. Am besten geeignet sind 100er-Icon-Arrays oder gestapelte Balken, bei denen sichtbar ist, wie viele von 100 Menschen betroffen sind.
Praxis-Tipp: Zeigen Sie immer sowohl Zähler als auch Nenner – also nicht nur die Erkrankten, sondern auch die Nicht-Erkrankten.

5. Kontext statt Rohwerte

Werte wie HbA1c oder Kreatinin sagen Laien oft nichts. Wenn ein Referenzbereich oder eine Schwelle angegeben wird («Viele Ärzte werden erst ab 3.0 mg/dL besorgt»), können Patientinnen und Patienten ihr Ergebnis besser einordnen – ohne unnötige Angst.
Praxis-Tipp: Zeigen Sie Zielwerte und Schwellen visuell (etwa mit einer Skala), um Orientierung zu geben.
Fazit: Gute Zahlenkommunikation ist keine Nebensache, sondern Kern professioneller Patientenführung. Sie stärkt das Vertrauen, reduziert Fehleinschätzungen und fördert die gemeinsame Entscheidungsfindung (shared decision-making).


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