Oscar will die Krankenkasse der Zukunft sein

Google steckt 30 Millionen in einen neuartigen Krankenversicherer – das Unternehmen ist jetzt rund 1,75 Milliarden Dollar wert. Sein Name: Oscar. Sein Anspruch: eine völlig neue Krankenkasse. Wie funktioniert das?

, 18. September 2015, 15:00
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Natürlich geht es ums US-Gesundheitssystem – also um völlig andere Verhältnisse. 
Aber es geht auch um Grundsätzliches: Insgesamt steht die Versicherungsbranche am Punkt, wo sie wohl bald durch die Digitalisierung umgekrempelt wird. Und Oscar hat den Anspruch, hier eine Speerspitze zu sein und das Krankenkassen-Geschäft zu revolutionieren.
Und wenn Google, wie soeben bekannt wurde, 32,5 Millionen Dollar in solch ein Unternehmen steckt, dann muss man wissen: Zur Politik des Internet-Riesen gehört es, sich auf Geschäfte zu konzentrieren, die mindestens 1 Milliarde potentielle Kunden haben. 

Fast 2 Milliarden in gut 2 Jahren

Es geht also schon ums US-Gesundheitswesen. Aber vielleicht geht es uns bald auch etwas an.
Die Versicherung, um die es hier geht, heisst Oscar. Bereits zuvor waren prominente Geldgeber bei Oscar eingestiegen, und jetzt, nach der Finanzspritze des Internet-Giganten Google, wird die Krankenkasse mit 1,75 Milliarden Dollar bewertet. Dabei wurde Oscar erst vor zwei Jahren gestartet – im Juli 2013.
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Was ist das Besondere? Zuerst einmal gar nichts. In den Details hat Oscar überraschend wenig Neues zu bieten. Im Mix zeigt sich dann allerdings ein neuer Anspruch. 
Einige Spezialitäten sind:

  • Oscar-Versicherte können jederzeit mit einem Arzt telefonieren – und zwar gratis; die Versicherung verspricht, dass die Wartezeit unter 10 Minuten liegt.
  • Die einfache Bedienung und die Nutzerfreundlichkeit der Website wird vom Gründungsteam als Kernkompetenz betrachtet.
  • Für Kunden dient die Site nicht nur als Kontaktstelle zu Ärzten, Therapeuten, Apothekern oder anderen Gesundheits-Versorgern. Sondern man findet dort auch eine Gesundheits-Suchmaschine. Oder man hat, ähnlich wie bei Facebook, seine eigene Timeline – hier einfach mit Gesundheits-Informationen (beziehungsweise Verknüpfungen zu Gesundheits-Partnern).

Kurz: Die Oscar-Plattform soll eine wichtige Anlaufstelle im Leben der Kunden sein. Tatsächlich sollen rund 5 Prozent der Kunden die Website einmal pro Tag benutzen.

  • Ein Detail zur allgemeinen Kostenersparnis: Oscar-Kunden bezahlen nichts für rezeptpflichtige Generika – aber einen Anteil, wenn sie teurere Originalmedikamente wählen.
  • Zugleich stellt Oscar gratis einen Fitness-Tracker zur Verfügung. Wer ihn einsetzt und gewisse vereinbarte Fitnessziele erreicht, bekommt eine Belohnung – zum Beispiel einen Dollar Prämienermässigung pro Tag.
  • Zum geplanten Geschäftsmodell gehört auch, dass Oscar dereinst seine Prämien individuell anpassen will – ganz nach den gesundheitlichen Werten, die jemand erreicht. Ein Beispiel wäre das Diabetes-Management: Gelingt es einem Patienten, seine Werte zu verbessern, so erhält er einen Rabatt.

Bei diesem Punkt dürfte es in Europa wohl zu heftigen Diskussionen kommen – schliesslich wird dabei nicht nur die Überwachung intensiver, sondern im Hintergrund scheint auch der Trend zur Zweiklassen-Medizin auf.

  • Ein wichtiger strategischer Aspekt: Die Krankenkasse soll auch ein Hebel sein, um neue Technologien in den Gesundheitsmarkt zu drücken. Mario Schlosser, einer der Gründer von Oscar, schilderte im «Wall Street Journal» ein Beispiel: Bekanntlich plant Google eine Kontaktlinse, die bei Diabetikern zugleich den Blutzuckerspiegel überwacht. Um dieses Produkt unter die Patienten zu bringen, wäre eine Versicherung wie Oscar eine geeignete Plattform.

Im Schnitt bezahlt ein Oscar-Kunden rund 5'000 Dollar an Prämien pro Jahr – es ist für US-Verhältnisse also eher ein höherpreisiges Angebot.
Oscar ist bislang erst im Raum New York und New Jersey tätig, derzeit hat es jetzt etwa 40'000 Kunden. Laut Eigenangaben liegt der Marktanteil unter privaten Krankenversicherern in New York inzwischen bei 12 Prozent. Die Prämieneinnahmen beliefen sich letztes Jahr auf 57 Millionen Dollar.

Oscar-Mitgründer Mario Schlosser erklärt das Prinzip des Unternehmens – und die Pläne, damit das Gesundheitswesen umzukrempeln

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