Wie hoch die Mindestfallzahlen wirklich sein sollten

Eine Studie will nachweisen, wie oft ein Eingriff mindestens durchgeführt werden muss. Die ermittelten «optimalen» Mindestfallzahlen liegen deutlich höher als die bisher von den Kantonen geforderten Vorgaben.

, 11. März 2022, 07:00
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Eine Studie wollte herausfinden, wie oft eine medizinische Behandlung in Schweizer Spitälern mindestens durchgeführt werden muss, um ein «qualitativ gutes» Behandlungsergebnis zu erhalten. Durchgeführt hat die Analyse Daniel Zahnd im Auftrag des Versicherers Groupe Mutuel. Zahnd leitete früher das Qualitätsmanagement der Insel Gruppe und war Projektleiter beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Heute ist er als selbständiger Berater und Dozent tätig. 
Der Sozialwissenschaftler und Medizininformatiker leitete in seiner Erhebung die Mindestfallzahlen für medizinische Eingriffe her, bei denen gesamtschweizerisch eine mindestens durchschnittliche Behandlungsqualität zu erwarten ist. Das Resultat: Die ermittelten Zahlen liegen deutlich höher als die bisher von den Kantonen geforderten Vorgaben. Bei 10 von 25 untersuchten Krankheitsgruppen sind die Mindestfallzahlen zu tief angesetzt, wie Groupe Mutuel am Freitag in einer Mitteilung schreibt.
Die in der Studie gewonnen Mindestfallzahlen basieren auf Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) der Jahre 2017 bis 2019 mit knapp 260 Datensätzen von Akutspitälern. In der Analyse wurden diese Zahlen mit den Mindestfallzahlen der Spitalplanungs-Leistungsgruppen (SPLG) der Kantone verglichen. 
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Screenshot Groupe Mutuel

Bloss ein geringer Teil erreicht die Mindestfallzahlen

Die Studie zeigt: Nur wenige Spitäler erfüllen die Mindestfallzahlen. Und es sind vor allem Regional- und Bezirksspitäler, welche die Fallzahlen nicht erreichen. «Das Problem ist grösser als bisher angenommen wurde», sagt Studienautor Zahnd. In der Vorgängerstudie aus dem Jahr 2020 ging man noch davon aus, dass im Jahr 2018 gut 46 Prozent der Spitäler die geforderten Mindestfallzahlen der SPLG nicht erreicht hatten.
Der grösste Unterschied zwischen den wünschbaren und den heute in den Spitälern angewendeten Mindestfallzahlen findet sich bei der Entfernung der Harnblase: 40 Spitäler erreichen die von der Studie erhobenen Mindestfallzahlen nicht. Lediglich drei Spitäler erreichen die Mindestzahl von 26 Operationen pro Jahr. Bei Hüft- und Kniegelenkersatz fordern die Spitalplaner mindesten 50 Behandlungen pro Jahr. Die empirisch berechneten Werte der Studie: beim Hüftgelenk-Ersatz sind es mindestens 303 und beim Kniegelenkersatz 225 pro Jahr.

Mehr als 270 unnötige Tote in Spitälern?

In der Studie wurde auch der Zusammenhang zwischen Routine der Ärzte und dem Sterberisiko der Patienten untersucht. Bei zehn medizinischen Eingriffen stellte Daniel Zahnd einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Fallzahl und der Sterblichkeit der Patienten fest.
Die kritisierte mangelnde Routine der Ärzte führt demnach zu Todesfällen, wie in der Studie weiter zu lesen steht. Es wird die Zahl 273 genannt, die jedes Jahr offenbar verhindert werden könnte. Die Zahl stellt ein theoretisches Potential an vermeidbaren Sterbefällen dar und basiert auf einer Modellrechnung des Qualitätsspezialisten Zahnd.

  • Studie: «Fehlende Erfahrung mit Operationen gefährdet Patientinnen und Patienten»

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