Mehr Nachwuchskräfte in der Pflege: Was wird unternommen?

Laut Prognose besteht in der Pflege ein erheblicher Nachwuchsbedarf. Wird genug getan, um mehr Menschen für den Beruf zu gewinnen? Medinside fragte bei Xund nach und interviewte angehende FaGe.

, 7. April 2022, 10:24
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Insgesamt rund 2’740 Lernende und Studierende aus rund 250 Betrieben der Gesundheitsbranche absolvieren zurzeit eine Aus- oder Weiterbildung am Bildungszentrum Xund (s. Box), an den Standorten Alpnach und Luzern.
In den vergangenen Jahren ist die Zahl neuer Lernender und Studierender am Bildungszentrum Xund fast stetig gestiegen (s. Grafik). Josef Widmer, Stifungspräsident bei Xund, sagt: «Diese Entwicklung ist sehr erfreulich. Es scheint, dass die Sinnhaftigkeit und Wertschätzung in den Gesundheitsberufen noch mehr an Bedeutung gewonnen hat.»
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Entwicklung der Eintritte: Insgesamt 1'165 Lernende und Studierende haben 2021 eine Ausbildung bei Xund begonnen. Im Vorjahr waren es 1075. | Quelle: Screenshot Video Xund

Erheblicher Nachwuchsbedarf

Auch wenn hierzulande zwischen 2012 und 2019 der Bestand des Pflege- und Betreuungspersonals in den Gesundheitsinstitutionen um 29'100 Personen gestiegen ist – das entspricht einem Zuwachs von 19 Prozent –, muss etwas passieren. Denn von 2019 bis 2029 besteht gemäss Referenzszenario ein erheblicher Nachwuchsbedarf: 43’400 Personen beim Pflegefachpersonal auf Tertiärstufe (HF- und FH-Ausbildung) und 27’100 Personen beim Pflege- und Betreuungspersonal der Sekundarstufe II. Laut Prognose lassen sich mit dem verfügbaren Nachwuchs 67 Prozent (Tertiärstufe) beziehungsweise 80 Prozent (Sekundarstufe II) des Bedarfs abdecken (Medinside berichtete hier darüber). 

Jugendliche finden Pflegeberufe attraktiv

Die Redaktion wollte vom Bildungszentrum Xund wissen, was es unternimmt, um mehr Menschen für die Gesundheitsberufe zu motivieren.
Angesichts des hohen Bedarfs versuche Xund, junge Menschen für die Gesundheitsberufe zu gewinnen und weitere Zielgruppen anzusprechen, schreibt Tobias Lengen, Geschäftsführer des Berufsbildungsverbandes und stellvertretender Direktor des Bildungszentrums Xund, auf Anfrage.
Bei den Schulabgängern seien die Gesundheitsberufe bereits sehr gut positioniert, versichert Lengen. Wie Medinside berichtete, ist der Beruf Fachfrau/Fachmann Gesundheit (FaGe) bei Jugendlichen tatsächlich gefragt: FaGe ist der zweitbeliebteste Beruf nach dem KV

Fokus auf Wieder- und Quereinsteiger

Lengen findet aber, es müssten auch unbedingt Wieder- und Quereinsteiger angesprochen werden. Aktuell erarbeitet Xund denn auch eine neue Kampagne, die sich an Quereinsteiger richtet: «Da sehen wir grosses Potential», schreibt Lengen. Die Kampagne solle zeigen, dass man mit jeder Grundbildung (EFZ oder Matura) den Einstieg in die Pflege machen könne.
Auf dem Weg dahin will Xund potentielle Quereinsteiger unterstützen. Beispiele von Studierenden und Pflegefachpersonen, die einen ähnlichen Hintergrund haben, sollen potentiellen Quereinsteigern die Ausbildung Pflege HF näherbringen und schmackhaft machen. Mit einem Selbsteinschätzungstest kann überprüft werden, ob die Vorkenntnisse dem Anforderungsprofil entsprechen oder was man tun kann, damit man fit dafür wird. Interessierte Quereinsteiger sollen wichtige Informationen zur Ausbildung (z.B. Voraussetzungen, Dauer, Aufbau) oder mögliche Finanzierung sowie Kontakte zu den Betrieben erhalten.
Diese Unterstützungsinstrumente würden den Interessenten ab Sommer auf einer eigens dafür entwickelten Webplattform zu Verfügung stehen, führt Lengen aus. 
Xund steht sowohl für das Bildungszentrum Gesundheit wie auch für den Verband bzw. die Organisation der Arbeitswelt (OdA) Gesundheit der Zentralschweiz. Xund wird getragen von rund 250 Alters- und Pflegezentren, Spitälern sowie Spitexorganisationen der Zentralschweiz.

Kampagne zur Förderung von Wiedereinsteigern

Mit einer weiteren Kampagne möchte Xund zusammen mit den Betrieben diplomiertes Pflegepersonal, das etwa aufgrund von Familienzeit aus der Pflege ausgestiegen ist, in den Beruf zurückbringen.
Eher als Nische zu verorten ist etwa das Qualifizierungs- und Integrationsprogramm «Perspektive Pflege» für anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene. Das Ziel ist, dass solche Personen eine nachfolgende Ausbildung im Gesundheitsbereich auf Stufe Assistentin/Assistent Gesundheit und Soziales (AGS) oder Fachfrau/Fachmann Gesundheit (FaGe) absolvieren können. Das Programm, welches von Xund geleitet wird, ist eine Kooperation von Vertragsinstitutionen der Langezeitpflege Luzern, dem Bildungszentrum Xund und der kantonalen Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen.

«In einem ausgetrockneten Fachkräftemarkt ist das anspruchsvoll»

Wie können die Massnahmen, die dazu beitragen sollen, dass es künftig mehr Pflege-Nachwuchs gibt, umgesetzt werden? Für die Ausbildung brauche es genügend personelle und auch finanzielle Ressourcen an allen Lernorten, antwortet Lengen. Der Geschäftsführer des Berufsbildungsverbandes und stellvertretender Direktor des Bildungszentrums Xund erhofft sich, dass mit der Umsetzung der Ausbildungsoffensive als Bestandteil der Pflegeinitiative auch hier angesetzt werden könne. «In einem ausgetrockneten Fachkräftemarkt ist es immer anspruchsvoll, Personal zu rekrutieren – auch Lehrpersonal.» Es sei wichtig, geeignete Fachkräfte auf dem Weg zur Bildungslaufbahn gut abzuholen und die Rollenentwicklung/-veränderung eng zu begleiten. Xund habe dafür etwa ein Mentoring-Programm entwickelt, so Lengen. 

Zwei angehende FaGe im Kurzinterview

Medinside wollte von zwei angehenden FaGe wissen: Wird von den Bildungseinrichtungen genug unternommen, um mehr Personen für Gesundheitsberufe zu gewinnen? Diese und weitere Fragen beantworteten Noor Alzobeidi und Jeanne Fischer im Kurzinterview. 
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Noor Alzobeidi und Jeanne Fischer. | Bilder: Viva Luzern AG.

Frau Alzobeidi, Frau Fischer, Sie haben sich beide für eine Lehre als FaGe bei Viva Luzern im Betagtenzentrum Wesemlin und Tribschen entschieden. Derzeit befinden Sie sich im ersten Ausbildungsjahr – wie gefällt Ihnen die Ausbildung bis jetzt?

Jeanne Fischer: Ich bin sehr zufrieden. Der Lehrbeginn war für mich zwar mit etwas Stress verbunden, zudem musste ich mich an das lange Stehen gewöhnen – das war schon eine Umstellung. Aber eben: Nun gefällt mir die Ausbildung sehr gut. Ich habe eine nette Berufsbildnerin, von der ich gut unterstützt werde.
Noor Alzobeidi: Als ich ein Praktikum als Dentalassistentin machte, merkte ich: Das ist nicht das Richtige für mich. Die Instrumente der Zahnärztin zu reichen und während der Arbeit so viel zu sitzen, war mir zu langweilig. Also entschied ich mich für die FaGe-Lehre. Der Beruf passt zu mir, da ich Verantwortung übernehmen kann, oft in Bewegung bin und viel Kontakt zu den Bewohnerinnen und Bewohnern habe – das gefällt mir.

Weshalb haben Sie sich genau für die FaGe-Lehre entschieden?

Jeanne Fischer: Meine Tante hat mich auf den Geschmack gebracht: Sie ist ebenfalls als FaGe in einem Altersheim tätig und hat mir schon oft von schönen und berührenden Erlebnissen mit Bewohnern erzählt. Also entschied ich mich, in den Beruf reinzuschnuppern. Während zweier Schnuppertage wurde mir bewusst, dass man als Pflegerin von den Heimbewohnern extrem viel zurückbekommt – das finde ich so schön. Für mich war dann schnell klar: FaGe ist der richtige Weg.
Noor Alzobeidi: Ich finde es sehr interessant, so viel über den Körper zu lernen. Hinzu kommt, dass man nach der FaGe-Lehre zahlreiche Möglichkeiten hat, sich beruflich weiterzubilden.

Wird in Ihren Augen genug unternommen, um mehr junge Menschen für Pflegeberufe zu motivieren? 

Noor Alzobeidi: Ja. Als ich nach einer passenden Lehre suchte, habe ich mich auf dem Informationsportal berufberatung.ch und auf dem Lehrstellenportal yousty.ch schlau gemacht. Dort findet man wichtige Informationen zur Ausbildung beziehungsweise kann man gezielt nach Lehrstellen suchen.
Jeanne Fischer: Ich finde, es wird zu wenig unternommen. Leider muss ich immer wieder feststellen, dass der Beruf FaGe von vielen in erster Linie mit dem Reinigen des Pos in Verbindung gebracht wird – auch ich hatte einst diese fixe Vorstellung im Kopf. Wenn mir meine Tante nicht erzählt hätte, wie abwechslungsreich der Beruf ist, hätte ich mich wohl nicht für die FaGe-Lehre entschieden.

Wo sehen Sie Verbesserungspotential?

Jeanne Fischer: Um solchen Vorurteilen entgegenzuwirken, fände ich es wichtig, dass junge Menschen auf Social-Media-Plattformen über den Beruf FaGe informiert würden. Die Bildungszentren und Betriebe sind auf Tiktok und Instagram fast nie aktiv – hier sehe ich eine grosse Chance, um mehr junge Menschen erreichen zu können.

Welche Themen beschäftigen Sie und Ihre Mitlernenden aktuell?

Noor Alzobeidi: In der Schule befassen wir uns gerade mit dem Thema Herz-Kreislauf. Wir müssen viele medizinische sowie anatomische Fachbegriffe lernen und die lateinischen Bezeichnungen dafür kennen. Das Auswendiglernen ist nicht immer so einfach und nimmt viel Zeit in Anspruch. Aber meine Klasse hat das bislang immer gut gemeistert.
Jeanne Fischer: Die vielen Tests (lacht). Wir müssen viel auswendig lernen und uns zahlreiche Fachbegriffe einprägen – das ist schon streng. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen tausche ich mich auch darüber aus, was in den Betrieben gerade so läuft.

Wissen Sie schon, in welchem Betrieb Sie später am liebsten tätig sein möchten?

Noor Alzobeidi: Bis vor kurzem hatte ich den Wunsch, später einmal Anästhesiepflegerin zu werden. Nun reizt es mich aber mehr, dereinst einmal als biomedizinische Analytikerin zu arbeiten. Vielleicht möchte ich später aber auch in der Forschung tätig sein.
Jeanne Fischer: Ich wohne im Kanton Nidwalden und kann mir daher gut vorstellen, dort einmal in einem Altersheim zu arbeiten. Aber vielleicht zieht es mich ja auch ins Spital – das werden wir dann sehen. 
Viva Luzern ist eine gemeinnützige Aktiengesellschaft, deren Eigentümerin die Stadt Luzern ist. Das Unternehmen zählt rund 830 Bewohnerinnen und Bewohnern in fünf Betagtenzentren und beschäftigt rund 1200 Mitarbeitende. Viva Luzern bildet an verschiedenen Standorten in der Stadt Luzern über 170 Lernende und Studierende aus. Zu Viva Luzern gehören die Standorte Dreilinden, Eichhof, Rosenberg, Staffelnhof, Wesemlin und Tribschen sowie Angebote für das Wohnen mit Dienstleistungen in den städtischen Alterswohnungen und der Bereich Events und Catering. 
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