«Lasst mich bitte nicht leben, bis ich 100 bin»

Wir wissen zuwenig darüber, was alte Menschen wünschen, wenn der Tod naht. Denn die Ältesten sind in unserer Gesellschaft unsichtbar. Dabei wären ihre Stimmen entscheidend, um die Dienste und Entscheide am Lebensende zu gestalten. Von Jane Fleming.

, 28. Mai 2016, 13:05
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In den entwickelten Ländern leben immer mehr Menschen immer länger, und natürlich bedeutet dies, dass auch mehr Menschen zum Zeitpunkt ihres Todes extrem alt sind. Fast die Hälfte der Verstorbenen hier sind Personen im Alter über 85. Vor gerade mal 25 Jahren lag die Quote noch bei eins zu fünf.
In einem höheren Alter zu sterben heisst auch anders sterben. Man wird schrittweise gebrechlicher, sowohl im Körper als auch im Geist, und man entwickelt über mehrere Jahre mehrere gesundheitliche Probleme. Während wir einst die Zeit nach der Pensionierung als «das Alter» verstanden, bedeutet die grössere Lebensspanne heute, dass hier wiederum Kategorien wie «jüngeres Alter» und «Greisenalter» wichtiger werden.
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    Die Autorin

    Jane Fleming ist Senior Research Associate an der Universität Cambridge. Sie hat eine Ausbildung zur Pflegefachfrau, machte Studien in Epidemiologie und erwarb ihren Doktortitel mit einer Arbeit über Stürze und deren Folgen für Menschen im hohen Alter. Fleming leitet für das Cambridge Institute of Public Health eine grosse Kohorten- und Langfrist-Studie über Menschen über 75.

In früheren Studien hatten wir gezeigt, dass Menschen, die zum Todeszeitpunkt über 90 sind, in ihrem letzten Lebensjahr bereits deutlich mehr Unterstützung benötigen als Menschen, die in ihren späten 80ern sterben. In Grossbritannien waren 85 Prozent der Menschen, die im Alter von 90 oder darüber starben, so stark behindert, dass sie in der grundlegenden Selbstversorgung unterstützt werden mussten. Bei den Personen, die im Alter zwischen 85 und 89 Jahre verstarben, erreichten nur 59 Prozent solch ein Ausmass der Gebrechlichkeit.
Dieses Wissen muss berücksichtigt werden bei der Planung der Unterstützung in verschiedenen Pflege-Situationen.
Doch was wissen wir darüber, was die ältesten Alten (über 95) eigentlich wollen, wenn es um ihre Betreuung am Ende des Lebens geht?

Ihre Stimmen wären entscheidend

Die Ältesten und Gebrechlichsten in unserer Gesellschaft werden zunehmend unsichtbar. Denn viele von denen, die am meisten Betreuung benötigen – etwa Demenzkranke –, befinden sich entweder in Pflegeheimen oder sind gar nicht mehr fähig, aufzustehen. Aber ihre Stimmen wären entscheidend, um die Dienstleistungen und Entscheide am Ende des Lebens zu gestalten.
In einer neuen Untersuchung führten wir Gespräche über Pflege-Erfahrungen und –Wünsche mit 33 Frauen und Männern, die mindestens 95 Jahre alt waren (einige von ihnen waren über hundert); und wir sprachen mit 39 Verwandten von ihnen respektive mit Betreuungspersonen. Davon waren 88 Prozent Frauen, 86 Prozent verwitwet und 42 Prozent lebten in Pflegeheimen. 

Jane Fleming, Morag Farquhar, Carol Brayne, Stephen Barclay: «Death and the Oldest Old: Attitudes and Preferences for End-of-Life Care - Qualitative Research within a Population-Based Cohort Study», in: «PLOS One», April 2016. 

Für viele dieser alten Menschen war der Tod Teil ihres Lebens. Oft sagten sie, dass sie jeden Tag nehmen, wie er kommt, und sich nicht zu sehr um das Morgen sorgen. «Wenn du 97 wirst, geht alles nur von Tag zu Tag», sagte eine Frau. Die meisten fühlten sich bereit für den Tod, und einige wünschten ihn sogar herbei: «Ich sage nur: Ich bin im Wartezimmer», meinte eine Frau. «Ich warte darauf, zu gehen.»
Andere waren sogar noch ausgeprägter im Wunsch, das Ende zu erreichen. «Ich wünschte, ich könnte den Löffel abgeben. Ich stehe nur im Wege»: So ein typisches Gefühl von denen, die sich nur noch als Belastung empfanden. Andere baten darum, nicht leben gelassen zu werden bis sie hundert sind, mit Aussagen wie der, dass es keinen Sinn macht, sie am Leben zu erhalten.

«Ich hoffe, dass sie gut darüber hinweg kommt»

Die meisten sorgten sich allerdings um die Folgen ihres Todes für Menschen, die zurückblieben. «Das einzige, worum ich mich sorge, ist meine Schwester. Ich hoffe, dass sie nicht zu traurig sein wird und dass sie gut darüber hinweg kommt.»
Am meisten Sorgen bereitete der Prozess des Todes selber. Ein friedlicher und schmerzloser Tod, vorzugsweise im Schlaf, war das allgemeine Ideal. Die Interview-Partner zogen es zumeist vor, angenehme Umstände geboten zu bekommen; medizinische Behandlungen waren ihnen weniger wichtig. Und sie wünschten, nicht ins Spital zu müssen. 
Dieser Artikel wurde ursprünglich publiziert in «The Conversation». Lesen Sie den Original-Beitrag: «Here’s what people in their 90s really think about death», Mai 2016. Übersetzung mit Genehmigung der Autorin.
Wir fanden heraus, dass das Verständnis der Familien nur ganz selten von den Wünschen ihrer alten Verwandten abwich – genau zweimal. So sagte eine Person, dass sie so lang wie möglich medizinisch (und lebensverlängernd) behandelt werden will, während ihre Verwandten glaubten, dass sie letztendlich Palliativpflege vorziehen würde.
Dies zeigt, wie wichtig es ist, mit den älteren Personen die Optionen durchzusprechen – und nicht einfach davon auszugehen, dass die Familie ja schon weiss, was jemand will.

Weiss die Familie, was jemand will?

Wir fanden auch heraus, dass die meisten bereitwillig über ihre Wünsche angesichts des Todes redeten, aber viele erwähnten, dass sie bis anhin nicht über den Tod geredet hatten, oder wenn, dann in Form von Anspielungen oder mit Humor verbrämt. Eine Minderheit hatte kein Interesse, darüber zu diskutieren.
Man hört selten etwas von Menschen in ihrer zehnten oder elften Dekade, aber es gibt einige Studien, welche die Ansichten der «jüngeren Alten» erforscht haben. Sehr häufig konzentrierten sie sich auf die Bewohner von Pflegeheimen, nur gelegentlich auf Menschen, die noch zuhause wohnen.
Eine Literatur-Überblicksstudie aus Schweden spürte 2013 insgesamt 33 Untersuchungen auf, welche die Einstellungen alter Menschen zum Tod und zum Sterben erforscht hatten, wobei allerdings sehr wenige davon die Ansichten der älteren Alten erfassten.

Die meisten würden über ihren Tod reden

Eine Studie aus dem Jahr 2002 in Ghana fand heraus, dass sich viele Alte auf den Tod freuten: Sie sahen ihn als willkommenen Besucher, der ihnen nach einem anstrengenden Leben Frieden bringen würde. Und in den Niederlanden besagte eine Studie unter chronisch Kranken im Jahr 2013, dass viele Menschen ihre Wünsche und Vorstellungen davon, wie sie sterben möchten, immer wieder änderten – je nach ihren Pflegebedürfnissen.
Eine neuere Überblicksarbeit erforschte die Einstellungen älterer Menschen zu Advance Care Plans, also zur formalisierten Vorausplanung, und zu ihren Wünschen, wann die Diskussionen darüber einsetzen sollten. Sie fand 24 Untersuchungen zum Thema, hauptsächlich aus den USA und mit jüngeren Befragten. Die Resultate besagten, dass nur eine Minderheit davor zurückschreckte, das Lebensende zu planen, aber die meisten bereitwillig darüber reden würden. Nur: Sie hatten selten Gelegenheit dazu.

Keine Angst vor Tabus

All diese Studien unterstützen unsere Ergebnisse. Alte Menschen sind meist bereit, Tabuthemen anzusprechen. Sie akzeptieren oft den nahenden Tod. Und sie ängstigt, was der Weg in den Tod wohl mit sich bringt – noch stärkere Abhängigkeiten, noch mehr Belastung für die Umgebung, Konsequenzen für die, die man zurücklässt.
Um dafür die Betreuung zu planen, um für eine Welt zu organisieren, in der eine grosse Zahl von Menschen in einem sehr hohen Alter stirbt, und das unter vielfältigen Bedingungen – dafür müssen wir mehr wissen über ihre Prioritäten an der Schwelle zum Tod.
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