Komplementärmedizin? Ja dann halt…

Der Bundesrat will vier Alternativmedizin-Methoden in der Grundversicherung nun definitiv der Schulmedizin gleichstellen. Das regt offenbar keinen mehr recht auf.

, 29. Juni 2016, 08:00
image
  • komplementärmedizin
  • politik
Eigentlich ist es ja bemerkenswert: Im Nachbarland Deutschland, aber auch in den angelsächsischen Ländern steigt der Druck auf die Alternativ-Medizin. Dort laufen ernsthafte Debatten zur Frage, ob man es denn da mit unlauteren Geschäftsmethoden zu tun hat und ob gesetzlich eingeschritten werden müsste.
In der Schweiz geht es in die andere Richtung. Bekanntlich will der Bundesrat vier komplementärmedizinische Methoden der Schulmedizin gleichstellen – Behandlungen der anthroposophischen Medizin, der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), der Homöopathie und der Phytotherapie sollen grundsätzlich über die Grundversicherung abgerechnet werden können. So ist es provisorisch bis 2017 geregelt, und dieser Zustand soll danach verstetigt werden.

«Die Fronten sind aufgeweicht»

Im Hintergrund steht ein Volksentscheid, den die Regierung nun umsetzen muss: Die Volksinitiative «Ja zur Komplementärmedizin» war 2009 von zwei Dritteln der Stimmbürger und in allen Kantonen angenommen worden.
Ende dieses Monats endet nun die Vernehmlassung für die Verordnung, und der «Tages-Anzeiger» hat die Eingaben ausgewertet. «Die Fronten sind aufgeweicht», so das Fazit der Zürcher Zeitung: «Von der Inbrunst, mit der noch vor wenigen Jahren um den Status der Komplementärmedizin gestritten wurde, ist heute nicht mehr viel zu spüren.»
So schreibt die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM), dass sie sich der vorgeschlagenen definitiven Regelung nicht widersetze. Für die Komplementärmedizin müssten einfach die gleichen Kriterien gelten wie für die anderen medizinischen Fachbereiche. 
Die FMH hat ihre Stellungnahme noch nicht eingereicht, aber wie Yvonne Gilli vom FMH-Vorstand zum Tagi sagte, anerkenne man, dass das Vertrauensprinzip auch für die Komplementärmedizin gelten soll: «Die WZW-Kriterien müssen jedoch erfüllt und die Qualität gewährleistet sein.»
Während bei den Kassen auf der einen Seite Curafutura «grundsätzlich» die Vorschläge des Bundes begrüsst, wehrt sich Santésuisse gegen die Gleichbehandlung: «Es ist von einer Verschiebung von bisher über die Zusatzversicherungen finanzierten komplementärmedizinischen Leistungen zur Grundversicherung auszugehen», so Sandra Kobelt, Santésuisse-Leiterin Politik und Kommunikation, zum «Tages-Anzeiger».
Die Gesundheitsdirektoren-Konferenz GDK, die SP, CVP, Grüne und Grünliberale sprechen sich wiederum für den Einbezug der vier Alternativmethoden aus. Einzig die SVP lehnt die Vergütung der Komplementärmedizin durch die Grundversicherung ab.
Offen ist dabei natürlich, ob sich hier eine höhere Akzeptanz der Komplementärmedizin spiegelt – oder ob die Vertreter aus Ärzteverbänden, Versicherungswirtschaft und Politik einfach auf dem Standpunkt sind, dass es nach dem Volksentscheid von 2009 ohnehin nicht mehr viel zu deuteln gibt. 
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Seltene Krankheiten: Bund gerät wegen Krankenkassenrevision unter Druck

Das BAG will die Spielregeln ändern und nur noch Medikamente bezahlen, für die es Placebo-Studien gibt. Dagegen wehren sich 21 Organisationen.

image

Wer macht die beste Medizin und wie erfährt das der Patient?

Teuerung, höhere Löhne und Energiekrise: ein toxischer Mix für die Spitäler, die bessere Erträge erzielen wollen. Gute Qualität einfach zu vermitteln, könnte den Unterschied ausmachen.

image

Das Elektronische Patientendossier wird für alle kommen

Es herrscht breiter Konsens, dass bei der kommenden Revision der Gesetzgebung Elektronisches Patientendossier die Pflicht für ein Dossier eingeführt wird.

image

Anbau verpasst: Zürich verschiebt Cannabis-Verkauf

Zürich muss seinen legalen Cannabis-Verkauf verschieben – genau wie vor drei Wochen auch Basel. Weil im Winter kein Hanf gedeiht.

image

Zürich hat eine neue Anlaufstelle für suizidgefährdete Jugendliche

Die Psychiatrische Uniklinik Zürich hat am Montag die Türen der neuen Früh- und Krisenintervention für suizidgefährdete Jugendliche ab 12 Jahren geöffnet.

image

Massnahmenpaket 2 – eine bürokratische Dummheit

Der BAG-Reformismus hat ein neues Kuriosum kreiert. Nach einer katastrophalen Vernehmlassung zur ersten Version schickt BR Berset nun eine abgespeckte Version ins Parlament. Das BAG will die koordinierte Versorgung fördern. Effektiv erdrosselt sie eine 25-jährige Aufbauarbeit und Erfolgsgeschichte.

Vom gleichen Autor

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.

image

Wer will bei den Helios-Kliniken einsteigen?

Der deutsche Healthcare-Konzern Fresenius sucht offenbar Interessenten für den Privatspital-Riesen Helios.

image

Deutschland: Investment-Firmen schlucken hunderte Arztpraxen

Medizin wird zur Spielwiese für internationale Fonds-Gesellschaften. Ärzte fürchten, dass sie zu Zulieferern degradiert werden.