Joe Jimenez will Kosten und Nutzen von Medikamenten besser abstimmen

Die Pharmaindustrie soll neue Modelle entwickeln, um den Wert von Therapien zu beurteilen. Dies fordert Novartis-Chef Joe Jimenez aus Anlass des WEF in Davos.

, 18. Januar 2017 um 05:00
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2050 soll die Weltbevölkerung auf 9,7 Milliarden Menschen steigen, wovon 2 Milliarden Menschen älter sein werden als 60. Wie das Gesundheitssystem diesen demografischen Druck bewältigen soll, ist völlig unklar. Klar ist nur: «Um die Gesundheit der Menschen zu garantieren und Patienten wirkungsvoller zu behandeln, müssen Lösungen ausserhalb des traditionellen Systems gefunden werden.» 
So steht es in der Initiative «System Initiative on Shaping the Future of Health and Healthcare», die das World Economic Forum (WEF) gestartet hat. Mit verschiedenen Vorstössen soll damit der Rahmen für eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung geschaffen werden. Auch der Schweizer Pharmakonzern Novartis ist Teil der Initiative. 

«Riesige Verschwendung»

Novartis-Chef Joseph Jimenez schreibt in einem Artikel aus Anlass des derzeit stattfindenden WEF von einer «riesigen Verschwendung» von medizinischen Leistungen. Viele kostspielige Therapien hätten nur eine minimale Wirkung, so Jimenez. Er hält es für ein Gebot der Stunde, neue Wege zu finden, um den Wert der Medizin zu beurteilen – sprich: die Kosten dem Nutzen anzupassen. 
Von den 6,5 Billionen Dollar, die weltweit für das Gesundheitswesen ausgegeben werden, werden laut WEF 30 bis 50 Prozent durch Fehlanreize im System, Interessenskonflikte und mangelhafte Behandlungen verschwendet. 

Lädierter Ruf wiederherstellen

Hintergrund für Jimenez' Vorstoss sind Kontroversen um teure Therapien, die dem Ruf der Pharmaindustrie in den letzten Jahren massiv geschadet haben. Um die Reputation wieder herzustellen, muss laut Jimenez die Pharmaindustrie das Augenmerk stärker auf das Pricing  legen. 
«Wir müssen den Fokus vermehrt auf den Wert einer Behandlung und deren Resultat richten anstatt isoliert auf die Therapiekosten», so der Novartis-Chef. Auch müssten die Anstrengungen verstärkt werden, Patienten, Ärzten und Behörden den Nutzen der Behandlungen aufzuzeigen.
Studien belegen laut Jimenez, dass die Gesundheitskosten um 25 Prozent gesenkt werden könnten, wenn wirkungslose Behandlungen eliminiert würden. Würden zum Beispiel Arzneien korrekt angewendet, könnten chronisch Kranke vor teuren Hospitalisierungen bewahrt und damit allein in den USA jährlich über 200 Millionen Dollar gespart werden.
Dabei untersucht Novartis im eigenen Haus nach Mitteln und Wegen, um den Wert eines Medikaments adäquat darzustellen. Jimenez ist sich bewusst, dass die Förderung eines Preissystems, das auf dem Nutzen eines Medikaments basiert, das ganze Geschäftsmodell der Pharmaindustrie umwälzen würde. Das gleiche gilt für die Art, wie die Produkte betrachtet werden.

«Die Vision Realität werden lassen»

Wie das neue System konkret funktionieren soll, lässt Jimenez offen. Er räumt ein, dass es sich um eine «Vision» handelt. Da die Pharmaindustrie traditionellerweise nach Mengenkriterien – also der Anzahl verkaufter Pillen – und nicht nach Qualitätskriterien bezahlt wird, würden mit dem neuen Modell auch die industriellen Risiken steigen.
Der Novartis-Lenker glaubt, dass ein solcher Systemwechsel vor allem bei kurzfristig ausgerichteten Stakeholder auf Widerstand stossen werde. Um Nachhaltigkeit fürs Gesundheitswesen zu schaffen, sei aber eine langfristige Optik nötig. Jimenez betont auch die Notwendigkeit von Transparenz und einem offenen Dialog: «Ich hoffe, Regierungen, Behörden und Investoren werden sich uns anschliessen, um diese Vision Realität werden zu lassen.»
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