«Höchstleistung und Teilzeit sind unvereinbare Gegensätze»

Für den Badener Chefarzt Franz Eigenmann ist Höchstleistung mit Teilzeit unvereinbar. Bettina Wölnerhanssen vom Basler Claraspital kann das so nicht umkommentiert stehen lassen.

, 9. Oktober 2018, 08:00
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In einem Beitrag in der «Schweizerischen Ärztezeitung» skizzierte Franz Eigenmann vor kurzem die Problemfelder des Ärztestandes. Dabei spricht der Chefarzt am Kantonsspital Baden (KSB) die traditionelle auf Leistung ausgerichtete ärztliche Grundhaltung an: Diese droht ihm zufolge mit der demnächst in Pension gehenden Ärztegeneration zu verschwinden.
Grund ist unter anderem der nicht zu beeinflussende Zeitgeist, wie der Mediziner schreibt. Es sei im Lebensplan nicht mehr vorgesehen, sich einer grossen Aufgabe zu widmen und dafür Opfer zu bringen.

Vergleich mit einem (Teilzeit-)-Tennis-Profi

Ein weiterer Faktor sei der Wunsch nach Teilzeitarbeit – «besonders prävalent bei einem hohen Frauenanteil.» Als logische Konsequenz müssten sehr viel mehr Personen zu Ärzten ausgebildet werden. Und es müssten mehr Ärzte die für Patienten nicht nur vorteilhaften Lernkurven durchlaufen, wobei die Lernkurven weniger steil seien oder sogar frühzeitig einen Plafond erreichten. «Ob es uns passt oder nicht: Höchstleistung und Teilzeit sind unvereinbare Gegensätze – nicht nur in der Medizin», schreibt Gastroenterologe Eigenmann, der im Februar 2019 pensioniert wird.
Bettina Wölnerhanssen von der St. Clara Forschung in Basel findet diese Aussage «absurd». Die Arbeitszeit könne nicht einfach an einem fixen Stundenpensum festgemacht werden, schreibt die stellvertretende Leiterin und Fachärztin FMH-Chirurgie in einem Kommentar. Wenn ein Assistenzarzt 100 Prozent arbeite und kaum selber operieren dürfe, komme er nicht weiter als eine Ärztin, die 50 Prozent arbeite und häufig operativ tätig sei. Auch ein Weltklasse-Tennisprofi, der vier bis sechs Stunden täglich trainiere, arbeite nicht Teilzeit, nur weil er nicht auf eine 42-Stundenwoche komme.

«Feminisierung nicht einfach wegreden»

Nebst dem Zeitfaktor sind laut Wölnerhanssen auch der Arbeitsinhalt und die individuelle Lernkurve zu berücksichtigen. Und die Expositionszeit als einziger Faktor für die Lernkurve in Betracht zu ziehen, genüge nicht. «Wer eine flache Lernkurve hat, der lernt auch in 100 Prozent weniger schnell als jemand mit einer schnellen Auffassungsgabe.»
Wir können die Feminisierung und den Bedarf an Teilzeitstellen nicht einfach weg­reden, schreibt die Ärztin weiter. «Was man nicht ändern kann, das muss man einfach bestmöglich umsetzen.» In Schweden arbeiten praktisch alle Ärzte zwischen 25 und 40 Jahren Teilzeit, ergänzt sie. Und generell steige auch in der Schweiz der Bedarf an Teilzeitstellen sowohl bei Frauen als auch Männern.


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