Früher verkauften die Quacksalber Schlangenöl, heute verkaufen sie Apps

Liebe Fans der digitalen Medizin: Lassen Sie sich hier mal gehörig die Leviten lesen.

, 30. Juni 2016, 08:30
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Die Rede vor der US-Ärztegesellschaft hallt bis heute nach. An der Jahresversammlung der American Medical Association in Chicago machte James L. Madara, der CEO, vorletzte Woche die Digitalisierung der Medizin zum grossen Thema der Veranstaltung.
Ohne diplomatische Bremsen wandte sich Madara in seiner Ansprache gegen die wunderbaren digitalen Versprechen, welche derzeit in der Gesundheitsbranche kursieren; gegen all die Apps, Tools, Datenprogramme, Self-Tests und Cyber-Therapien, mit denen ein neues Zeitalter der Medizin angekündigt wird.
Er verglich jene Versprechen mit den Quacksalbern des Wilden Westens. Madaras Kernthese: Beides ist etwa gleich unseriös. Und auf beide Versprechen fallen wir gleich leicht herein. Madaras Verweis auf der Schlangenöl-Verkäufer auf den Jahrmärkten wurde in der gesundheitspolitischen Debatte der USA inzwischen zum Selbstläufer, in über tausend Medien-, Fachzeitschriften- oder Blog-Beiträgen wurde in den letzten Tagen darauf eingegangen.
Und so ist es wieder an der Zeit, dass wir uns die Frage auch hier stellen: Haben wir es mit einem digitalen Jahrmarkt zu tun?

  • Hier die entscheidenden Ausschnitte der Rede von James L. Madara:

«Als die American Medical Association Mitte des 19. Jahrhunderts entstand, war die Medizin in den Vereinigten Staaten schlecht entwickelt; sie hinkte im Vergleich zu den Europäern deutlich hinterher.
Aber eifrig bemühten sich unsere Vorgänger in der AMA damals darum, die Quacksalberei auszurotten, indem sie Standards für die medizinische Ausbildung schufen oder indem sie den ersten Ethik-Kodex in der Medizin entwickelten.
Einfach gesagt, versuchte die AMA den Strom von Schlangenöl-Heilmitteln in jener Zeit einzudämmen.

10 Liter Produkt-Ideen auf 2 Liter Fassungsvermögen

Quacksalbereien – wie Schlangenöl – waren damals der letzte Schrei. Ein ehemaliger Cowboy, Clark Stanley, verkaufte ein einziges Medikament, von dem er behauptete, es könne eine Vielzahl von Krankheiten heilen. Er tat, als ob sein Körper die Narben von hunderten Klapperschlangen-Bissen von trüge – und jeder Biss hätte ihn getötet, wenn er nicht sein magisches Elixier gehabt hätte: sein Schlangenöl. 
Und da dieses Elixier keinen Alkohol enthielt, konnte Stanley den Verkauf auf jeden und jede ausweiten, unabhängig vom Alter. 

Es war die AAM, welche diese Fälschungen ans Licht brachte und neue Standards setzte. Unsere Vorgänger schafften dies, indem sie sich in den Unternehmen jener Jahre einbrachten; und indem sie sich gesellschaftlich breit engagierten.
Und so sind Schlangenöl-Elixiere heute vergleichsweise selten.
Dafür haben wir wirklich bemerkenswerte Werkzeuge – robotergestützte Chirurgie, neue Formen der Strahlentherapie, Biotechnologie. Und wir leben in einer Zeit der schnellen Entwicklung der digitalen Welt – die Telemedizin wäre ein Beispiel dafür.
James L. Madara ist Executive Vice President und CEO der American Medical Association. Ursprünglich Pathologe, war er zuvor unter anderem Professor an der Emory University, Dean der Pritzker School of Medicine der Universität Chicago und CEO der Universitätsspitals von Chicago.
Aber zwischen diesen positiven Produkten taucht in getarnter Form noch etwas auf – nämlich andere sogenannte digitale Entwicklungen, denen eine angemessene Evidenzgrundlage fehlt; oder die einfach nicht so gut funktionieren; oder die in Tat und Wahrheit die Betreuung erschweren, die Patienten verwirren und unsere Zeit verschwenden.
Von ineffektiven E-Health-Dossiers bis zur Explosion von digitalen Gesundheitsprodukten, die sich direkt an die Konsumenten richten und weiter bis zu Apps von zweifelhafter Qualität: Dies ist das Schlangenöl des frühen 21. Jahrhunderts.
Selbst jene digitalen Produkte, die hilfreich sein mögen, sind oft nicht in der Lage, die Beziehung zwischen Arzt und Patient zu bereichern. Es ist, wie wenn man 10 Liter Produkt-Ideen in eine Gesundheits-Wissensbank mit 2 Liter Fassungsvermögen quetschen wollte. 
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Suche den Unterschied: Verkäufer von Health Apps, USA, spätes 19. Jahrhundert
Anders als in anderen Branchen bekommen wir in Medizin mehr und mehr digitale Tools, welche die Versorgung nicht effizienter machen, sondern weniger effizient. Und diese Tools sind auch nicht miteinander vernetzt. Die Interoperabilität bleibt ein Traum.
Man hat uns gesagt, dass die gegenseitige Benutzbarkeit die Zukunft sei. Aber wir haben nicht gedacht, dass sie immer die Zukunft bleiben werde.
Das Zeitalter des digitalen Schlangenöls: Angeheizt wird dieser Run auf neue Produkte durch populäre Bücher, die eine Zukunft der digitalen Gesundheitsversorgung voraussagen, welche die Ärzte weitgehend umgeht. Danach könnten die Patienten weitgehend für sich selber schauen.

«Man hat uns gesagt, das sei die Zukunft. Wir haben nicht gedacht, dass das immer die Zukunft bleiben wird»

All diese extravaganten Versprechen haben ihr Hauptziel erreicht: Man hat viele Bücher verkauft damit. Und die Versprechen zogen auch die Aufmerksamkeit der Massenmedien und der Privatwirtschaft an, von zwei Gruppen also, die es nicht besser wissen konnten. Ein hochgelobtes Buch kündigte an, dass die Patienten bald hundertfach Bluttest bestellen könnten – «tun Sie es heute noch!» –, um danach bestimmten Algorithmen zu folgen, welche den Weg zur Selbst-Heilung zeigen würden.
Schlangenöl-Stanley wäre stolz, wenn er das geschafft hätte! …
Glücklicherweise findet man andernorts eine nüchternere Analyse der aktuellen Lage, etwa in Bob Wachters wunderbarem Buch «The Digital Doctor»
Dort wird eine vielversprechendere digitale Zukunft ausgemalt, in der sich das Verhältnis von Arzt und Patient verstärkt, wo eine bessere und effizientere Versorgung entsteht und wo mehr Zeit für den Austausch zwischen Ärzten und Patienten bleibt. Also genau das, was im digitalen Schlangenöl-Markt so fälschlicherweise schon für heute versprochen wurde. …

Wir müssen es so halten wie alle anderen Branchen

Aber so wie Mitte des 19. Jahrhunderts, als wir die nützlichen Anti-Toxine und Wirkstoffe wie Aspirin abzugrenzen begannen von Stanleys Schlangenöl, so müssen wir heute zuerst das digitale Schlangenöl trennen von den nützlichen – möglicherweise sogar wunderbaren – digitalen Werkzeugen.
Die Zukunft dreht sich nicht darum, die Ärzte zu eliminieren. Sondern darum, ihre Wirkung zu steigern. Indem man es hält wie in allen anderen Branchen. Nämlich indem man ihnen digitale und andere Werkzeuge gibt, die wirklich unterstützen, und ihnen jene Daten effizient verschafft, die sie benötigen. So dass sie mehr Zeit mit den Patienten verbringen können. …»

«Digital Dystopia»: Eine Abschrift der Rede findet sich auf der Website der AMA.

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