FMH-Präsidentin Yvonne Gilli in der Kritik

Professoren und Wissenschaftler kritisieren die neue Ärztepräsidentin Yvonne Gilli. Der Grund ist eine alte Aussage über die Masernimpfung.

, 4. Januar 2021 um 10:25
image
  • fmh
  • yvonne gilli
  • ärzte
  • impfung
  • masern
image
Yvonne Gilli fühlt sich offenbar missverstanden (PD)
Haben Sie Ihre Kinder (gegen Masern) geimpft? «Nein. Das wäre auch inkonsistent». Dies sagte die neue FMH-Präsidentin Yvonne Gilli im Jahr 2013 in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung». Und weiter: «Der älteste Sohn hatte die Masern als Kind. Der zweitälteste hat sich nicht angesteckt, obwohl er engen Kontakt hatte mit kranken Kindern. Weil er jetzt erwachsen ist, wird er sich impfen lassen. Der jüngste ist ein Kind und hat Zeit, die Krankheit durchzumachen.»
Diese Aussagen bringen ihr nun sieben Jahre später viel Kritik ein. Dies, obwohl sie auch gleichzeitig im Interview erwähnte, dass sie eine Masernimpfung für Erwachsene empfehle, es aber keinen Zwang brauche. Auf Twitter wird intensiv diskutiert: Mediziner Adriano Aguzzi erahnt sogar, «dass ihr (gut gepolsterter) FMH-Sessel wackelt». Der Professor und Institutsdirektor am Zürcher Unispital (USZ) ist laut eigenen Angaben bereits aus der FMH ausgetreten.

Matthias Egger schaltet sich in die Diskussion ein

Dominique de Quervain, der Neurowissenschaftler, der die Diskussion ursprünglich startete, bezeichnet es als «wissenschaftliche Bankrotterklärung des Berufsverbands», wenn die FMH eine Präsidentin wähle, die nicht-evidenzbasierte Methoden einsetze und bewerbe. Auch er ist vor längerer Zeit aus der grössten Schweizer Ärzteverbindung ausgetreten.

Stellt sich Gilli gegen die Empfehlungen?

Epidemiologie-Professor Matthias Egger teilt den Tweet und hinterfragt Gillis Aussagen ebenso: Der ehemalige Chef der wissenschaftlichen Covid-19-Taskforce will von der ehemaligen Nationalrätin der Grünen Partei direkt wissen, was sie dazu sagt?
 Dann meldet sich auch Yvonne Gilli zu Wort: 

In welchem Kontext?

Das Wortgefecht geht trotzdem weiter. Egger erinnert an den Schweizerischen Impflan. Gilli bedankt sich mit dem Hinweis, dass sie diesen täglich in der ärztlichen Praxis nutze. Und die Ärztepräsidentin antwortet noch einmal: «Kann sie alle beruhigen: mein Zweitältester war nie an einer Masernparty und ist geimpft gegen Masern. Nochmals, ich unterstütze die Impfempfehlungen!» Sie stehe zu 100 Prozent dahinter.
Die St. Galler Medizinerin verweist gleichzeitig auf den Kontext ihrer Aussage: Die Zitate, die in einem völlig anderen Kontext stehen und mehrere Jahre alt sind, bilden laut Gilli nicht ihre Haltung ab – und auch damals nicht.

«Legen Sie Ihre Haltung klar dar»

Matthias Egger, Präsident des Nationalen Forschungsrats (SNF), lässt aber noch nicht locker: Was ist anders am Kontext? Nochmals, haben Sie das im Interview gesagt oder nicht? In einem weiteren Tweet schlägt er Gilli dann vor, ob sie ihre Haltung zu Impfungen (inklusive MMR und Covid-19) in der «Schweizerischen Ärztezeitung» klar darlegen könnte. 
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Thierry Carrel: «Für Kranke ist Hoffnung zentral»

Der Herzchirurg findet, neben dem Skalpell sei die Hoffnung eines seiner wichtigsten Instrumente.

image

Vom Spital ins All: Auch eine Perspektive für Ärzte

Der Berner Mediziner Marco Sieber wird der zweite Schweizer Astronaut nach Claude Nicollier.

image

Ein Walliser wird Chefarzt am Inselspital

Der Nachfolger von Klaus Siebenrock als Chefarzt Orthopädische Chirurgie und Traumatologie heisst Moritz Tannast.

image

In der Schweiz sind 1100 Ärzte mehr tätig

Die Arztzahlen in der Schweiz haben ein neues Rekord-Niveau erreicht: Es gibt nun 41'100 Berufstätige.

image

Der Erfinder des Ledermann-Implantats ist tot

Er war ein bekannter Implantologe, später auch Hotelier und Schriftsteller. Nun ist Philippe Daniel Ledermann 80-jährig gestorben.

image

Ärzte in der Krise: Immer mehr suchen Unterstützung

Zu viel Arbeit, Burn-Out, Angst, Selbstzweifel und Depression: Das sind die fünf Hauptgründe für Ärzte und Ärztinnen, sich Hilfe bei der Remed-Hotline zu holen.

Vom gleichen Autor

image

Arzthaftung: Bundesgericht weist Millionenklage einer Patientin ab

Bei einer Patientin traten nach einer Darmspiegelung unerwartet schwere Komplikationen auf. Das Bundesgericht stellt nun klar: Die Ärztin aus dem Kanton Aargau kann sich auf die «hypothetische Einwilligung» der Patientin berufen.

image

Studie zeigt geringen Einfluss von Wettbewerb auf chirurgische Ergebnisse

Neue Studie aus den USA wirft Fragen auf: Wettbewerb allein garantiert keine besseren Operationsergebnisse.

image

Warum im Medizinstudium viel Empathie verloren geht

Während der Ausbildung nimmt das Einfühlungsvermögen von angehenden Ärztinnen und Ärzten tendenziell ab: Das besagt eine neue Studie.