Die Ethikfrage: Wie testet man die Belastungs-Grenze junger Ärzte?

Um die Risiken der Übermüdung in den US-Spitälern zu prüfen, arbeiten derzeit hunderte Jungmediziner extrem lange Schichten. Jetzt ist Streit darüber entbrannt.

, 10. März 2016, 13:15
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In mehreren Dutzend US-Kliniken arbeiten derzeit junge Ärzte 28-Stunden-Präsenzschichten ab. Es ist ein Test. Untersucht wird die Dauer-Diskussionsfrage, wie gefährlich die Kombination von unerfahrenen Ärzten sowie Schlafmangel beziehungsweise Überarbeitung für die Patienten denn wirklich ist.
Der Test ist Teil einer grossen Studie, die hauptsächlich von den National Institutes of Health finanziert wird; die wissenschaftliche Leitung untersteht der University of Philadelphia.
Die Ergebnisse dürften auch für die Schweiz interessant sein – schliesslich soll hier klargestellt werden, was für die Patienten riskanter ist: Ein häufigerer Wechsel von Ärzten (als Folge kürzerer Schichten); oder die Übermüdung, die sich logischerweise aus überlangen Schichten ergeben kann. 
Doch jetzt, gut ein halbes Jahr nach Untersuchungsstart, taucht eine Grundfrage auf: Geht das überhaupt? Kritiker brachten schon zu Beginn vor, dass dieser Belastungs-Test letztlich die Standards zum Schutz von Probanden in wissenschaftlichen Untersuchungen verletze.

Was, wenn sich ein müder Proband ins Auto setzt?

Nun legt die grösste Konsumentenschutz-Organisation der USA, Public Citizen, Dokumente vor, die belegen, dass die Wissenschaftler wussten und anerkannten, dass sie ihre Probanden mit der Untersuchungsanlage zusätzlichen Risiken aussetzten; zu diesen Risiken gehörten etwa Auto- und Arbeitsunfälle, aber auch Depressionen (zur Mitteilung von Public Citizen)
Unklar ist, wieweit die Ethikkomittees aller beteiligten Institute informiert wurden über die selber erkannten Risiken. Das zuständige Aufsichtsgremium der University of Philadelphia hatte befunden, dass die Risiken für Patienten wie Ärzte geringfügig genug seien, um der Versuchsanordnung stattzugeben.

Untersuchung gefordert

Public Citizen und der amerikanische Medizinstudentenverband riefen inzwischen die zuständige Überwachungsbehörde OHRP (Office for Human Research Protections) an, mit der Aufforderung, die Studie abzubrechen und eine Untersuchung einzuleiten.  
Im kritisierten Grosstest arbeiten rund 6000 Jung-Mediziner nach verschiedenen Arbeitszeit-Modellen – etwa die Hälfte hat eine Obergrenze von 16 Stunden-Schichten für Ärzte des ersten Jahres, eine andere Hälfte muss bis zu 28-Stunden-Anwesenheiten auf sich nehmen.
Interessanterweise wissen die Patienten nichts von diesem Test: Das heisst, die 28-Stunden-Schichten-Assistenzärzte sind jetzt aktiv – aber wo, bleibt geheim. 
In den USA gibt es seit vier Jahren eine Obergrenze: Im ersten Jahr nach dem Abschluss dürfen junge Ärzte keine Schichten mehr leisten, die länger als 16 Stunden dauern; im zweiten und dritten Jahr sind Einsätze bis zu 24 Stunden möglich (hier eine erste Zwischenbilanz aus dem Jahr 2013).
Die Ergebnisse des jetzigen Gross-Tests werden übrigens für 2019 erwartet.

Dr. Michael Carome, Leiter des Gesundheitsbereichs von Public Citizen, über die Problematik des laufenden Belastungstests für Mediziner im ersten Jahr:


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