«Es ist nicht zielführend, eine Berufsgruppe in die Verfassung zu schreiben»

Der Zürcher Politiker und GZO-Präsident Jörg Kündig ist ein Vordenker der Pflegeversorgung. Wie kann man dem Druck auf die Grundversorgung begegnen? Braucht es bald viele Fusionen im Spitex-Bereich? Was bringt die Pflegeinitiative? Das Interview.

, 11. Dezember 2017, 05:00
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Die Gemeinde– und Kantonsfinanzen sind unter Druck. Die Berner Kantonsregierung will jetzt auch bei der Spitex sparen. Herr Kündig, wie beurteilen Sie die Situation?
Die Berner Regierung setzt beim Grundversorgungsbeitrag an die Spitex-Organisationen an. Für eine vollständige Beurteilung im Kanton Bern fehlt mir die Gesamtschau. Die Situation ist aber exemplarisch und zeigt: Der Druck auf die medizinische Grundversorgung steigt. Möglichkeiten, dem entgegen zu wirken, sind Effizienzverbesserung, Zusammenarbeit, Kostenbewusstsein. Der Kanton Zürich entflechtete 2012 die Aufgaben: Die Gemeinden finanzieren die Spitäler nicht mehr, dafür sind sie zu 100 Prozent mit der Finanzierung der ambulanten und stationären Pflege beauftragt. 
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    Jörg Kündig

    Jörg Kündig ist Verwaltungsratspräsident des GZO Spitals Wetzikon, Präsident vom Verband Gemeindepräsidenten des Kantons Zürich, Präsident des Gemeinderats Gossau ZH, FDP-Kantonsrat in Zürich. Er ist Inhaber einer eigenen Treuhand- und Beratungsfirma. — Kündig ist der geistige Vater der Spitex Bachtel, einem Zusammenschluss von vier lokalen Spitex-Vereinen im Zürcher Oberland.

Sollen öffentliche Spitex-Organisationen auch gewinnbringende Dienstleistungen anbieten, so wie dies private Spitex-Organisationen tun?
Die beauftragte Spitex-Organisation soll den Leistungsauftrag so gut wie möglich, in der gewünschten Qualität und zum bestmöglichen Preis erfüllen: Das ist für die Gemeinden wichtig. Die Spitex-Organisation muss also effizient und kostenbewusst arbeiten. Gibt es aber die Möglichkeit, Kundinnen und Kunden eine zusätzliche Dienstleistung anzubieten, die einem Bedürfnis entspricht und für die Spitex-Organisation profitabel ist, darf das nicht ausgeschlossen werden.
In der Stadt St. Gallen macht die Politik Druck und will vier Spitex-Organisationen zur Fusion «motivieren». Das kommt nicht überall gut an. Wer macht bei Fusionen idealerweise den ersten Schritt: Politik oder Spitex?
Fusionen sind immer ein schwieriges Thema, und der Absender entsprechender Überlegungen wird kritisch und durchaus misstrauisch hinterfragt. Idealerweise entstehen solche Projekte an der Basis, aus der Erkenntnis heraus, dass künftige Herausforderungen gemeinsam besser bewältigt werden. Es ist aber Überzeugungsarbeit und «Vorangehen» gefragt. Nicht selten spielt dabei auch eine Rolle, ob und wie Leitungsgremien sinnvoll besetzt werden können. 

«Ich bin überzeugt, dass das Zusammengehen in grössere Organisationen eine Verbesserungsmöglichkeit darstellt»

Wie das Beispiel Bern zeigt, wird wohl seitens Politik der finanzielle Druck zunehmen. Ich bin davon überzeugt, dass das Zusammengehen in grössere Organisationen eine Verbesserungsmöglichkeit darstellt.
Fusionen bedeuten immer, die eigene Identität ein Stück weit aufzugeben. Das ist zuweilen schmerzhaft. Was empfehlen sie Führungskräften, die einen solchen Wandel führen müssen?
Spitex-Organisationen haben oft eine lange Geschichte in den Gemeinden, mit ausgeprägter eigener Identität. Im Fusionsprozess muss man Träger-Organisationen – also die Spitex-Vereine – und die Angestellten separat ansprechen. Doch beide, Träger- Organisationen wie Personal, müssen früh informiert und möglichst einbezogen werden. Man muss erklären, was warum gemacht wird und wie die künftige Organisation aussehen soll. 
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Dieser Beitrag erschien zuerst im Spitex-Report 

Bestimmte Eigenheiten einer Träger-Organisation, beispielsweise Spendenkonti, müssen zwingend erhalten bleiben. Auch muss nicht alles zentralisiert werden: Dezentrale Stützpunkte in Quartieren und Gemeinden stärken die Akzeptanz und helfen, die Identität zu bewahren. Ausserdem sollte der Übergang in die neue Organisation zu einem besonderen Anlass werden. Es ist ganz wichtig, dass die Identität nicht verloren geht.
Im vertraulichen Gespräch hat eine Spitex-Leiterin erklärt, ihre Strategie sei «unter dem Radar zu bleiben», damit in der eigenen Gemeinde die Fusionsdiskussion gar nicht aufkomme. Wie beurteilen Sie eine solche Strategie?
Diese Vogel-Strauss-Haltung wird über kurz oder lang nicht aufgehen. Die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit ist hoch, gerade auch durch Berichterstattungen über Fusionsprojekte oder über Vergleiche zwischen privaten und öffentlichen Spitex-Organisationen. Die Erfahrung zeigt, dass es besser ist, strategische Entscheide vorzubereiten, wenn genügend Zeit vorhanden ist. Abwarten ist keine taugliche Strategie. Wenn zu spät reagiert wird, steigt der Druck – sachlich wie zeitlich.

«Es ist besser, strategische Entscheide vorzubereiten, solange genügend Zeit vorhanden ist»

Sie begrüssen eine gemeinnützige AG als Rechtsform für eine Spitex-Organisation. Warum?
Wichtige Gründe sind: Erhöhte Unabhängigkeit von politischen Prozessen, rasche Entscheide, Kooperationsfähigkeit und auch der privatwirtschaftliche, wettbewerbsorientierte Ansatz. Doch es fragt sich auch bei dieser Organisationsform immer, wie die Organisation zentral und mit Stützpunkten vor Ort ausgestaltet werden soll. Wichtig sind auch die personelle Zusammensetzung des Verwaltungsrats und der Führungsgremien.
Zuweilen entsteht der Eindruck, die beiden Verbände Association Spitex privée Suisse (ASPS) und Spitex Schweiz verwenden mehr Energie auf Abgrenzungsfragen als auf die Lösung für anstehende Probleme. Ihre Beurteilung?
Verbände sind immer Interessenvertretungen. Die Aufgaben und Rollen der öffentlichen und privaten Spitex-Dienstleister waren und sind teilweise immer noch sehr unterschiedlich. Manchmal sind sie komplementär, manchmal stehen sie im Wettbewerb. Doch in den letzten Jahren hat sich das gegenseitige Verständnis für ihre Aufgaben angenähert. Öffentliche Spitex-Organisationen sind wettbewerbsbewusster geworden und haben erkannt, dass Wirtschaftlichkeit ebenfalls wichtig ist.

«Wir müssen die Anforderungen an die Mitarbeitenden der ambulanten Versorgung kritisch prüfen»

Private Spitex-Organisationen sind in einer Art und Weise gewachsen, dass sie Partner als Gesamtanbieter in Gemeinden werden können. Ein Wettbewerb hat durchaus etwas Positives und ermöglicht beispielsweise den Gemeinden auch einen Vergleich unter potenziellen Mitbewerbern.
Für uns Gemeinden geht es primär darum, dass die Grundversorgung sichergestellt ist. Solange es die beiden Ausprägungen privat und öffentlich bei den Anbietern gibt – und das mit nicht immer deckungsgleichen Interessen –, ist ein Zusammengehen der Verbände wenig sinnvoll.
Woher sollen die fehlenden Fachkräfte kommen?
Die Verstärkung der ambulanten Versorgung wird zweifelsohne auch zu zusätzlichen personellen Bedürfnissen führen. Schon heute zählen die Gesundheitsberufe zu den am stärksten nachgefragten Ausbildungen, zum Beispiel an den Fachhochschulen. Auch in Zukunft geht es darum, gutes Personal zu finden. Doch wir müssen die Anforderungen an die Mitarbeitenden der ambulanten Versorgung kritisch prüfen. Ziel muss es sein, zusätzlich die Verwandtenpflege zu fördern und Freiwillige besser einzubinden. Am Ende geht es darum, Personal einzusetzen, das stufen- und aufgabengerecht ausgebildet ist. Hier sind zwingend Ansprüche und gesetzliche Vorgaben zu überprüfen.
Die Unterschriften für die Pflegeinitiative sind zusammengekommen. Der Spitex Verband hat zusammen mit H+ und Curaviva einen Gegenvorschlag entwickelt. Ihre Interpretation?
Die Initiative unterstreicht die Bedeutung der Pflegeversorgung und damit der Berufe der Pflegefachpersonen. Auch für mich ist diese Berufsgruppe sehr wichtig. Doch ist es nicht zielführend, deren Aufgabe und Ausbildung in einem Verfassungsartikel festzuschreiben. Die Argumente von Spitex Schweiz, H+ und Curaviva sind nachvollziehbar. Ich habe mich vorher über den sich abzeichnenden Mangel an Personal und einer möglichen Anpassung der Qualitätsvorgaben geäussert. Die Initiative trägt diesen Bedürfnissen und dieser Entwicklung zu wenig Rechnung.
Wo sehen Sie die Grundversorgung in den nächsten fünf bis zehn Jahren?
Die Gemeinden erwarten immer mehr eine 7/24-Stunden-Bereitschaft. Dieser Erwartung wird sich keine Organisation entziehen können. In den nächsten Jahren wird der ambulante Anteil an der Grundversorgung weiter zunehmen. Die Digitalisierung und das elektronische Patientendossier entlasten die Administration weiter und erleichtern auch den Zugang zu Dienstleistungen. Unterstützt dadurch, aber auch durch verbesserte regionale oder gar interregionale Strukturen bekommt die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den Anbietern – Spitex, Hausärzten, Apothekern aber auch Spitälern und andere mehr – zusätzliche Bedeutung. Hoffentlich wird sie zum Regelfall.

«…sonst bleibt nur eines: unsere Anspruchhaltung zurückzunehmen»

Verschiedene steuernde Elemente sind zu gestalten: Beispielsweise Anreize für die ambulante Versorgung sowie für neuartige, regionale Versorgungsmodelle. Und auch die Einführung von Praxisgebühren zur Entlastung der Hausarzt- und Notfallpraxen. Die Gewohnheiten der Gesellschaft müssen sich ändern - und werden es auch. Klar ist aber auch: Wenn wir als Gesellschaft nicht bereit sind, die Kosten für die Grundversorgung zu akzeptieren, bleibt nur eines: unsere Anspruchshaltung zurückzunehmen. 
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