«Ein Headhunter hat mich angefragt»

Zwei Jahrzehnte lang führte Thomas F. Lüscher die Klinik für Kardiologie am Universitätsspital Zürich – nun wechselte er ans Imperial College in London. Wie kam es dazu? Wie ist die Bilanz seiner Zeit in Zürich? Ein Interview über die Entwicklung der Kardiologie gestern und morgen.

, 1. November 2017, 06:33
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Herr Prof. Lüscher, die Ankündigung, dass Sie Zürich diesen Herbst verlassen, um einem Ruf nach London zu folgen, hat überrascht. Wie wird Ihre künftige Tätigkeit als Direktor für Kardiologie am Royal Brompton&Harefield Hospital aussehen?
Ich werde dort als allgemeiner und interventioneller Kardiologe arbeiten. Daneben bin ich als Director of Research, Education & Development beauftragt, die Forschung zu reorganisieren und Ausbildungsprogramme zu organisieren. Meine Forschungstätigkeit am Center for Molecular Cardiology der Universität Zürich in Schlieren werde ich mit einem Teilzeitpensum weiterführen und die beiden neuen Kliniken wenn möglich involvieren. 
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Thomas F. Lüscher am Eingang des Royal Brompton Hospitals | PD
Thomas F. Lüscher ist seit Oktober Director of Research, Education & Development und Consultant of Cardiology am Royal Brompton & Harefield Hospital Trust und Imperial College in London. Zugleich leitet er das Center for Molecular Cardiology der Universität Zürich. Von 1996 bis 2017 war er Klinikdirektor der Kardiologie am Universitätsspital Zürich. Lüscher studierte und doktorierte in Zürich, es folgten Ausbildungsstationen in Stanford und an der Mayo Clinic sowie leitende Positionen am damaligen Kantonsspital Basel und am Inselspital.
Wie kam es zum Ruf nach London?

Ein Headhunter hat mich angefragt. Das Angebot kam zu einem guten Zeitpunkt, als ich mir überlegt habe, wie es beruflich weitergehen soll. Ich hatte zunächst am USZ einen offiziellen Antrag auf Verlängerung meiner Tätigkeit gestellt. Aus meiner Sicht mit guter Begründung: Die Klinik ist seit meiner Übernahme um das Fünffache gewachsen und hat enorm viel Gewinn gemacht. Der Spitalrat hat den Antrag abgelehnt. Ich habe mich deshalb entschlossen, das Angebot aus London zu verfolgen und schliesslich die Stelle angenommen. 
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Dieses Interview erschien in der neuen Ausgabe 5/2017 von «Praxisdepesche», dem informativen Ärztemagazin.  
Wie hat Ihre Familie auf den Ruf nach 
London reagiert?
Meine Kinder finden das natürlich toll. Ich habe eine Wohnung in South Kensington, mit genügend Zimmern, damit sie zu Besuch kommen können. Meine Frau ist nicht so begeistert von London, aber das kann ja noch werden. Am Freitag und an den Wochenenden werde ich zudem oft in Zürich sein.
In einem Interview mit Magnus Ohman haben Sie gesagt: «We have to make sure that we find fullfilling professional activities at each decade of our life» – es brauche in jedem Lebensjahrzehnt grosse professionelle Aktivitäten. Nächstes Jahr wären Sie eigentlich emeritiert. Haben Sie nie daran gedacht, der Medizin den Rücken zu kehren?
Nein, und ich halte diese kontinentaleuropäische, sozialdemokratisch geprägte Regelung, mit 65 Jahren aus dem Arbeitsleben auszuscheiden, für völlig veraltet. Diese wurde vor mehr als 100 Jahren eingeführt. Seitdem hat sich die Lebenserwartung der Menschen beinahe verdoppelt, trotzdem reden wir immer noch vom Gleichen. Natürlich gibt es Leute, die mit 65 Jahren aufhören wollen zu arbeiten; das sollen sie auch, wenn sie erschöpft sind.

«In England hat mich keiner gefragt, wie alt ich bin»

Aber die Idee, dass jemand, der seine Tätigkeit als Berufung und nicht als Job wahrnimmt, einfach aufhören soll, weil er ein gewisses Alter erreicht hat, finde ich diskriminierend. Aus meiner Sicht ist nicht das Alter, sondern die Leistung entscheidend. Im angelsächsischen Raum sorgt diese starre Regelung nur für Kopfschütteln. In England hat mich keiner gefragt, wie alt ich bin.
Sie übernahmen die kardiologische Klinik vor 21 Jahren. Welches waren Ihre Ziele oder auch Visionen bei Stellenantritt? Und haben Sie diese erreicht?
Ich habe relativ früh realisiert, dass die Zeit vorbei ist, wo man alles machen kann oder will. Das war auch der Grund, mich nicht als Direktor für das Department Innere Medizin zu bewerben, sondern für die Kardiologie. Aus meiner Zeit am Universitätsspital Bern, wo ich mit Prof. Bernhard Meier die Kardiologie umbaute, hatte ich schon einige Erfahrungen und Vorstellungen. Die ersten drei Jahre am Universitätsspital waren ganz schwierig.

«Mit der Gründung des Herzzentrums wuchs zusammen, was zusammengehört»

Zusammen mit den Mitarbeitern, die aus Bern mitgekommen waren, ist es aber gelungen, zunächst die Kardiologie und später das gesamte Department Medizin umzubauen. Anschliessend haben wir die einzelnen Bereiche – wie Koronare Herzerkrankungen, Rhythmusstörungen, kardiales Imaging etc — ausgebaut. Mit der Gründung des Herzzentrums ist schliesslich zusammengewachsen, was zusammen gehört.
Vergleicht man das Personal in der Forschung mit jenem der kardiologischen Klinik, fällt auf, dass in der Forschung viel mehr Frauen arbeiten. Zudem findet man fast keine Frauen in leitenden Positionen. Wie kommt das?
Es ist interessant, dass so viele Frauen in der Forschung engagiert sind. Ich habe das nicht erwartet. Für mich spielt keine Rolle, ob Frau oder Mann, gut müssen sie sein. In der Forschung hat sich das einfach so ergeben. In der Klinik waren Fachgebiete wie die Kardiologie oder die Orthopädie traditionell von Männern dominiert. Bei den Assistenten sieht man aber, dass sich das langsam zu ändern beginnt.

«Wir haben weltweit mehr als ein Dutzend Lehrstühle mit unseren Leuten besetzt, darunter am Karolinska Institut und an der Charité»

Für eine Frau, die noch Familie haben möchte, ist es natürlich einfacher, in der Forschung Karriere zu machen. Mit den Anforderungen in der Klinik – wie den Notfalldiensten – ist es schon schwieriger. Wer eine internationale Karriere anstrebt, muss mit einer Arbeitszeit von 70 Stunden pro Woche rechnen. Das ist für eine Frau mit Kindern nur mit grosser Anstrengung oder einem Hausmann machbar.
Früher war es üblich, dass die Klinikdirektoren Einfluss auf die Ausbildungsrichtung ihrer Assistenten genommen haben und versuchten, die Leute anschliessend gut zu platzieren. Wie haben Sie das gehandhabt?
Fast alle meine leitenden Ärzte waren im Rahmen ihrer Ausbildung entweder an einem grossen Zentrum in Deutschland, England oder den USA. Ich habe sie immer eingehend beraten, wo sie nach meinem Gefühl hingehören oder für welchen Bereich wir in Zukunft jemanden benötigen werden. Wir haben damit nicht nur die Klinik ausgebaut, sondern weltweit mehr als ein Dutzend Lehrstühle mit unseren Leuten besetzt, darunter am Karolinska Institut in Schweden und der Charité in Berlin, und noch einmal so viele Chefarzt- und leitende Arztstellen in der Schweiz. Es hat mir Spass gemacht, die Mitarbeiter zu motivieren und zu fördern, und ich habe es für wichtig empfunden, dass aus ihnen etwas wird.
Sie haben gesagt, es habe einige Tiefschläge gegeben. Dazu gehörte sicher auch der Weggang mehrerer Kaderärzte an die Hirslandenklinik (2013), darunter Ihr Stellvertreter Prof. Georg Noll...
Das war natürlich eine schwierige Situation. Die Hirslandengruppe hat die Mitarbeiter bewusst abgeworben, um ein Gegengewicht zum bestehenden Herzzentrum zu schaffen. Und wie das eben so ist: Für die einen stellt sich irgendwann die Frage nach einem Wechsel, weil sie realisieren, dass die Pyramide nach oben immer enger wird. Dann ist ein solches Angebot verlockend. 

«Obwohl unsere Saläre nicht schlecht sind, verdient man in den Privatkliniken das Doppelte»

Andere haben irgendwann genug von der Arbeit in einem Akutspital und wieder andere wollen auch mehr Geld verdienen. Obwohl unsere Saläre nicht schlecht sind, verdient man in den Privatkliniken fast das Doppelte. Auf der anderen Seite gibt es durch solche Situationen wieder Luft für die nächste Generation. Wir konnten das Problem innerhalb kürzester Zeit erfolgreich und zur Zufriedenheit des ganzen Teams lösen.
Welches waren die wichtigsten diagnostischen und therapeutischen Fortschritte, die Sie in Ihrer Zeit als Klinikdirektor erlebt haben?
Die Kardiologie hat sich von einem diagnostischen zu einem therapeutisch-chirurgischen Fach gewandelt. Kürzlich habe ich in einem Editorial des «European Heart Journal» die Entwicklung der Herzinfarkt-Behandlung seit Mitte der 1950er Jahre beschrieben. Damals gab es keine Behandlungsmöglichkeiten, keine Medikamente mit Ausnahme von Morphium, keine Koronarangiografie, keine Defibrillation; entsprechend verstarb etwa die Hälfte der Patienten an den Folgen eines Myokardinfarkts. Die Entwicklungen der interventionellen Kardiologie haben dazu geführt, dass die Sterblichkeit an unserem Zentrum heute unter 7 Prozent liegt – das ist phänomenal. Die rasche Behandlung führt sogar dazu, dass die Häufigkeit der Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion (HFrEF) nach einem Myokardinfarkt deutlich abnimmt.
Verändert hat sich auch die Ausbildung.
Die Spezialisierung nimmt immer weiter zu, nur das Medizinstudium selbst ist gleich geblieben. Was würden Sie ändern?

Die Spezialisierung, die ich damals in der Inneren Medizin erlebt habe, sehen wir nun in der Kardiologie. In Zukunft wird man als Kardiologe ein Grundstudium absolvieren und sich anschliessend in einem Teilbereich – wie der interventionellen Kardiologie oder Rhythmologie –spezialisieren und im Unterschied zu heute auch zertifizieren. Ich bin mir aber nicht sicher, inwieweit schon während des Studiums eine Ausrichtung auf ein Fachgebiet stattfinden sollte.
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Mehr? Das vollständige Interview findet sich in der «Praxisdepesche»
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