Die Psychiaterin mit dem guten Gespür für Dramatik

«Das Arztsein an sich ist schon ein Krimi», sagt die Psychiaterin Esther Pauchard. Vermutlich deshalb schreibt sie so gerne über Verbrechen.

, 9. September 2020, 05:38
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Warum schreiben Ärzte eigentlich keine Arztromane? Und warum ist die Psychiatrie inspirierend für Krimiautorinnen? Auf solche Fragen kann Esther Pauchard aus eigener Erfahrung antworten. Sie ist Psychiaterin – und Krimiautorin.
Die 47-jährige Thuner Ärztin mit dem Fachgebiet Sucht hat soeben ihren sechsten Kriminalroman veröffentlicht. In einem Interview stand die ärztliche Leiterin der Ambulanten Suchtbehandlung Berner Oberland (ASBO) in Thun den Fragen von Medinside Red und Antwort.
Frau Pauchard, mir fällt auf, dass Ärztinnen und Ärzte in der Regel nicht Arztromane schreiben, sondern Krimis. Haben Sie da eine Erklärung dafür?
Dass sie keine Arztromane schreiben, ist klar. Es sind ja auch nicht die Polizisten, die Krimis schreiben… Aber im Ernst: Das Arztsein ist ja eigentlich schon per se ein Krimi. Auf der Jagd nach einer Diagnose muss man allen Spuren nachgehen, dann die einen weiterverfolgen und die anderen fallenlassen. Dazu kommt, dass bei Krimis die Dramaturgie sehr attraktiv ist, weil sie viel mehr Möglichkeiten lässt als in einem herkömmlichen Roman. Das kommt Ärztinnen und Ärzte entgegen. Sie haben von Berufes wegen ein gutes Gespür für Dramatik.
Ihre Krimi-Hauptfigur Kassandra Bergen wird immer wieder in Kriminalfälle verwickelt. Sie auch?
Gott sei Dank nicht. In meinen Büchern ist es überwahrscheinlich, dass sie auf einen Fall stösst. Das ist natürlich unrealistisch. Aber Bücher, die nicht nur die Realität abbilden, sind spannender. Sonst könnte man ja gleich das Telefonbuch lesen.
Aber neugierig sind Sie?
Ja, eindeutig.
Sassen auch schon Patienten mit kriminellen Erfahrungen bei Ihnen im Behandlungszimmer?
Das ergibt sich aus meinem Fachgebiet, den Suchtkrankheiten. Zur Sucht gehören auch illegale Substanzen wie Heroin oder Kokain. Häufig sind meine Patienten und Patientinnen irgendwann in ihrem Leben auch Opfer von Straftaten geworden. Ich bekomme also häufig kriminelle Erfahrungen mit. Aber ich würde nie eine reale Patientengeschichte für meine Bücher verwenden. Das ist für mich absolut tabu.
Lassen sich Menschen therapieren, die jemanden umgebracht haben?
Ich bin keine Spezialistin für forensische Psychiatrie. Aber grundsätzlich lässt sich sagen: Das kommt auf die Ausgangslage an. Es gibt ganz unterschiedliche Tötungsdelikte. Es ist etwas anderes, wenn eine Mutter in Panik ihr Kind verteidigt, als wenn jemand kaltblütig einen Mord plant. Man darf Verbrecher auch nicht mit psychisch Kranken gleichsetzen. Nur ein kleiner Teil der Menschen, die kriminell werden, sind psychisch krank. Und umgekehrt ist es nur ein winziger Bruchteil der psychisch Kranken, der straffällig wird.
Sie wollten einst Hundecoiffeuse werden. Was für einen Wandel macht ein Mensch durch, wenn er zuerst Hunde frisieren, dann aber lieber leidende Menschen gesund machen will?
Vor allem den grundlegenden Wandel, nicht mehr ein aufgeregter Teenager zu sein. Das war damals keine ausgereifte Idee. Ich bin dann ins Gymnasium gegangen und bin zur Medizin gekommen, weil das ein paar coole Kollegen so gemacht haben. Auch das war also eher ein Zufallsentscheid. Genauso wie mein jetziges Fachgebiet Suchtkrankheiten nicht geplant war. Aber ich bin sehr froh darüber, wie sich alles ergeben hat und würde nichts anderes wollen.
Sie sind sehr direkt, deshalb frage ich nun auch direkt: Was mögen Sie lieber? Patientinnen oder Patienten?
Das spielt für mich überhaupt keine Rolle. Es ist meine Aufgabe, mit Männern genauso gut umgehen zu können, wie mit Frauen. Hingegen ist es für Patientinnen und Patienten manchmal wichtig, dass sie einer Frau oder einem Mann gegenübersitzen. Wenn zum Beispiel ein Mann grässliche Erfahrungen mit seiner Mutter gemacht hat und dann begegnet ihm eine Psychiaterin, die seine Mutter sein könnte, ist das keine gute Behandlungsbasis.
Behandeln Sie lieber Burnouts oder Kokainsüchtige?
Kokainsüchtige. Menschen mit Suchtproblemen sind sehr direkt, intensiv und haben interessante Persönlichkeiten. Das entspricht mir mehr, als das Behandeln von Depressionen.
Dürfen Ihre Suchtpatienten wählen zwischen Medis und Psychotherapie?
Freien Zugriff auf den Rezeptblock darf man süchtigen Menschen nicht geben. Damit würden sie sich selber gefährden. Der Wunsch der Patienten darf für mich deshalb nie alleinige Leitlinie sein. Ich muss nein sagen können, damit ich nicht zum Spielball ihres Suchtanteils werde. Und trotzdem muss ich den Willen des Patienten, ihre übergeordneten Ziele respektieren. Diese Balance ist nicht immer einfach.
In Ihrem ersten Buch küsst Kassandra Bergen den Oberarzt? Eine autobiographische Erfahrung?
Nein. Aber ich finde gerade dies das Interessante am Schreiben: Ich kann meine Protagonistin in viel extremere Situationen reinlaufen lassen als dass ich sie erlebt habe.
Ist eine psychiatrische Klinik ein inspirierender Arbeitsort?
Ja. Definitiv inspirierender als ein Nagelstudio. Wobei, dass ich da durchaus auf Widerspruch gefasst bin…
Und eine ambulante Fachstelle für Süchtige ist auch spannend?
Natürlich. Die Geschichten meiner Patientinnen und Patienten sind zwar tabu. Aber die Themen, die ich mitbekomme, sind am Puls des Lebens und der Extreme.
Macht Schreiben eigentlich auch süchtig?
Ja. Ich mag es nicht, kein neues Projekt zu haben.
Sie sind also Kettenschreiberin?
Ja, aber leider habe ich nicht immer so viel Zeit. Gerne würde ich mir einen Tag pro Woche Zeit nehmen fürs Schreiben.
Dann waren Sie auch schon auf Entzug?
Ich schaue, dass ich nicht zu lange pausiere. Es ist ja «gäbig»: Ich habe meine Geschichten immer auf einem USB-Stick dabei und kann daran arbeiten, wenn ich zwischendurch einmal genug Ruhe und Zeit habe.
Ihre ersten drei Buchtitel begannen immer mit «Jenseits», die nächsten dann jeweils mit «Tödlich». Warum dieser Wechsel?
Ganz einfach: In den «Jenseits»-Krimis ist die Ärztin Kassandra Bergen die Hauptfigur. In den «Tödlich»-Krimis ist es die Praxisassistentin Melissa Braun.
Nun ist wieder Kassandra Bergen am Ermitteln
In Esther Pauchards neustem Kriminalroman «Jenseits des Zweifels» steht wieder Kassandra Bergen, Oberärztin in der psychiatrischen Klinik Eschenberg, im Zentrum. In der einflussreichen Familie ihrer Patientin Anaïs Graf stösst die Ärztin auf ungereimte Todesfälle – und muss plötzlich aufpassen, nicht selber in tödliche Gefahr zu geraten.
Esther Pauchard, Jenseits des Zweifels, Lokwort Verlag
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