Kleine Rabatte verbessern Medikamenteneinnahme

Was kostet es, damit chronisch Erkrankte ihre Medikamente konsequenter einnehmen? Weniger als sechs Franken pro Monat. Zu diesem Ergebnis kommt ein Schweizer Gesundheitsökonom.

, 7. Juli 2020 um 08:02
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Marcel Bilger, Leiter der Abteilung für Health Economics and Policy am Department für Sozioökonomie der Uni Wien. | PD
Die nachlässige Medikamenteneinnahme bei chronischen Krankheiten fordert nicht nur Todesfälle und schwere Krankheitsverläufe. Sie verursacht auch hohe wirtschaftlich Kosten für ein Gesundheitssystem: Alleine in den USA gehen Experten davon aus, dass dieses Problem jährlich für 125'000 Todesfälle und umgerechnet knapp 100 Milliarden Franken Zusatzkosten verantwortlich ist. 
Doch schon mit kleinen finanziellen Anreizen könnte bei vielen chronischen Erkrankungen ein «kosteneffektiver» Weg zur langfristigen Verbesserung des Gesundheitszustandes erreicht werden. Zu diesem Ergebnis kommt der Gesundheitsökonom Marcel Bilger. Bei Patienten, die kleine Rabatte auf die Behandlungskosten als «Belohnung» erhielten, zeigte sich eine deutlich höhere Konsequenz bei der Einnahme ihrer Medikamente.

Experimentelle Studie bei Glaukom-Patienten

Bisherige Versuche, Menschen zur Behandlung ihrer Erkrankung zu bewegen, waren bislang wenig erfolgreich - und oft kostenintensiv. In der aktuellen Studie nahmen die Probanden, die Rabatte erhielten, an immerhin 73,1 Prozent der Tage ihre Medikamente vollständig ein. Dies nach sechs Monaten. Das sind 12,2 Prozentpunkte mehr als die Vergleichsgruppe. Die Untersuchungsgruppe bestand dabei aus 100 Glaukom-Betroffenen.
Es zeigte sich weiter: Rabatte in der Höhe von umgerechnet 5.6 Franken monatlich reichen aus, um die Zahl jener Personen zu steigern, die ihre Medikamente regelmässig in vorgeschriebenem Ausmass nehmen. Die Studienautoren um den Schweizer Gesundheitsökonomen Marcel Bilger haben ihre experimentelle Analyse im Journal «Applied Health Economics and Health Policy» publiziert.
Bilger, M., Wong, T.T., Lee, J.Y. et al. «Using Adherence-Contingent Rebates on Chronic Disease Treatment Costs to Promote Medication Adherence: Results from a Randomized Controlled Trial.», in: «Appl Health Econ Health Policy» 17, 841–855 (2019). 

Betroffene bleiben länger gesünder

Studien gehen davon aus, dass selbst in wohlhabenden Ländern 50 Prozent der chronischen Erkrankungen unbehandelt bleiben. Weil eine Medikation derartiger Erkrankungen oftmals nicht unmittelbare Erfolge zeigt, sondern auf langfristige Besserung des Krankheitsverlaufes zielt, neigen Patienten vielfach dazu, ihre Erkrankungen unbehandelt zu lassen. Mittels regelmässiger medikamentöser Behandlung könnte der Krankheitsverlauf und somit hier das endgültige Erblinden bei Glaukom-Patienten verzögert werden.
Ob Rheuma, Diabetes, Morbus Crohn oder Asthma: «Der schnelle Zusatznutzen, den die Patienten bei regelmässiger Medikamenteneinnahmen erfahren, motiviert zur weiteren Therapie. Dadurch bleiben Betroffene länger gesünder», erklärt Marcel Bilger, der seit 2018 an der Wirtschaftsuni in Wien lehrt und forscht.
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