Wie man für 15 Rappen pro Monat den Apotheken-Markt zerstört

Santésuisse hat vorgerechnet, wo man bei Medikamenten sparen kann. Wir haben nachgerechnet.

Gastbeitrag von Claus Hysek, 7. Juni 2024 um 22:00
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Bild: Serkan Yildiz on Unsplash
In ihrer Präsentation zum Auslandpreisvergleich 2023 sichtet Santésuisse-Direktorin Verena Nold «grosse Einsparungen mit einfachen Massnahmen: Umsetzung muss jetzt erfolgen!». Unter anderem erwähnt sie ein «zusätzliches Einsparpotenzial durch Anpassung der Vertriebsmargen: bis zu 300 Mio. Franken».
Dass Santésuisse mit den mantramässigen Sparpotential-Übungen gerne mit Millionen um sich wirft, sind wir ja gewohnt. Es ist auch viel einfacher, als nach wirklichen Lösungen zu suchen.
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Claus Hysek besass bis zur Übergabe an seinen Sohn 2015 eine Apotheke in Biel. Er präsidiert seit 22 Jahren den Apotheker-Verein Ifak und ist seit der Gründung 1998 Verwaltungsratspräsident der Ifak Data AG, die auf Abrechnungs-Services für Apotheken spezialisiert ist.
Aber mit ein paar einfachen Dreisatzrechnungen lässt sich aufzeigen, dass man sich bei solchen Schlussfolgerungen langsam Gedanken über deren Redlichkeit machen darf.
Alle nachfolgend genannten Zahlen (die wir nicht verifiziert haben), nehmen wir aus der Präsentation von Santésuisse zum Auslandpreisvergleich 2023:
  • Medikamentenkosten von 9,3 Milliarden Franken,
  • davon ein Vertriebsanteil von 24,5 Prozent (inklusive Leistungsorentierte Abgeltung LOA),
  • ergibt 2,347 Milliarden Franken Vertriebsanteil.
➡️ Bei einem Einsparpotential «durch Anpassung der Vertriebsmargen» von 300 Millionen Franken (was 12,7 Prozent entspricht) bleibt für den Vertriebsanteil 22 Prozent.
Zum Vergleich: Migros und Coop – die im Vergleich zum Medikamentenmarkt weniger transparent sind – haben eine Marge zwischen 35 und 40 Prozent.
Erwähnt sei auch, dass die Schweizer Apotheken seit 2001 den gleichen Taxpunktwert von 1,08 Franken Franken haben. Dieser wurde also seit 23 Jahren nie angepasst. Wo gibt es das sonst?

Wir sparen: 1 Café Crème

Aber weiter mit den Berechnungen von Santésuisse: Insgesamt sichtet der Kassenverband in den neuen Unterlagen zu den Medikamentenpreisen ein Potential von 1,6 Milliarden Franken an Einsparungen. Das entspreche 4 Prämienprozenten.
Somit sind die erwähnten 300 Millionen Franken 0,72 Prämienprozente. Je nach monatlicher Prämie liegt das Spar-Resultat also zwischen 3,20 Franken und 4,50 Franken – das sind weniger, als man heute eine Tasse Kaffee bezahlt. Pro Tag sind es 0,15 Franken.
Dafür ist dann aber der Markt für die Apotheken mit Sicherheit komplett zerstört.
Statt mit den Apotheken echten Mehrwert und Kosteneinsparungen zu generieren, will Santésuisse diese beseitigen. Denn eines ist klar: Nur eine wirtschaftlich rentable Apotheke kann Dienstleistungen erbringen. Aber solche Sparakrobatik wird das gesamte Sparpotential untergraben.
Dieser Beitrag erschien (in leicht längerer Form) zuerst auf dem Blog des Apotheken-Vereins Ifak.
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