Auch Ärztinnen sind Opfer von sexuellen Übergriffen

Traurig aber wahr: Immer wieder sind Frauen ihren Vorgesetzten am Arbeitsplatz ausgeliefert - auch in der Gesundheitsbranche. Aktuell zu reden gibt das Ausmass an sexuellen Übergriffen gegenüber Ärztinnen. Mit Umfrage.

, 14. Februar 2022, 16:06
image
Eine 30-jährige Assistenzärztin, die von ihrem Chefarzt an die Wand gedrückt und geküsst wird, während er ihre Hand an sein steifes Glied hält. Eine Oberärztin, die vom chirurgischen Assistenzen nach einer OP den Kleidern entledigt wird und halbnackt da steht. Eine leitende Ärztin für Anästhesie, die in ihrer Zeit als Assistenzärztin durch einen Chefarzt sexuell belästigt und danach zum Stillschweigen aufgefordert wird. Ärztinnen, die derben Sprüchen wie 

  • Sind Sie untenrum auch rasiert?
  • Halte deine Beine zusammen, sonst wirst du schwanger.
  • Ich intubiere dich in alle Löcher!
  • Du musst mal wieder durchgevögelt werden.

ausgesetzt sind, begrabscht, gestalkt, verfolgt oder sogar vergewaltigt werden. Übertrieben? Nein - sexuelle Belästigungen sowie Übergriffe sind nach wie vor Realität und geschehen regelmässig; sei es im OP-Saal, bei der Visite oder im Behandlungszimmer. Das zeigt eine Umfrage vom «Tages Anzeiger», an welcher über 250 Ärztinnen teilnahmen, die von Übergriffen durch Vorgesetzte, Kollegen oder Patienten berichten. Die meisten gemeldeten Fälle sind laut der Zeitung neu.
Wie berichtet wird, sind meist Assistenzärztinnen von sexuellen Übergriffen betroffen; häufig auch Medizinstudentinnen als sogenannte Unterassistenzärztinnen. Für Assistenzärztinnen sei es viel schwieriger, sich gegen sexuelle Übergriffe zu wehren, weil sie aufgrund des Rotationssystems nicht lange an einem Arbeitsort seien, wird Sibyl Schädeli, lange Personalleiterin am Universitätsspital Basel, zitiert. Sie glaube auch, dass sich Vorgesetzte gegenüber Assistenzärztinnen viel eher etwas erlauben würden, weil die Kollegin sowieso bald wieder gehe.

Patienten onanieren vor Ärztinnen

Belästigungen erfahren Ärztinnen aber auch durch Patienten oder deren Angehörige, «etwa bei körperlichen Untersuchungen oder Aufklärungsgesprächen. Auch hier sind die Frauen handfesten Übergriffen ausgesetzt, auch hier werden sie mit zum Teil mit derben Sprüchen eingedeckt. Sie schildern, wie Männer während der Untersuchung vor ihnen onanieren oder sogar ejakulieren. Auch berichten sie von Stalking, etwa per SMS oder Mail», gibt der «Tages Anzeiger» zu denken.

Angst und Schamgefühle

Ein Grossteil der betroffenen Frauen spricht zwar mit Arbeitskolleginnen, Freunden oder Familienangehörigen über die sexuellen Belästigungen am Arbeitsplatz. Wegen Angst, Schamgefühlen oder aufgrund mangelnden Beweisen erfährt die Geschäftsleitung selten von den Übergriffen. So gaben an der «Tages Anzeiger»-Umfrage nur 47 von über 250 Frauen an, den geschilderten Vorfall intern oder extern gemeldet zu haben. Bedenklich ist, dass es in den wenigsten Fällen Konsequenzen für die Belästiger gibt: In der Umfrage werden sie nur 17-mal genannt, etwa mit einer Verwarnung. 

Drastische Folgen für die Opfer

Hingegen haben die Vorfälle für die belästigten Ärztinnen teilweise drastische berufliche, gesundheitliche und persönliche Folgen. So berichten dutzende Frauen von Angst und Unsicherheit, von Scham oder einem Verlust des Selbstwertgefühls nach einem Vorfall. Auch Wut und Entrüstung werden in der Umfrage genannt.
Tatsache ist: Die sexuelle Belästigung bei Ärztinnen ist kein Schweizer Phänomen - sie ist weltweit verbreitet. Dass die meisten betroffenen Frauen darüber schweigen ebenso. Das zeigte eine eindrückliche Studie aus den USA

Sexuelle Übergriffe in der Pflege

Doch nicht nur Ärztinnen sind von sexuellen Übergriffen betroffen. Gewalt und sexuelle Belästigung haben einen, wie der SBK (Schweizer Berufsverband für Pflegepersonal) schreibt, «einen verheerenden Einfluss auf die Attraktivität des Pflegeberufs. Das zeigte unter anderem eine gemeinsame Studie des SECO und des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann.»

Bitte nehmen Sie an der Umfrage teil. 

Wichtig: Sie ist anonym, es wird keine IP-Adresse abgespeichert!

Die Umfrage ist seit Dienstag, 22. Februar, geschlossen. 
Artikel teilen

Loading

Comment

Home Delivery
2 x pro Woche. Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Darum sprechen psychisch Kranke oft von Krieg und Reisen

Wer unter psychischen Störungen leidet, benutzt oft Kriegs- oder Reisemetaphern, um sein Leiden zu beschreiben. Forscher wollen das nutzen.

image

Wie sich ein Forscher über Schweizer Homöopathie wundert

Kaum ein Land bezahlt Homöopathie aus der Grundversicherung. Ausser der Schweiz. Das ist erstaunlich, wie ein Experte sagt.

image

Direktorin des Spitalverbands steigt bei Patientenhotel ein

Die Patientenhotel-Firma Reliva holt sich eine prominente Verwaltungsrätin: Anne-Geneviève Bütikofer ist Direktorin des Spitalverbands.

image

Epilepsie-Zentrum holt Neuropädiater aus Berlin

Das Schweizerische Epilepsie-Zentrum an der Klinik Lengg hat einen neuen Spezialisten für Kinder mit Epilepsie. Er hat zuvor in Tübingen und Berlin gearbeitet.

image

Was passiert bei Strommangel mit dem Apnoe-Gerät?

Hausärzte sollten ihre Patienten auf den Winter vorbereiten. Im Notfall funktionieren bei einer Stromlücke lebenswichtige Geräte nicht mehr.

image

Antibiotika: So könnten die Verschreibungen reduziert werden

Mit Hilfe von Krankenkassendaten liessen sich Verschreibungen überwachen und mit einem einfachen Test reduzieren. Die Basler Forscher stiessen während der Projektphase damit aber auf taube Ohren.

Vom gleichen Autor

image

Das Elektronische Patientendossier wird für alle kommen

Es herrscht breiter Konsens, dass bei der kommenden Revision der Gesetzgebung Elektronisches Patientendossier die Pflicht für ein Dossier eingeführt wird.

image

Krebsdiagnose: Neue Methode verspricht weniger Nebenwirkungen

Schweizer Forschende haben eine Methode für die Diagnose von Tumoren verbessert. Damit sollen Nebenwirkungen in der Niere geringer ausfallen.

image

Zürich hat eine neue Anlaufstelle für suizidgefährdete Jugendliche

Die Psychiatrische Uniklinik Zürich hat am Montag die Türen der neuen Früh- und Krisenintervention für suizidgefährdete Jugendliche ab 12 Jahren geöffnet.