Assistenzärzte am Rande des Zusammenbruchs

Eine Assistenzärztin schildert in einem eindrücklichen Schreiben ihre psychische Verfassung.

, 21. Juli 2020 um 08:03
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Die «Schweizerische Ärztezeitung» hat anonymisierte Schilderungen einer Assistenzärztin veröffentlicht. Der Text stehe exemplarisch für viele ähnliche Äusserungen von Kolleginnen, schreibt Remed, das Unterstützungsnetzwerk für Ärztinnen und Ärzte. 
«Es ist sehr beschämend, und ich kenne mich einfach selbst nicht mehr! Noch nie habe ich in meinem Leben versagt oder eine Niederlage erlitten, immer war ich erfolgreich. Zum ersten Mal im Leben bricht jetzt alles zusam­men. Wie peinlich! Bereits nach sechs Monaten an meiner allerersten Stelle als Assistenzärztin fühle ich mich völlig unfähig in meinem Beruf. Man sagt mir, ich wolle alles viel zu perfekt machen und würde meine Leistungen mit einem überstrengen Massstab messen. Wie auch immer: Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich am liebsten einfach vor allem davonlaufen möchte und ich für mich kein Zurück in den Arztberuf mehr sehe.
Ich befinde mich noch in der Probezeit meiner ersten Stelle als Assistenzärztin. Es wäre also sehr einfach, dem ganzen Leiden ein Ende zu setzen. Ich befürchte jedoch, wenn ich jetzt aufgebe, gar nichts mehr in meinem Leben hinzukriegen. Während meine Kolleginnen und Kollegen offenbar Freude an ihrem Beruf haben und aufblühen in ihrer Rolle, wird das für mich jeden Tag schwieriger. Ich bewundere und beneide die anderen und sehe mich im Vergleich zu ihnen völlig unfähig, den Arztberuf aus­zuüben, und schlussendlich als Versagerin. Ich verstehe nicht, wie mein Chef mir eine genügende, ja sogar eine gute Beurteilung geben konnte bei der ersten Qualifikation von letzter Woche. Gut, nach einem halben Jahr überschätzt er mich wahrscheinlich einfach völlig. Deshalb soll ich ab dem nächsten Monat nach einer ­gerade mal dreitägigen Kurzeinführung auf den medizinischen Notfall wechseln – weil ich so kompetent und ­zuverlässig sei! Dieses Bild von mir ändert sich mit Sicherheit noch, und die nächste ‘Quali’ wird mit Bestimmtheit ein Destaster, nur schon wegen der vielen unnötigen Überstunden, die ich möglichst geheim halte, und aufgrund meiner Unsicher­heit und Unfähigkeit, Entscheidungen zu fällen. Ich kann nicht weiter Ärztin sein!
Ich habe viel zu viele Ängste! Zum Beispiel Angst davor, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen, Ängste davor, verheerende Fehler zu machen und dabei Patienten zu schädigen, allgemein davor zu versagen und davor, dass meine Unfähigkeit für andere immer sichtbarer wird. Ich bin verzweifelt und am Ende meiner Kräfte. In letzter Zeit habe ich mich immer häufiger auf die Toilette zurückgezogen. Dort bin ich dann, bis ich ­fertig geweint habe, geblieben, und das dauerte schon ­20–30 Minuten! Ich versuche mir nicht ansehen zu lassen, wenn ich auf der Station oder an Rapporten bin, was in mir drin wirklich vorgeht. Ich verstecke mich hinter einer undurchdringbaren Fassade und bin für die anderen, was ich für sie immer war: die stets und makellos Brillierende. Das verschafft mir Bewunderung und nette Rückmeldungen – zum hohen Preis, dass ich jetzt beinahe zusammenbreche. Niemand bekommt mit, dass ich es inzwischen kaum noch schaffe, das Spital zu ­betreten. Niemand weiss davon, wie es mir wirklich geht.»
Quelle: «Schweizerische Ärztezeitung», 15. Juli 2020

Mehrheit ist weiblich

Die Kontaktaufnahmen bei Remed sind im vergangenen Jahr um 10 Prozent auf 162 Fälle angestiegen, die Mehrheit aus dem stationären Bereich und weiblich. Die Hauptgründe waren «Angst» gefolgt von «Belastung am Arbeitsplatz» und «Depression».
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