Arztpraxis: Grösser ist nicht unbedingt besser

In der Wahrnehmung der Patienten liefern grosse und teure Praxen nicht mehr Qualität als kleine und günstige. Dies zeigt eine Untersuchung der Harvard Medical School.

, 16. Mai 2017, 06:49
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Gemeinschaftspraxen, Ärztenetzwerke, Gesundheitszentren: Die Konsolidierung im Gesundheitswesen schreitet voran. Aber führt der Zusammenschluss von Ärzten zu grösseren Einheiten auch zu mehr Qualität und Effizienz der Behandlungen? 
Ein im US-Fachmagazin «Health Affairs» publizierter Report der Harvard Medical School findet auf die Frage eine klare Antwort: Nein. Die Autoren kommen vielmehr zum Schluss, dass die Konsolidierung zwar die Preise in die Höhe treibt, die Behandlungsqualität dabei aber nicht verbessert wird. 

Preis sagt nichts über Qualität aus

«Der Preis ist kein Qualitätskriterium», lautet das Fazit von Eric Roberts von der Harvard Medical School, «teure Praxen und Behandlungen werden von den Patienten nicht besser bewertet als günstige». Die Wissenschaftler konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen teuren und günstigen Praxen ermitteln. 
Eric T. Roberts, Ateev Mehrotra, J. Michael McWilliams: «High-Price And Low-Price Physician Practices Do Not Differ Significantly On Care Quality Or Efficiency» - in: «Health Affairs», Mai 2017
Roberts und seine Kollegen untersuchten den Zusammenhang zwischen den Tarifen der Praxen und der Qualität und Effizienz der Behandlungen. Konkrete Kriterien waren die Bewertungen der Behandlungen durch die Patienten, der Zugang zu den Behandlungen und die Zusammenarbeit mit den Hausärzten. 
Anhand von Daten von Krankenversicherern teilten sie die Praxen in Preisklassen ein. Die Preisunterschiede waren deutlich: In den teuren Praxen kostete eine Sprechstunde im Durchschnitt rund 84 Dollar, in den günstigen 62 Dollar. 
Die Daten glichen sie mit Patientenumfragen und Informationen der Consumer Assessment of Healthcare Providers and Systems sowie der staatlichen Krankenversicherung Medicare ab. Insgesamt wurden über 30'000 Patientendaten ausgewertet. 

Kürzere Wartezeiten

In zwei Punkten schnitten die teuren Praxen besser ab: Die Wartezeiten sind kürzer. Die Patienten wurden in der Regel innerhalb von 15 Minuten nach dem festgesetzten Termin behandelt. Auch wurden Koordination und Management der Abläufe von den Patienten besser bewertet.
Ein Unterschied ergab sich auch bei den Impfungen: In den teuren Praxen wurden mehr Grippeimpfungen vorgenommen. 
In der Gesamtwertung aber, der Qualität der Ärzte und der Behandlungen, liegen die teuren und die günstigen Praxen gleichauf. Das gilt auch für die Zahl der verschriebenen Hospitalisierungen und Vorsorgemassnahmen wie Mammografien. Damit kontrastiert das Gesundheitswesen mit den meisten Märkten, in denen normalerweise höhere Preise auch mehr Qualität bedeuten.   

Grösser = teurer

Besonders hervorgehoben wird, dass die teuren Praxen allesamt grösser waren als die günstigeren. So hatten die grössten Praxen rund 20 Prozent höhere Tarife als die kleinsten. Dies zeige, dass «grössere Versorgungsgruppen mit Vermarktungsmacht fähig sind, markant höhere Preise durchzusetzen.» 
«Es gibt einen allgemeinen Konsens, dass grösser auch besser ist», sagt Autor Michael McWilliams, Professor der Harvard Medical School. «Wir wissen, dass Grösse zu höheren Preisen führt. Nicht geklärt war bis anhin, ob sie auch zu mehr Qualität führt.» Für McWilliams macht die Studie klar, dass die fortgeschrittene Konsolidierung den Patienten nichts nützt.  

«Mythos widerlegt»

Die Studie widerlege den Mythos, dass teurere Gesundheitsversorgung besser sei als günstigere, wird Martin Gaynor, Professor für Gesundheitspolitik an der University von Pittsburgh, in der Agentur Reuters zitiert. «Kleine Praxen arbeiten in vielerlei Hinsicht genauso gut wie grosse.»
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