Altersheime kämpfen schweizweit mit Impfdurchbrüchen

Am Wochenende gaben Impfdurchbrüche im Kanton Aargau zu reden. Diese sind jedoch in der ganzen Schweiz eine Realität – auch bei den Pflegefachpersonen, wie eine Umfrage zeigt.

, 16. November 2021, 08:09
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Die Lage im Alters- und Pflegeheim «Im Brühl» in Spreitenbach ist stabil. Das bestätigte die Heimleiterin Sandra Graf gestern gegenüber Medinside. Dort hatten sich am Wochenende sechs Bewohnerinnen und Bewohner mit Sars-CoV-2 angesteckt – bei fünf Personen handelte es sich um Impfdurchbrüche. Grund genug für die Heimleitung, das ganze Haus unter Quarantäne zu stellen. Die Verläufe bei den Betroffenen waren  mild. Wie sich das Virus ins Haus geschlichen hat, sei nicht bekannt und lasse sich auch nicht belegen, so Graf. 

Tertianum: Ungeimpfte sollen der Grund sein

Die Impfdurchbrüche in Spreitenbach, sowie diejenigen in den anderen zehn Aargauer Alters- und Pflegeheimen, sind aber keine Ausnahme: Auch innerhalb der Tertianum-Gruppe ist es zu Impfdurchbrüchen gekommen: «Von 87 Häusern sind bisher vier Standorte betroffen», sagt Marianne Häuptli, COO Deutschschweiz, gegenüber Medinside. Es habe sich jeweils um vereinzelte Personen innerhalb der Häuser gehandelt, weshalb die betroffenen Stationen unter Quarantäne gestellt werden mussten. Für Besucherinnen und Besucher gänzlich unzugänglich war einzig ein kleines Haus in der Romandie.
Das Virus in die Häuser geschleppt haben sollen «ungeimpfte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir schauen sehr genau hin und sorgen dafür, dass die Ansteckungskette sofort durchbrochen werden kann», betont Häuptli. Und: «Besucherinnen und Besucher müssen sich an die 3-G-Regeln halten und tragen trotzdem FFP-Masken bei uns.» Somit könne die Ansteckung durch die Besucher ausgeschlossen werden.
Welche Mitarbeitenden das Virus in die Häuser eingeschleust haben, sei nur teils bekannt. «Man findet nicht immer heraus, wer es war.» Die Betroffenheit bei denjenigen, die kanalisiert werden konnten, sei allerdings sehr gross gewesen. «Die einen haben sich danach impfen lassen, die anderen nicht.» Gekündigt habe man den Ungeimpften nicht. «Wir testen alle sieben Tage, zudem muss ungeimpftes Personal FFP-Masken tragen.» Wer sich vehement gegen die Massnahmen weigert, darf nicht arbeiten und erhält keinen Lohn. «Von 3000 Mitarbeitenden hat sich bisher eine Person gewehrt.» Diese Person habe von allein gekündigt.
Was die Verläufe der Impfdurchbrüche betreffe, so seien diese bisher sehr mild ausgefallen – mit Ausnahmen: «Zwei Gäste sind nach dem Durchbruch verstorben. Diese waren jedoch bereits vor dem Impfdurchbruch sehr geschwächt.» Der Arzt habe versichert, dass diese beiden Personen mit aber nicht an Corona verstorben seien. Nun warten die Tertianum-Besucher und ebenso ein grosser Teil der Mitarbeitenden auf den «Booster». Mit den Auffrischungsimpfungen soll es in rund zehn Tagen losgehen. 

Zürich: Drei Betriebe und Mitarbeiter betroffen 

Impfdurchbrüche zu beklagen haben ebenso die Zürcher Gesundheitszentren für das Alter: «Im Moment sind drei Betriebe betroffen, die entsprechenden Stationen sind unter Quarantäne. Und im Gegensatz zum Sommer, wo nur je ein bis drei Bewohnerinnen und Bewohner pro Ausbruch betroffen waren, sind es jetzt mehr Bewohnerinnen und Bewohner, geimpfte und nicht geimpfte», erklärt Gaby Bieri, Ärztliche Direktorin Gesundheitszentren für das Alter. 
Wie es zu den Ansteckungen gekommen ist, sei schwierig zu sagen. «Es werden auch vermehrt geimpfte Mitarbeitende positiv getestet. Sie haben meist nur schwache Symptome und bringen das Virus so ins Haus. Die nicht Geimpften Mitarbeitenden werden zweimal pro Woche mit gepoolten Speicheltests gestestet», so Bieri. 
Schwere Verläufe gab es bisher vor allem bei den nicht geimpften Zürcher Bewohnerinnen und Bewohner. «Aktuell ist eine ungeimpfte Person verstorben.» Auf die Frage, wie die anderen Bewohnerinnen und Bewohner und das Personal mit der Situation umgehen, antwortet Bieri: «In der Zwischenzeit sind wir alle (leider) schon ziemlich Pandemie-routiniert; aber alle wären froh, würde es wieder ruhiger werden.» Mit den Booster-Impfungen konnte derweil gestartet werden. 

Keine Fälle bei «Domicil»

Von Impfdurchbrüchen bisher verschont geblieben ist das Unternehmen «Domicil». Für Besucherinnen und Besucher der 23 Standorte würden nach wie vor die gut bewährten Schutz- und Hygienemassnahmen gelten, heisst es auf Anfrage. «Sollte sich die Situation verändern, analysieren wir auch entsprechend unsere Massnahmen und prüfen das weitere Vorgehen», schreibt Stefanie Diviani, Verantwortliche Kommunikation.
Verdeckt hält sich «Senevita» (37 Standorte). «Wir melden allfällige Covid-19-Erkrankungen oder Impfdurchbrüche den Behörden», schreibt Alessa Blatter von der Senevita Medienstelle und verrät: «In ersten Betrieben konnten wir nun mit den Booster-Impfungen starten. Die Impfungen finden direkt an unseren Standorten statt. Bei uns gelten weiterhin die bisherigen Schutzmassnahmen und derzeit sind keine Besuchseinschränkungen vorgesehen.» 

Impfdurchbrüche in Einsiedeln

Wie der Einsiedler Anzeiger am 22. Oktober schrieb, kam es bereits vor knapp einem Monat im dortigen Alters- und Pflegezentrum zu 15 Covid-Fällen; zwei Drittel davon waren Impfdurchbrüche. Sich das Sars-CoV-2-Virus eingefangen hatten sich zudem acht Mitarbeitende - bei einigen davon handelte es sich ebenso um Impfdurchbrüche.
Curaviva Schweiz hat sich bisher noch nicht zur aktuellen Lage geäussert. Ein Update folgt. 
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