Ab 2020: Zum Medizinstudium nach St. Gallen

Das St. Galler Kantonsspital soll stärker zum Lehrspital werden, an der Universität entsteht eine Medical School: Bald sollen erstmals Medizin-Studenten in St. Gallen ihre Ausbildung beginnen. Immerhin hat die Klosterstadt eine grosse Medizin-Tradition.

, 2. Mai 2016, 19:01
image
  • ausbildung
  • st. gallen
  • numerus clausus
An der Universität St.Gallen und am Kantonsspital St.Gallen könnten bald schon 40 Studenten ihre Masterausbildung in Humanmedizin aufnehmen. Das neue Angebot würde im Herbstsemester 2020 starten. Es gründet auf einer Kooperationsvereinbarung, welche die Universitäten St.Gallen und Zürich sowie das Kantonsspital St.Gallen abgeschlossen haben. 
Die Schwerpunkte des Ostschweizer Medizinstudiums sollen dabei auf den Bereichen ärztliche Grundversorgung und interprofessionelle Zusammenarbeit liegen. Der Mastertitel wird gemeinsam von den Universitäten St.Gallen und Zürich vergeben («Joint Degree HSG/UZH»).
In einer Mitteilung zeigt sich die St.Galler Regierung «sehr erfreut, mit diesem neuen Studiengang einen Beitrag gegen den Mangel an inländischen Ärztinnen und Ärzten zu leisten».

Mit Anschubgeld vom Bund

Mit dem Projekt bewirbt sich der Kanton auch um Mittel aus der 100-Millionen-Franken-Paket, das der Bundesrat im Februar zum Ausbau von Medizin-Studienplätzen beschlossen hatte; Gesuche dafür konnten bis Ende April eingereicht werden, St. Gallen erhofft sich einen tiefen einstelligen Millionenbetrag.  
Die Kantonsregierung hatte letztes Jahr das Projekt «Medical Master St.Gallen» lanciert. Die Zusammenarbeit mit einer Universität wurde gesucht und mit der Uni Zürich wurde nun ein Partner gefunden. Im Gespräch für ein Medizin-Teamwork sollen auch die ETH Zürich und die Uni Luzern gewesen sein. 

Auch die St. Galler Ärzte stehen dahinter

Das Projekt werde auch getragen vom Universitätsrat St.Gallen, dem Verwaltungsrat der Spitalverbunde, von den Kaderärzten am Kantonsspital und der Ärztegesellschaft des Kantons St.Gallen. Noch offen ist die Zustimmung des Universitätsrat der Uni Zürich und der Zürcher Regierung.
«Mit dem Aufbau eines gemeinsamen innovativen Masterstudienganges in Medizin will St.Gallen dem herrschenden und zunehmenden Mangel an inländischen Ärztinnen und Ärzten aktiv begegnen», sagt Regierungsrätin Heidi Hanselmann: «Damit setzen wir einen Leuchtturm für die Ostschweiz.» Das gemeinsame Projekt nutze die Stärken der Universitäten St.Gallen und Zürich, des Kantonsspitals St.Gallen und der universitären Spitäler in Zürich.

Medical School finanziell unabhängig

Über das Kooperationsprojekt muss nun auch die schweizerische Hochschulkonferenz SHK entscheiden. Deren Beschluss über die berücksichtigten Projekte wird Anfang 2017 erwartet.
«An der Universität St.Gallen soll das Medical School St.Gallen gegründet werden. Dieses Institut untersteht dem Rektorat beziehungsweise dem Unirat, ist aber finanziell unabhängig», sagt der Rektor der Universität Sat. Gallen, Thomas Bieger.
Das Kantonsspital St.Gallen wiederum soll durch die Kooperation eine zusätzliche Aufwertung als akademisches Lehrspital gewinnen.  «Das Kantonsspital St.Gallen und die Regionalspitäler können ihre Stärke bei der klinischen Ausbildung der zukünftigen Ärztinnen und Ärzte perfekt einbringen», sagt KSSG-Direktor Daniel Germann: «Wir sind überzeugt mit unseren erfahrenen Dozentinnen und Dozenten einen innovativen Studiengang mit Vorbildcharakter mitzugestalten.»
St. Gallen als Zentrum der europäischen Medizin
Der Zufall will es, dass in der Stiftsbibliothek St. Gallen derzeit eine Ausstellung über die heimische Medizin läuft: «Abradabra – Medizin im Mittelalter».
Im Hintergrund steht, dass das Kloster St. Gallen zwischen dem 6. und dem 11. Jahrhundert eines der ganz grossen Zentren der europäischen Heilkunst war – und dass St. Gallen deshalb bis heute über eine grandiose historische Sammlung an medizinischer Literatur verfügt.
Der St. Galler Benediktiner Notker der Arzt (ca. 905-975), der auch am Hof Kaiser Otto des Grossen wirkte, gilt als wichtigster Vertreter der frühmittelalterlichen Klostermedizin. Im 7. Jahrhundert entstand in St. Gallen zudem das erste überlieferte Spital für Aussätzige in der Schweiz.
Der frühmittelalterliche St. Galler Klosterplan zeigt auch als seltener Beleg, wie damals eine Spitalanlage aussah, mit Krankensaal, Aderlasshaus, Ärztehaus, Apotheke und Kräutergarten.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Alterswohnsitz Bürgerspital pflegt Senioren für einen «Augenblick»

Die Ortsbürgergemeinde St.Gallen integriert eine Tages- und Nachtbetreuung in das bestehende Angebot. Es soll Angehörige entlasten – doch wer bezahlt?

image

Test für Medizinstudium soll analysiert werden

Der Kanton Freiburg überprüft die ärztliche Aufnahmeprüfung. Das Ziel: herausfinden, ob französischsprachige Kandidaten gegenüber deutschsprachigen benachteiligt werden.

image

Kanton muss Pflegestudium rasch unterstützen

Die Berner sind für einmal schneller als andere: Die Kantonsregierung investiert möglichst rasch Geld in die Pflegeausbildung. Andere Kantone wollen abwarten.

image

Spitalverbunde: Kanton greift finanziell unter die Arme

Die Finanzlage in St. Gallen hat sich schlechter entwickelt als angenommen; auch die Prognosen sind pessimistisch. Nun will der Kanton mit 163 Millionen Franken helfen.

image

Mit diesen Problemen kämpfen Spitalinternisten am meisten

Der Übergang vom Assistenzarzt zum Oberarzt ist belastend und herausfordernd. Und nicht immer sind Assistenzärzte auf den Alltag als Spitalinternist optimal vorbereitet.

image

Diese Gesundheitsberufe erfreuen sich wachsender Beliebtheit

Im vergangenen Jahr haben erneut mehr Personen einen Beruf in der Pflege ergriffen. Auch medizinisch-technische Berufe stossen auf grosses Interesse.

Vom gleichen Autor

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.

image

Wer will bei den Helios-Kliniken einsteigen?

Der deutsche Healthcare-Konzern Fresenius sucht offenbar Interessenten für den Privatspital-Riesen Helios.

image

Deutschland: Investment-Firmen schlucken hunderte Arztpraxen

Medizin wird zur Spielwiese für internationale Fonds-Gesellschaften. Ärzte fürchten, dass sie zu Zulieferern degradiert werden.