Gesundheitsökonom: «Ich will den Markt kehren»

Für die alternde Baby-Boomer-Generation brauche es nicht mehr Pflegeheime, sondern mehr Betreuung zu Hause. Das sagt der Gesundheitsexperte Heinz Locher.

, 7. September 2022, 05:13
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Der Berner Gesundheitsökonom Heinz Locher. | zvg
In den nächsten 20 Jahren werden in der Schweiz eine Million Menschen aus der Babyboomer-Generation 80-jährig. Der Berner Gesundheitsökonom Heinz Locher ist überzeugt: Für diese Generation brauche es nicht mehr Spitäler und Pflegeheime, sondern mehr Betreuung zu Hause. Und zwar nicht so, wie sie bisher praktiziert wird.
Heinz Locher, Ihnen missfällt, wie Betagte zu Hause betreut werden. Was ist schlecht daran?
Es gibt zwei Dinge: Erstens, dass die alten Menschen gepflegt, statt betreut werden und zweitens, dass die Betreuer und Betreuerinnen ausgebeutet werden.
Was ist schlechter an der Pflege als an der Betreuung?
Pflege macht unselbständig. Ein Beispiel: Wer gepflegt wird, wird morgens aufgenommen, gewaschen, angezogen – möglichst rasch und effizient. Und am Nachmittag gibt es dann für die Gepflegten eine Stunde Ergotherapie.
Betreuung ist besser?
Ja, Betreuerinnen und Betreuer helfen zum Beispiel, dass die Betagten möglichst selber aufstehen, sich waschen und anziehen können. Das kann länger dauern. Es dauert auch länger, wenn man einen alten Menschen beim Rüsten und Kochen helfen lässt, statt ihn mit Mahlzeiten zu beliefern. Aber die Betagten werden gefördert und ihre Kräfte bleiben länger erhalten. Die Ergotherapie braucht es dann nicht mehr.
Und was ist mit dem anderen Missstand: Warum werden die Betreuerinnen und Betreuer ausgebeutet?
Als ich vor zwei Jahren für einen Angehörigen eine private Betreuung brauchte, bin ich auf die Welt gekommen. In dieser Branche gibt es keine geregelten Einkommen, sondern nur Arbeit auf Abruf. Wenn der Klient anruft, er brauche am Sonntag niemanden, weil er mit dem Enkel essen gehe, dann gibt es auch keinen Lohn.

Heinz Locher ist ein «Urlauberli» - kein Babyboomer

Der Berner Gesundheitsökonom Heinz Locher ist mit Jahrgang 1943 etwas älter als die Babyboomer, die zwischen 1946 und 1964 – bis zur Erfindung der Anti-Baby-Pille – zur Welt kamen. Er sei ein so genanntes «Urlauberli», erzählt er. Die Geburtsdaten dieser Generation liessen sich aus dem Dienstbüchlein des Vaters errechnen: Er und viele andere seines Alters seien nämlich genau neun Monate nach dem Aktivdienst-Urlaub des Vaters geboren worden.
Die Angestellten haben kein gutes Einkommen?
Nein. Sie erhielten damals nur 24 Franken von den 54 Franken, welche die Kunden bezahlten. Die Betreuerinnen und Betreuer tragen auch heute noch das volle unternehmerische Risiko, wenn sie nicht gebraucht werden.
Was wäre die Lösung?
Fixe Monatslöhne. Das gibt dem Personal Sicherheit, das strahlt auch auf die Kunden aus. Und längerfristig kann sich die Schweiz ein grosses Reservoir für die Ausbildung von Fachkräften sichern.
Das müssen Sie erklären.
Die meisten Betreuerinnen und Betreuer haben einen Pflegehelferinnenkurs des Roten Kreuzes. Das ist eine Laienausbildung, die oft in einer Sackgasse endet. Es gibt aber Tausende von Frauen und auch einige Männer, die diesen Kurs gemacht haben. Wenn ihnen die Pflege-Weiterbildung bezahlt würde, könnte man diese Leute besser qualifizieren und etwas gegen den Personalmangel im Betreuungsbereich und in den Heimen tun.
Viele Spitäler bauen derzeit ihre Altersmedizin aus, insbesondere die Orthopädie. Sie bereiten sich also auch auf die vielen alternden Babyboomer vor.
Ja, aber ein Ausbau der Akutplätze ist nicht nötig. Eher eine bessere Abklärung, was für Behandlungen für ältere Menschen nötig sind. Ich scherze manchmal, dass man nur zu einem Orthopäden gehen sollte, der auf mindestens drei Monate ausgebucht ist, dann operiert er einen sicher nur, wenn es wirklich nötig ist. Aber im Ernst: Es gibt viele konservative Behandlungsmethoden wie Physiotherapie oder Bewegungstraining. Mit einer Abklärung, die nicht nur der behandelnde Orthopäde, sondern auch Physiotherapeuten und Rheumatologen einbezieht, könnte man sich viele Operationen sparen.
Sie haben letztes Jahr selber ein Betreuungsunternehmen gegründet. Wollen Sie Ihre eigenen Prognosen dazu nutzen, finanziell von den alternden Babyboomern zu profitieren?
Nein, in meinem Alter muss ich nicht mehr das grosse Geld verdienen. Ich habe zusammen mit der Therapeutin Claudine Chiquet die Firma «Care-at-Home» gegründet, weil wir einen Praxistest unseres Konzepts machen wollen.
Und funktioniert die Praxis?
Ja, sie funktioniert. Und ich hoffe, dass wir so viele Nachahmer finde, dass wir den Markt kehren können.
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