«Mangelernährung in Spitälern gewinnt an Brisanz»

Ein neuer Qualitätsvertrag zwischen H+, Curafutura und Santésuisse verpflichtet die Spitäler, das Problem der Mangelernährung gezielt anzugehen.

, 15. November 2024 um 09:04
image
Kontrolle der Patientenernährung: «Foodscanner» in der Küche der Universitären Altersmedizin Felix Platter  |  Bild: PD Nutrai
Der erste vom Bundesrat genehmigte Qualitätsvertrag zwischen dem Spitalverband H+, Curafutura und Santésuisse verpflichtet die Spitäler, Mangelernährung systematisch zu bekämpfen.
Denn dabei handelt es sich um ein wachsendes Problem: Bis zu 40 Prozent der Patienten sind bei der Spital-Aufnahme mangelernährt. «Besonders betroffen sind ältere Menschen, Patienten mit mehreren Erkrankungen oder solche mit Krebserkrankungen», sagt Philipp Schütz, Chefarzt Allgemeine Innere und Notfallmedizin am Kantonsspital Aarau. Seit Jahren forscht er im Bereich der Ernährungsmedizin; Schützt wurde hierfür mit dem Theodor-Naegeli-Preis ausgezeichnet.
Für die betroffenen Patientengruppen sei eine frühzeitige Erkennung und individuelle Ernährungstherapie entscheidend, um Komplikationen zu vermeiden und die Genesungschancen zu verbessern, betont Schütz.
Studien zeigen, dass bestimmte Massnahmen die Behandlungsqualität erhöhen und langfristig Kosten senken können. «Mangelernährung gewinnt an Brisanz und wird an medizinischen Fachtagungen verstärkt diskutiert», sagt Philipp Schütz – mehrere Spitäler hätten bereits Screening-Prozesse eingeführt, um gefährdete Patienten frühzeitig zu identifizieren.
Zudem zeige die Ärzteschaft heute mehr Interesse am neu etablierten interdisziplinären Schwerpunkt Ernährungsmedizin. «Dieser stärkt das spezialisierte Wissen zur Ernährungsmedizin in den Spitälern und verbessert die Qualität der Behandlung», erklärt Schütz.

Qualitätsvertrag

Allerdings stellt die Finanzierung der Massahmen oft eine Hürde dar: Der Kostendruck zwingt viele Spitäler, Personal abzubauen, wodurch der Aufbau spezialisierter Ernährungsteams gefährdet ist.
Der kürzlich vom Bundesrat genehmigte erste Qualitätsvertrag zwischen dem Spitalverband H+, Curafutura und Santésuisse sieht vor, das Management von Mangelernährung als eine zentrale Massnahme zur Qualitätsverbesserung festzulegen. Dadurch sind die Spitäler verpflichtet, das Thema Mangelernährung systematisch anzugehen und ein interprofessionelles Konzept für die Behandlung zu entwickeln.

Patienten-Screening

Konkret fordert der Vertrag von den Spitälern, dass mindestens 90 Prozent der Patienten auf Mangelernährung gescreent werden und bei Risikopatienten spezifische Massnahmen eingeleitet werden. Zeigt ein Patient Anzeichen von Mangelernährung, folgt ein detailliertes Ernährungs-Assessment – und gegebenenfalls eine Therapie.
«Wichtig ist auch zu betonen, dass verschiedene Studien beweisen konnten, dass der finanzielle Aufwand des Screenings und der Therapie mehr als kompensiert wird durch die Abnahme von Komplikationen», sagt der Experte.
Ebenfalls kann dieser Aufwand im DRG-System durch korrekte Abbildung und Kodierung der Mangelernährungsdiagnose/-behandlung nach den geltenden Kriterien des schweizerischen Kodierhandbuches zur direkten Vergütung beitragen.
Die «Malnutrition Awareness Week» (MAW) ist eine europaweite Aktionswoche, die sich dem Thema Mangelernährung und ihren negativen Folgen widmet. Sie findet unter dem Dach der ONCA-Initiative (Optimal Nutritional Care for All) statt und verfolgt das Ziel, eine evidenzbasierte Therapie der Mangelernährung in den Strukturen des Gesundheitswesens zu etablieren. Sie findet vom 11. bis zum 15.11 statt.

  • Interview mit Philipp Schütz: Mangelernährung führt zu längeren Spitalaufenthalten

  • spital
Artikel teilen

Loading

Kommentar

Mehr zum Thema

image

Jede Notfall-Konsultation kostet 460 Franken

Notfallstationen werden immer öfter besucht. Eine Obsan-Studie bietet nun Zahlen dazu. Zum Beispiel: 777'000 Personen begaben sich dreimal in einem Jahr auf den Spital-Notfall.

image

Pharmagelder 2024: Zuwendungen an Schweizer Ärzte steigen leicht

2024 erhielten Ärzte, Spitäler und Fachgesellschaften zusammen 262 Millionen Franken – 16 Millionen mehr als im Jahr davor.

image

Ob FaGe, Apotheker, Physio oder Chefärztin: Das verdient man im Gesundheitswesen

Wie steht es um Ihr Gehalt? Hier finden Sie die Standard-Monatslöhne der wichtigsten Berufe in der Gesundheitsbranche.

image

Die 10-Prozent-Illusion der Schweizer Spitäler

Eine Betriebsrendite von zehn Prozent galt lange als Überlebens-Formel für Akutspitäler. Womöglich ist dieser Richtwert zu tief. Die Beratungsfirma PwC fordert mehr Effizienz – die Spitäler höhere Tarife.

image

Auf dem richtigen Weg

Der Markt für Krankenhaus-Informationssysteme (KIS) befindet sich in einer Phase tiefgreifender Transformation. Die aktuellen Trends und Herausforderungen der Branche sowie die Erwartungen der Kliniken beleuchtet Dirk Müller, Director Product Management CIS4U bei Dedalus HealthCare.

image

Interprofessionelle Visiten auf dem Prüfstand

Die Visiten werden geschätzt, aber nicht alle Beteiligten sind gleich zufrieden. Vor allem die Pflege bemängelt ihre Einbindung und sichtet Verbesserungs-Chancen. Dies zeigt eine Umfrage in Schweizer Spitälern.

Vom gleichen Autor

image
Nachgefragt bei Adrian Schmitter

Insel Gruppe: «Ein gutes Jahr reicht nicht»

Mit 134,8 Millionen Franken erzielt die Insel Gruppe das beste Resultat ihrer jüngeren Geschichte. Verwaltungsratspräsident Adrian Schmitter sieht darin den Lohn ausserordentlicher Leistungen der Mitarbeitenden – warnt aber vor Selbstzufriedenheit.

image

Basel-Stadt: Seelsorge wird interreligiös organisiert

Künftig übernimmt eine interreligiöse Trägerschaft die «Spezialisierte Spiritual Care» in Spitälern und Gefängnissen. Der Kanton Basel-Stadt stellt dafür jährlich 1,6 Millionen Franken bereit.

image

CSS-Vizechef übernimmt Führung bei Swica

Der Krankenversicherer Swica bekommt eine neue Führung: Rudolf Bruder übernimmt im November 2026 die CEO-Position von Reto Dahinden, der das Unternehmen nach 15 Jahren verlässt.