Es ist Zeit, sich auf das Wesentliche zu beschränken

Die Leitlinien der Fachgesellschaften sollten sich stärker am medizinisch Sinnvollen orientieren – und weniger am Machbaren.

Gastbeitrag von Martin Sigg, 16. Dezember 2023 um 06:01
letzte Aktualisierung: 16. April 2024 um 07:25
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Martin Sigg
Jüngst wurde ich in meiner Hausarztpraxis von einem Pharmavertreter auf ein neuartiges Diabetes-Medikament hingewiesen, welches sowohl den Blutzucker als auch das Gewicht stark senken kann. Das neue Produkt sei noch viel wirksamer als seine bereits erfolgreichen Vorgänger. Man warte nun nur noch auf die Aufnahme auf die SL-Liste und hoffe, dass das Medikament die Vorgänger ablösen könnte.
Martin Sigg ist Hausarzt in Sachseln. Zudem sitzt er für die FDP im Parlament des Kantons Obwalden.
So weit, so gut. Nur: Das neue Präparat ist wesentlich teurer als seine Vorgänger (um das zwei- bis dreifache).  Zudem sei das neue Präparat nun so wirksam, dass man sogar die Zielwerte für den Langzeitblutzucker (HbA1c) senken könnte, was in den Fachgesellschaften bereits diskutiert werde. Diese Aussage gab mir zu denken.
Wir Mediziner sind sehr dankbar, dass es potente Reservemittel gibt, für Fälle, wo alles andere nicht ausreichend wirkt. Problematisch wird es aber, wenn in den Wirksamkeitsstudien zwar ein medizinischer Nutzen nachgewiesen wird,  aber der gesellschaftliche Nutzen fraglich ist und die Rechnung schlussendlich die Allgemeinheit bezahlen soll.
Im geschilderten Fall sollen teure Medikamente durch ein noch teureres Präparat ersetzt werden. Und durch eine angestrebte Verschärfung der Leitlinien würde die Nachfrage nach dem Medikament zusätzlich steigen.
«Wegen dem Sicherheitsdenken wird mehr gemacht, als medizinisch notwendig wäre. Das ist im Interesse der Pharmaindustrie, aber nicht der Allgemeinheit.»
Besser wäre es aus meiner Sicht als Hausarzt, die Zielwerte so zu belassen, wie sie aktuell sind und diese neuen und teuren Medikamente nur in Fällen zuzulassen, wo die herkömmliche Therapie versagt hat. Ansonsten wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen, was zwar erlaubt sein soll, aber ökonomisch nicht sinnvoll ist. Zumindest solange die neue Therapie mehr kostet als die bisherige (was die Regel ist).

Problem Rechtfertigungsdruck

Leitlinien geben uns Ärzten Handlungsempfehlungen und geben Therapieziele vor. Die Schwierigkeit für den «Endverbraucher» besteht nun aber darin, dass für die Ärzteschaft ein Rechtfertigungsdruck entsteht, wenn gewisse Ziele nicht erreicht werden; etwa durch immer strengere Zielvorgaben der Fachgesellschaften (welche dazu neigen, isoliert ihr Fachgebiet zu betrachten).
Dies führt durch ein Sicherheitsdenken der verschreibenden Ärzte wiederum dazu, dass mehr gemacht wird, als medizinisch notwendig wäre. Das ist wiederum wahrscheinlich im Interesse der Pharmaindustrie. Es kann aber nicht im Sinn der Allgemeinheit sein.
«Somit befürworte ich als Hausarzt eine gesellschaftspolitisch akzeptierte Form der Zweiklassenmedizin.»
Machbar heisst nicht automatisch auch sinnvoll. Bereits heute ist die Lebenserwartung in der Schweiz sehr hoch. Wir müssen uns die gesellschaftspolitische Frage stellen, ob es wirklich Sinn macht und ob wir es uns leisten wollen, unsere Energie auf eine noch höhere Lebenserwartung auszurichten.
Ich wünsche mir deshalb, dass sich die Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften verstärkt am medizinisch Sinnvollen und weniger am Machbaren orientieren.
Somit befürworte ich als Hausarzt eine gesellschaftspolitisch akzeptierte Form der Zweiklassenmedizin, wo sinnvolle und effiziente Therapien mit der Grundversicherung abdeckt sind – und alles, was darüber hinausgeht, von den Patienten selber bezahlt werden muss (respektive von einer Zusatzversicherung).
«So kann die Pharmaindustrie, ihre Gewinne mit 'Lifestyle-Medikamenten' im Luxussegment optimieren, ohne dass dafür die Gesellschaft gerade stehen muss.»
Diese Art der Zweiklassenmedizin gibt der (Pharma-)Industrie die Möglichkeit, ihre Gewinne mit 'Lifestyle-Medikamenten' im Luxussegment zu optimieren, ohne dass dafür die Gesellschaft gerade stehen muss.
Und diese Art der Zweiklassenmedizin ermöglicht es uns, die vorhandenen Mittel in unserem solidarisch finanzierten Gesundheitssystem effizienter und zum Wohle der Bevölkerung einzusetzen – auch präventiv.
Es ist Zeit, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Nur so sehe ich eine Möglichkeit, dass sich die medizinische Versorgung in der Schweiz auch in naher Zukunft noch für alle in akzeptabler Qualität gewährleisten lässt.
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