Doppelte Rolle: Mediziner als Medien-Experten und Pharma-Partner

USZ-Professor Huldrych Günthard ist medial sehr präsent. Weniger bekannt ist, dass Pharma-Firmen ihm gern Forschungsgelder gewähren.

, 3. April 2024 um 09:39
image
Das Universitätsspital Zürich und sein bekannter Professor Huldrych Günthard. | PD/em
Huldrych Günthard ist kein Professor, der im stillen Kämmerlein forscht. Er gibt seine Erkenntnisse gerne weiter. Und besonders während Covid war er deshalb eine gefragte Auskunftsperson. «Seine Verflechtungen mit Sponsoren kommen kaum je zur Sprache», gibt jedoch das Online-Magazin «Infosperber» in einem Artikel über Günthard zu bedenken. Er habe beim «Hypen» von Medikamenten mitgeholfen.

USZ machte Studie mit Remdesivir

Aufgezählt werden Günthards Aussagen über die Medikamente Molnupiravir und Remdesivir. Über beide äusserte sich der Infektiologe während der Pandemie in den Medien. Die Zwischenanalyse von Studiendaten zu Molnupiravir fand er «sehr spannend», Remdesivir nannte er «kein Supermedikament, aber immerhin eines, das Wirkung zeigt».
Dass Günthard solche Auskünfte gab, war nicht verwunderlich: Am USZ war Remdesivir bei Covid-19-Behandlungen das meistgebrauchte Medikament und wurde im Rahmen einer Studie eingesetzt.

Die Sponsoren Merck und Gilead

Danach gab es aber zwei Probleme. Das erste: Remdesivir erwies sich als wenig wirksam und schnitt in anderen Studien schlecht ab. Und das zweite: Die Hersteller der beiden Medikamente, die der Professor in den Medien erwähnte, sind Merck und Gilead. Diese beiden Firmen gehören zu den Sponsoren von Günthards Forschung.
Diese Hintergrund-Informationen erwähnten die Medien nicht. Und das wird von der ärztlichen Anti-Korruptions-Initiative «Mezis – Mein Essen zahl ich selbst» kritisiert. Die Organisation spricht von einem «giftigen Interessenkonflikt-Potenzial», das «dramatisch unterschätzt» werde.

«Sehr vorsichtig»

Ist Huldrych Günthard also ein willfähriger Gehilfe der Pharmabranche? Wohl kaum. Im Corona-Sommer 2020, als wieder einmal ein neuer Wirkstoff den Durchbruch bei der Behandlung bringen sollte, sagte er gegenüber Medinside: «Man muss sehr vorsichtig sein. Es ist zum Teil schlimm, wie voreilig in letzter Zeit schlechte Studien sogar in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht worden sind.»
Auch Anfang Oktober 2020 sagte er zwar den «Tamedia»-Zeitungen zur Covid-Erkrankung des damaligen US-Präsidenten Donald Trump: «Als Leibarzt würde ich ihm Remdesivir geben und allenfalls noch Plasma von ehemaligen Covid-19-Patienten, welche die Krankheit gut überstanden haben.»

Keine Werbeversprechen

Er relativierte aber sogleich, dass Remdesivir wahrscheinlich am besten helfe, wenn man es möglichst früh gebe. Und er sagte auch: «Es fehlen zwar entsprechende Studien, die das beweisen würden, und das Medikament ist dafür nicht zugelassen.»
Auch im November 2021, als Günthard Zuversicht vermittelte, damit Spitalärzte nicht nur negative Szenarien der Pandemie verbreiten und damit prompt die Vorwürfe von Kollegen zu hören bekam, tönte es nicht nach Werbung für Pharma-Sponsoren.

USZ legt Interessenbindungen offen

Nichtsdestotrotz: Sponsorengelder für Uni-Professoren sind ein Problem, insbesondere in der medizinischen Fakultät. Die Universität Zürich legt deshalb seit ein paar Jahren alle Interessenbindungen offen.
Das Geld, das Günthard für seine Forschung erhält, wird an seine Arbeitgeberin, das Universitätsspital Zürich (USZ), überwiesen. Das USZ ist auf Sponsorengeld angewiesen. 2022 zahlten Firmen insgesamt 8,6 Millionen Franken an Auftragsstudien. Damit lässt sich immerhin ein Teil der Verluste decken, welche das USZ in den letzten Jahren gemacht hat.

USZ: «Nur sachbezogene Auskunft»

Das USZ verteidigt auch Günthards Aussagen gegenüber den Medien: Es sei normal, dass die Einschätzungen neuer Therapieansätze divergieren. Die Fachleute am USZ würden ausschliesslich sachbezogen Auskunft geben, «auf dem aktuellen Stand ihres Wissens und ihrer Erfahrung».
Mittlerweile hat Huldrych Günthards Forschung weitere Sponsoren angezogen: Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung zahlt seinem Team drei Millionen US-Dollar für die Forschung an einer Impfung gegen HIV. Über dieses Sponsoring hat die Universität Zürich von sich aus und voller Stolz informiert.

«Kompetentestes Corona-Paar der Schweiz»

Was nicht in der Mitteilung steht: Federführend im Forschungsteam ist Alexandra Trkola, Professorin für Medizinische Virologie an der Universität Zürich. Und sie ist Huldrych Günthards Partnerin. Aber über diese Interessensbindung ist die Öffentlichkeit spätestens seit 2022 informiert. Damals bezeichnete der «Blick» Alexandra Trkola (57) und Huldrych Günthard (60) als «das wohl kompetenteste Corona-Paar der Schweiz».
  • spital
  • universitätsspital zürich
Artikel teilen

Loading

Kommentar

Mehr zum Thema

image

Jede Notfall-Konsultation kostet 460 Franken

Notfallstationen werden immer öfter besucht. Eine Obsan-Studie bietet nun Zahlen dazu. Zum Beispiel: 777'000 Personen begaben sich dreimal in einem Jahr auf den Spital-Notfall.

image

Pharmagelder 2024: Zuwendungen an Schweizer Ärzte steigen leicht

2024 erhielten Ärzte, Spitäler und Fachgesellschaften zusammen 262 Millionen Franken – 16 Millionen mehr als im Jahr davor.

image

Ob FaGe, Apotheker, Physio oder Chefärztin: Das verdient man im Gesundheitswesen

Wie steht es um Ihr Gehalt? Hier finden Sie die Standard-Monatslöhne der wichtigsten Berufe in der Gesundheitsbranche.

image

Die 10-Prozent-Illusion der Schweizer Spitäler

Eine Betriebsrendite von zehn Prozent galt lange als Überlebens-Formel für Akutspitäler. Womöglich ist dieser Richtwert zu tief. Die Beratungsfirma PwC fordert mehr Effizienz – die Spitäler höhere Tarife.

image

Universitätsmedizin bleibt Männersache – trotz Lippenbekenntnissen

In der Westschweiz liegt der Frauenanteil in Top-Arztpositionen höher als in der Deutschschweiz. Eine neue Auswertung der Universitätsspitäler zeigt regionale Unterschiede – und ein nach wie vor tiefes Gesamtniveau bei den Spitzenpositionen.

image

Auf dem richtigen Weg

Der Markt für Krankenhaus-Informationssysteme (KIS) befindet sich in einer Phase tiefgreifender Transformation. Die aktuellen Trends und Herausforderungen der Branche sowie die Erwartungen der Kliniken beleuchtet Dirk Müller, Director Product Management CIS4U bei Dedalus HealthCare.

Vom gleichen Autor

image

Konsultation nur beim eigenen Hausarzt – oder gar nicht

Wenn der Hausarzt vorübergehend nicht verfügbar ist, bricht die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen dramatisch ein. Auch wenn andere Ärzte erreichbar wären.

image

Nach Honorarkürzung: Spital Einsiedeln gewinnt Schwyzer Belegärzte

Das Spital Schwyz hat die Honorare gesenkt und seine Belegärzte verärgert. Diese operieren nun zum Teil auch in Einsiedeln.

image

Kispi-Professor für seine Therapie bei offenen Rücken ausgezeichnet

Ueli Möhrlen erhält den Forschungspreis der Holm-Schneider-Stiftung für einen neuen Ansatz zur Behandlung der Spina bifida vor der Geburt.