Sexuelle Belästigung im Spital: «Die grösste Hürde ist die Angst»

Fast ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte erleben Übergriffe am Arbeitsplatz. Warum viele Betroffene trotzdem schweigen, wo Institutionen versagen und was sich strukturell ändern muss, erklärt Claudia Stam im Interview.

, 22. Februar 2026 um 23:00
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Claudia Stam, Psychologin, Beraterin, Fachstelle Mobbing und Belästigung.
Fast ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte berichtet von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Was ist Ihr erster Gedanke, wenn Sie diese Zahlen lesen? Diese Zahl ist hoch, überrascht mich aber leider nicht. Sie bestätigt, was wir in unserer täglichen Arbeit seit Jahren hören: Sexuelle Belästigung im Gesundheitswesen ist ein strukturelles Problem. Wichtig ist gleichzeitig festzuhalten, dass sie auch in anderen Branchen verbreitet ist.
Viele Betroffene erleben Belästigung mehrfach. Welche Muster oder häufigen Situationen fallen Ihnen dabei auf? Wir beobachten häufig ähnliche Konstellationen: ausgeprägte Hierarchien, Abhängigkeiten in Aus- und Weiterbildung, Nachtdienste oder Situationen mit wenig sozialer Kontrolle. Oft beginnt es mit scheinbar kleinen Grenzüberschreitungen, die nicht klar benannt werden. Erfolgt nicht früh eine Intervention, verfestigen sich solche Dynamiken über längere Zeit.
Obwohl es interne Vertrauensstellen in den Spitälern gibt, melden viele die Vorfälle nicht. Was sind die grössten Hürden? Die grösste Hürde ist Angst – vor beruflichen Nachteilen, vor einem beschädigten Ruf oder davor, nicht ernst genommen zu werden. Viele Betroffene sind zudem unsicher, ob das Erlebte überhaupt meldewürdig ist. In hierarchischen Systemen wie Spitälern wiegt diese Unsicherheit besonders schwer.
«Oft beginnt es mit scheinbar kleinen Grenzüberschreitungen, die nicht klar benannt werden.»
Welche Rolle spielen externe Vertrauensstellen, und wie unterscheiden sie sich in der Wirkung von internen Stellen? Externe Vertrauensstellen bieten Unabhängigkeit und Vertraulichkeit. Für viele Betroffene ist es entlastend, zunächst ausserhalb des eigenen Systems sprechen zu können, ohne Loyalitätskonflikte oder Angst vor internen Konsequenzen. Gerade in grossen Organisationen ist eine Kombination aus internen und externen Angeboten sinnvoll, damit unterschiedliche Bedürfnisse abgedeckt werden.
Welche Rolle spielen Whistleblowingstellen in diesem Zusammenhang, und worin unterscheiden sie sich von Vertrauensstellen? Whistleblowingstellen sind auf das formalisierte Melden von Missständen ausgerichtet und ermöglichen auch anonyme Hinweise, insbesondere bei systematischen Problemen oder schwerwiegenden Vorfällen. Vertrauensstellen hingegen sind stärker beratend und unterstützen Betroffene bei der Einordnung und bei der Frage, ob sie formelle Schritte einleiten möchten. Beide erfüllen unterschiedliche Funktionen.
«Prävention beginnt bei der Haltung: klare Werte, sichtbare Vorbildfunktion der Führung und regelmässige Sensibilisierung
In Spitälern gibt es seit einigen Jahren eine Null-Toleranz-Politik. Hat diese die Situation für Betroffene spürbar verändert? Die Haltung hat sich auf dem Papier klar verbessert. In der Praxis besteht jedoch oft noch eine Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung. Eine Null-Toleranz-Politik entfaltet ihre Wirkung nur, wenn Führungspersonen Verantwortung übernehmen und konsequent handeln.
Wie werden Meldungen in der Praxis behandelt? Erhalten Täter tatsächlich Konsequenzen, oder bleiben viele Fälle folgenlos? Die Erfahrungen sind unterschiedlich. Es gibt Institutionen, die sorgfältig und konsequent vorgehen, was für Betroffene sehr entlastend ist und eine klare Signalwirkung hat. Gleichzeitig berichten viele von langen, unklaren und belastenden Verfahren. Bleiben spürbare Konsequenzen aus, verstärkt das das Gefühl von Ohnmacht und hält andere vom Melden ab.
Falschanschuldigungen werden in diesem Kontext häufig diskutiert. Wie relevant ist dieses Problem aus Ihrer Sicht? Falschanschuldigungen kommen vor, sind nach allen verfügbaren Erkenntnissen und auch aus unserer Erfahrung jedoch selten. Die starke Betonung dieses Aspekts lenkt häufig vom tatsächlichen Ausmass sexueller Belästigung ab. Entscheidend sind faire, sorgfältige und professionelle Verfahren für alle Beteiligten.
Welche Mechanismen gibt es in Spitälern, um sowohl Betroffene zu schützen als auch sicherzustellen, dass Anschuldigungen sorgfältig geprüft werden? Wichtig sind klar definierte Meldewege, transparente Abläufe und gut geschulte Ansprechpersonen. Schutzmassnahmen müssen früh greifen, etwa um vor Vergeltungen zu schützen. Gleichzeitig braucht es eine sachliche, strukturierte Prüfung der Vorwürfe – häufig unter Einbezug externer Fachpersonen.
Welche präventiven Massnahmen könnten Spitäler ergreifen, um sexuelle Belästigung zu verhindern? Prävention beginnt bei der Haltung: klare Werte, sichtbare Vorbildfunktion der Führung und regelmässige Sensibilisierung. Schulungen zu Macht, Grenzen und Verantwortung sollten selbstverständlich sein, und Grenzverletzungen müssen konsequent angesprochen werden. Zunehmend relevant ist auch sexuelle Belästigung durch Patientinnen und Patienten. Mitarbeitende müssen in solchen Situationen geschützt und unterstützt werden. Prävention ist keine einmalige Massnahme, sondern eine Daueraufgabe.
Claudia Stam ist lic. phil. Psychologin sowie CEO und Inhaberin der Fachstelle Mobbing und Belästigung. Seit über 20 Jahren unterstützt sie Unternehmen und Organisationen bei Vorwürfen und Verdachtsfällen von Mobbing, sexueller Belästigung und Diskriminierung am Arbeitsplatz.
Ihr Schwerpunkt liegt in der Durchführung von Untersuchungen bei Vorwürfen von Mobbing, sexueller Belästigung und Diskriminierung, sowie in der Prävention durch Schulungen, Workshops und einem selbst entwickelten E-Learning zur Sensibilisierung der Mitarbeitenden.

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