Chirurgin oder Mutter? Wenn Karriere und Kinderwunsch kollidieren

Lange Arbeitszeiten, starrer Ausbildungsweg, kaum Spielraum für Teilzeit: Junge Chirurginnen verschieben oft ihre Mutterschaft. Das hat Konsequenzen – auch fürs Fachgebiet.

, 9. Oktober 2025 um 03:00
letzte Aktualisierung: 2. Februar 2026 um 20:23
image
Symbolbild: Derick McKinney / Unsplash.
Die Ausbildung in der Chirurgie gleicht einem Marathon. In der Schweiz folgen auf das sechsjährige Medizinstudium mindestens ebenso viele Jahre der Spezialisierung – oft bis ins späte dritte Lebensjahrzehnt. Erst dann hebt die Karriere ab. Für Frauen hat dieser unerbittliche Zeitplan jedoch eine direkte Folge: Das Alter, in dem sie Mutter werden, steigt – manchmal zu stark.
Eine Studie, jüngst veröffentlicht im «British Journal of Surgery» und erarbeitet von einem Team des Zürcher Stadtspitals, beleuchtet dieses Spannungsfeld zwischen Fortpflanzung, Elternschaft und chirurgischer Karriere in der Schweiz. Mehr als 300 FMH-Fachärztinnen und -ärzte beantworteten dafür einen anonymen Fragebogen.
Ein Fazit: Die Anforderungen des Berufes, der dichte Tagesablauf und die unterschiedlichen Arbeitszeiten wirken sich stark auf die persönlichen Entscheidungen aus – insbesondere bei Frauen.
  • Joana Ferreirinha, Markus Weber, Nicolas Attigah, Seraina Faes, «Compatibility of procreation, pregnancy, and early parenthood in female and male surgeons during surgical training in Switzerland: national survey study», in: «British Journal of Surgery», Februar 2025.
  • DOI: 10.1093/bjs/znae314
Fast drei Viertel der befragten Chirurginnen hatten eine Schwangerschaft aufgrund ihrer Ausbildung hinausgezögert. Die Ärztinnen gründen später eine Familie als ihre männlichen Kollegen oder deren Ehefrauen. Diese Verzögerung schlägt sich nieder in höheren Unfruchtbarkeitsraten (23 Prozent gegenüber 10 Prozent bei den Männern) sowie einem verstärkten Einsatz von medizinisch unterstützter Fortpflanzung.

Teilzeitarbeit: ein falsches Privileg?

Frauen arbeiten häufiger Teilzeit (37,6 gegenüber 18,5 Prozent), und sie arbeiten auch länger in Teilzeit. Am Ende erhalten die Chirurginnen ihren FMH-Titel in einer vergleichbaren Zeit wie die männlichen Kollegen. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer hätte ihre Tätigkeit gerne reduziert, ohne dies mit ihren Vorgesetzten abgesprochen zu haben.
Abgesehen von geschlechtsspezifischen Fragen scheint die Berufskultur eine Diskussion über die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben zu behindern.

Berufungen unterstützen

Und so gibt es ein weiteres klares Ergebnis: Zwei Drittel der Teilnehmerinnen sind der Meinung, dass ihr Geschlecht einen negativen Einfluss auf ihre Karriere hatte – während dies nur bei 6 Prozent der Männer der Fall ist.
Die Autoren der Studie kommen zu dem eindeutigen Schluss, dass die Schweizer Chirurgie es sich nicht leisten kann, Talente wegen Hindernissen im Zusammenhang mit der Elternschaft zu verlieren. Sie fordern strukturelle Reformen, um die Karrierewege flexibler zu gestalten, ein weniger mutterfeindliches Umfeld zu schaffen und echte Chancengleichheit zu gewährleisten.
Zum Thema:

  • Chirurgie
  • gleichberechtigung
  • arbeitswelt
Artikel teilen

Loading

Kommentar

Mehr zum Thema

image

«Der Punkt, an dem Ärztinnen aussteigen, ist oft Erschöpfung»

Leadership-Expertin Sibyl Schädeli über den Weg von Ärztinnen zu Karriere, Teilzeit und Führungsrollen. Das Interview (Teil 2)

image

Schweizer Assistenzärzte: Viele Ruhetage, aber geringe Work-Life-Balance

Eine Studie zeigt: Im europäischen Vergleich haben Schweizer Assistenzärzte zwar mit am meisten Ruhetage pro Monat – zugleich klagen sie überdurchschnittlich oft über ihre Work-Life-Balance.

image

Medizinstudierende wählen nach Fachattraktivität

Nicht Geld oder Lifestyle entscheiden – sondern die Faszination fürs Fach: Eine aktuelle Studie zeigt, dass Medizinstudierende ihre Berufswahl vor allem nach der Attraktivität des Fachgebiets treffen.

image

Spital Thusis: Neuer Chefarzt für Chirurgie und Orthopädie

Christian Schrofer übernimmt die Leitung der Chirurgie und Orthopädie am Spital Thusis und führt die bislang getrennten Abteilungen künftig gemeinsam.

image

Zürich: Verbände fordern Lohn-«Nachholrunde»

Die vier kantonalen Spitäler sollen ihren Rückstand mit dem Teuerungsausgleich 2026 wettmachen. Gefordert sind Lohnerhöhungen zwischen 1,8 und 2,4 Prozent.

image

Bargeld vor der Operation? Die Patientenstelle will es wissen

Wie oft kommt es vor, dass Ärzte vor geplanten Eingriffen diskret Geld verlangen? Die Patientenstelle Zürich startet dazu einen Aufruf – auch um Muster zu erkennen.

Vom gleichen Autor

image

Neuenburger Kantonsspital erwartet auch 2026 tiefrote Zahlen

Trotz einer allmählichen Verbesserung der Lage budgetiert das Réseau hospitalier neuchâtelois RHNe ein Defizit von 12,4 Millionen Franken.

image

Waadt: Krankenpflegepraxen droht rückwirkend Kürzung der Einnahmen

Selbständige Pflegefachpersonen müssen möglicherweise Geld zurückzahlen – weil es der Waadtländer Staatsrat so beschlossen hat.

image

Young Investigator Award 2026 geht an Valentina Ferrari

Die Fond'action contre le cancer würdigt Valentina Ferrari vom Tessiner Institut für biomedizinische Forschung (IRB). Mit 100'000 Franken wird ihre Forschung zur Immuntherapie bei triple-negativem Brustkrebs gefördert.