Rassismus: HUG sieht Handlungsbedarf über Einzelfälle hinaus

In einer internen Umfrage des Universitätsspitals Genf gab ein gutes Viertel der Befragten an, Opfer von rassistischen Handlungen geworden zu sein. Knapp die Hälfte wurde Zeuge davon.

, 19. Februar 2026 um 05:00
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Bild: Universitätskrankenhaus Genf, DR
Das Genfer Universitätsspital HUG machte das Problem jüngst öffentlich: Es berichtete über mehrere Fälle von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. So wurde im Oktober an der Tür des Büros einer Pflegedienst-Leiterin eine Hassbotschaft entdeckt.
Nun veröffentlichte das HUG die Ergebnisse einer Umfrage, die in der Abteilung für Rehabilitation und Geriatrie durchgeführt wurde. 487 von 1'700 Angestellten füllten dafür einen Fragebogen aus – also knapp ein Drittel.
Ein gutes Viertel der Befragten (26,5 Prozent) gab an, Opfer von Rassismus («victime de racisme») geworden zu sein. Dabei scheint die Nationalität der wichtigste Faktor zu sein – in einem Arbeitsumfeld, das durch die starke Präsenz von Grenzgängern geprägt ist.

Systemisch oder nicht?

Weiter melden 44 Prozent der Antwortenden, dass sie Rassismus miterlebt haben. Zwei von drei Personen (65 Prozent) sind allerdings der Meinung, dass das Arbeitsumfeld des HUG nicht von systemischem Rassismus geprägt ist.
Dennoch: Auf dem Fernsehsender RTS erklärte die Diversity-Verantwortliche des HUG, Clarisse Di Rosa, man könne ausschliessen, «dass es sich um Einzelfälle handelt (...). Die Antwort muss also auch hier global, kollektiv und strukturell sein.»
Weiter bezeugte etwa ein Fünftel des medizinischen und pflegerischen Personals (22 Prozent), «Zeuge von Situationen gewesen zu sein, in denen Patientinnen und Patienten Opfer von Rassismus geworden sind»; im Communiqué dazu fügt die Spitalleitung an, dass «solche Situationen die Qualität der Betreuung beeinflussen können, insbesondere durch Stereotypen oder mangelndes Zuhören».
Die Ergebnisse zeigten «eine Realität, die wir weder verharmlosen noch umgehen können», kommentiert Robert Mardini, der Generaldirektor der HUG, die Aussagen.
Man habe seit den ersten Meldungen im vergangenen Jahr – insbesondere im Fall der Pflegedienst-Leiterin – verschiedene Massnahmen ergriffen: So wurden zwei Strafanzeigen erstattet, etwa zehn Dienstgespräche geführt und Disziplinarstrafen verhängt. Parallel dazu gab es Sensibilisierungsworkshops, eine Kampagne und ein Begleitprogramm für Führungskräfte und Teams.
Die Umfrage soll dieses Jahr noch auf das gesamte Spital ausgeweitet werden, «um die notwendigen Schritte gezielt zu ergreifen».

Versetzung zum Schutz?

Die Direktion des HUG geht nun auch erneut auf die Situation der Pflegedienst-Leiterin ein. Der Fall zog in Genf unter dem Slogan «Soutien à Aurélie» seine Kreise, es fanden Kundgebungen statt. Denn angegriffene Kaderfrau wurde auf eine andere Stelle versetzt – nachdem jemand «négresse, dégage» auf ihre Tür geschrieben hatte. Das HUG rechtfertigt dies mit dem Ziel, «ihre Gesundheit, ihre Sicherheit, ihre Ruhe und die aller beteiligten Parteien zu schützen». Der Pflegeexpertin wurde eine gleichwertige Stelle zu denselben Bedingungen in einer anderen Abteilung zugeteilt, zusammen mit Karriereaussichten, die ihrer Situation und ihren Kompetenzen entsprechen.
Bei der Mobilisierung zur Unterstützung von «Aurélie» am 10. Februar äusserten mehrere Demonstrationsteilnehmer jedoch Zweifel: «Im Jahr 2026 kann man dich immer noch als 'Neger' bezeichnen und dich dazu bringen, deine Arbeit zu verlassen, um dich zu 'schützen'», kritisierte einer der Demonstranten.

Les HUG seraient affectés par du racisme systémique, selon 31% des employés surveés»: Fernsehbeitrag in der Mittags-«Tagesschau» von RTS, 18. Februar 2026.


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