«Technologie hilft, die Stellen im Gesundheitswesen sicherer zu machen»

Die Patienten werden souveräner, das Personal hat weniger Stress – und alles wird günstiger: Bertalan Meskó ist ein Arzt, der hauptberuflich die Zukunftstrends der Medizin untersucht. Das Interview.

, 20. November 2015 um 07:32
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Herr Mesko, Sie untersuchen die Zukunftsperspektiven der Medizin. Welches Phänomen ist für Sie das wichtigste?
Gewiss zu den bedeutsamsten Tendenzen gehört, dass die Patienten aktiver einbezogen werden und mehr Informationen erhalten, um ein gesünderes Leben zu führen. Ein anderes Hauptthema ist die künstliche Intelligenz und ihre Rolle in der Medizin. Zu nennen wäre auch die Robotik.
Und was davon erscheint Ihnen am Faszinierendsten?
Wie lernende Computersysteme und künstliche Intelligenz ihren Weg in die Praxis des Alltags finden. Heute kommen beispielsweise jedes Jahr 1,5 Millionen wissenschaftliche Studien heraus. Da ist es menschlich schlicht unmöglich, auf dem Laufenden zu bleiben. Es braucht Hilfe, und diese Hilfe liefern zum Beispiel Computer wie Watson. Solche Geräte schaffen es, einerseits das Gesundheitsdossier des einzelnen Patienten zu prüfen – und diese Informationen andererseits mit dem wissenschaftlichen Know-how abzugleichen. Daraus kann der Computer dann Schlussfolgerungen ziehen und Empfehlungen abgeben. Am Ende wird aber immer der Arzt das letzte Wort haben.
Bertalan Meskó absolvierte sein Medizinstudium und holte seinen Doktortitel an der Universität Debrecen in Ungarn. Nach klinischen Arbeiten gründete er 2009 einen Online-Dienst für Medizininformationen. Er arbeitete als Berater und Lektor für diverse Institutionen, unter anderem für das Mayo Clinic Center for Social Media, und er war Mitherausgeber von Medgadget. Heute betreibt er unter anderem den Blog «The Medical Futurist».
Welche Rolle kristallisiert sich da für die Ärzte heraus?
Ich vergleiche das mit dem Stethoskop: Man hört damit ab – und fällt dann seinen Entscheid. Watson ist einfach das Stethoskop des 21. Jahrhunderts: Das Gerät sammelt Informationen und gibt die dem Arzt. Es ist nur ein Werkzeug. Das war tausende Jahre ein Holzstab, dann war es zweihundert Jahre lang ein Stethoskop, und bald wird es halt ein Computer sein. Aber es ist klar, dass die Rolle des Arztes sich damit ändern wird – gemeinsam mit der Rolle des Patienten. Der Grund ist die neue Informations-Situation. Die Ärzte werden sich stärker auf die Beziehung zum jeweiligen Patienten konzentrieren können, stärker auf Kommunikation; so etwas ist durch Algorithmen und Roboter niemals ersetzen.
Wo befinden wir uns hier? Gewisse Experten glauben, dass wir an einem Tipping Point stehen, dass die Revolution unmittelbar vor der Tür steht – Sie auch? Oder reden wir von Jahrzehnten?
Watson wird jetzt seit etwa drei Jahren in gewissen amerikanischen Kliniken verwendet, und folglich kann man annehmen, dass solche Computer in fünf bis zehn Jahren weltweit Einzug gehalten haben. Aber es ist eine schwierige Frage, denn die technologische Revolution dreht sich um die Leute, die sie verwenden können. Von selber läuft gar nichts. Voraussetzung ist unsere Kreativität. Wenn zum Beispiel die Patienten nicht erkennen, wie sehr solche Entwicklungen ihr Leben verbessern können, dann wird nicht genug geschehen. Es liegt also an uns, die technologische Revolution zu sehen – damit wir bereit sind, wenn dieser Wendepunkt dann kommt
Die Patienten sind da zögerlich, und die Gesundheitsbranche ist auch eher konservativ.
Ich denke, die Patienten werden sehr bald viel aktiver. Sie wollen mehr und mehr in den Prozess einbezogen werden. Denn es geht um ihre Gesundheit, ja auch um ihr Leben. Das medizinische Personal wiederum – wenigstens in den USA und Europa – realisiert zunehmend, dass Technologie keine Gefahr ist, sondern dass sie hilft, ihre Stellen und ihre Arbeit sicherer zu machen. Man brennt zum Beispiel nicht mehr so rasch aus, sondern man kann jahrzehntelang in der Branche arbeiten, weil man besser informiert ist und die Verantwortung besser mit den Patienten teilen kann. Natürlich wird es immer Patienten geben, die keine digitalen Lösungen im Leben wollen; aber diese Gruppe schrumpft stetig. 
Wenn Sie der Direktor eines grossen Spitals wären: Wo würden Sie Ihre Zukunfts-Investitionen hauptsächlich hinlenken?
Als erstes würde ich ein Advisory Board gründen, das aus engagierten Patienten besteht. Es ist entscheidend, dass die Patienten sehr aktiv sind bei der Erneuerung. Danach würde ich mich auf Technologien konzentrieren, die dazu beitragen, dass meine Prozesse günstiger und effizienter werden. Wichtig dabei ist zum Beispiel, dass ich meine Leistungen quantifizieren kann. Denn ohne Daten lässt sich nämlich kaum je etwas verbessern.

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Bücher von Bertalan Meskó: «Social Media in Clinical Practice» (2013), «My Health Upgraded» (2015), «The Future of Medicine» (2014)

Eine These: Der Durchbruch geschieht, sobald ein einzelnes Gerät auf den Markt kommt, das zu einem günstigen Preis alles bündelt – so wie es das iPhone in einem anderen Bereich getan hat. Ich denke da an Multifunktionsgeräte wie den Scanadu Scout, die zugleich auch zur Kommunikation mit den Ärzten oder zur die Sammlung und Verarbeitung von Patienteinformationen dienen können.
Der Scanadu Scout ist sogar erst ein Produkt, das am Entstehen ist. Die US-Medtech-Firma Vital Connect zum Beispiel hat schon jetzt elektronische Brustpflaster auf dem Markt, die über 100 Gesundheitsdaten messen und diese miteinander im persönlichen Dossier verknüpfen. Und hier sieht man tatsächlich, wie sich ein ganzes System wandelt: In Kalifornien gibt es jetzt Spitäler, die gewisse Patienten nach einer Operation zwei Tage früher entlassen, wenn sie diese durch solche Brust-Pflaster aus der Ferne überwachen können.
Andererseits: Normalerweise verwenden die Leute all die Apps, Wearables und Gesundheits-Programme eine oder zwei Wochen lang – und dann läuft wieder alles wie vorher.
Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Ein elektronisches Gerät tut gar nichts. Es liefert nur Daten. Es weiss vielleicht, was ich tun sollte oder was ich getan habe. Aber entscheidend ist meine Entschlossenheit, den Lebensstil zu ändern. Nur das ist die Lösung. Das Device ist nur ein Werkzeug dazu.
Beurteilen Sie den Einzug von Digital Health denn nur positiv? Oder was macht Ihnen Sorgen dabei?
Ich bin zu 100 Prozent optimistisch. Alles was ich sehe, ist eine wirklich utopische Zukunft, in der die medizinische Betreuung nicht nur erfolgreicher wird, sondern auch viel günstiger. Die Patienten sind selbstbewusster, und die Ärzte sind nicht nach wenigen Jahren ausgebrannt. Aber wenn wir heute nichts ändern, erreichen wir diesen Punkt nicht. Ob als Patienten oder als Versorger – wir müssen uns digitales Wissen zulegen, um uns in diesem Dschungel dann auch zuhause zu fühlen.

So funktioniert das Health Patch von Vital Connect:

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