Kein Grund, die Ärzte kaputtzusparen

Genau besehen, ist das Schweizer Gesundheitswesen nicht teuer – es ist sogar relativ günstig. Eine Rechnung von Michael Kohlbacher.

, 20. Januar 2017 um 14:29
image
  • praxis
  • gesundheitskosten
  • zürich
Kurz vor Weihnachten war ich wieder einmal bei einer fachärztlichen Untersuchung. Ich hatte innert weniger Tage einen Termin bekommen, die Praxis war sehr gut ausgestattet, die MPA kompetent und freundlich und der Arzt auf einem Top-Niveau. Dieses Erlebnis der (noch) guten Versorgungsrealität hat mich dazu motiviert, diesen Beitrag zur Diskussion über zu hohe Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien zu schreiben – eine Diskussion, die in der reichen Schweiz fehl am Platz ist.
Die Wirtschaftskraft eines Landes ist ausschlaggebend dafür, wie teuer oder billig ein Gesundheitssystem ist. Die Menschen werden in allen Ländern älter, chronische Krankheiten treten überall häufiger auf. Der Unterschied zwischen reicheren und ärmeren Ländern ist, dass in den reicheren Ländern die Versorgungsqualität der gleichen Gesundheitsprobleme besser ist. Und dass sich die reichen Länder diese Versorgungsqualität leisten können und wollen.
  • image

    Der Autor

    Michael Kohlbacher ist seit 2013 Generalsekretär der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich. Zuvor arbeitete der studierte Jurist unter anderem als Geschäftsführer der Aids-Hilfe Schweiz.

Die Schweiz ist gemessen am BIP pro Einwohner mit 80‘000 US-Dollar das zweitreichste Land der Welt, weit vor den USA (55‘000 Dollar). Und mit 11,1 Prozent Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP hat die Schweiz «nur» das zweitteuerste Gesundheitssystem der Welt, mit grossem Abstand nach den USA (16,4 Prozent).

Möchten wir denn Zugangsregulierung? 

Dieses «nur» mag provokant klingen, ist es aber nicht. Denn die Schweiz gewährleistet allen Einwohnern einen freien Zugang zu allen Fachärzten. Die Wartezeiten sind kurz, und es gibt keine Priorisierungen oder Rationierungen. Die beste medizinische Versorgung ist für alle Einwohner verfügbar, unabhängig von Alter, sozialem Status oder Einkommen.
Alle Kritiker der «zu hohen Gesundheitskosten» sollten das Schweizer Gesundheitswesen mit dem viel teureren US-System vergleichen, wo ein grosser Teil der Bevölkerung ausser in Notfällen keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung hat. Oder mit dem System Schwedens, das mit 11,0 Prozent Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP fast so teuer ist wie das der Schweiz, wo es aber sehr lange Wartezeiten infolge einer Zugangsregulierung gibt.

Der Wohlstand stieg

Das Schweizer Gesundheitswesen hat im internationalen Vergleich einen exzellenten Leistungsausweis und ist gemessen an seinen Versorgungsstandards relativ günstig. Es könnte mit Fug und Recht genauso teuer sein wie jenes der USA – und die reiche Schweiz könnte sich das leisten. 
Gemäss dem neuen Report der Helsana («Ausgabenentwicklung der Gesundheitsversorgung») ist der um die Gesundheitskosten bereinigte Wohlstand seit 1996 um ein Drittel gestiegen.
Wer trotzdem die Gesundheitskosten in der Schweiz senken will, kann das nur über Rationierung von Leistungen, Priorisierungen oder Zugangsregulierungen tun. Und wer den Ärzten weiterhin keine – für die teure Schweiz – angemessene Bezahlung für die Behandlung krankenversicherter Patienten geben will, gefährdet die KVG-Ziele einer Versorgung auf hohem Niveau für die gesamte Bevölkerung zu möglichst günstigen Kosten.

Bereits jetzt fatale Verschiebungen

Die Leistungserbringung verschiebt sich bereits jetzt von den vergleichsweise effizient und kostengünstig arbeitenden Arztpraxen in ineffizientere und teurere ambulante Institutionen und Spitäler. Immer mehr Zürcher Praxen müssen geschlossen werden, weil es sich schlicht und einfach für junge Ärzte nicht mehr lohnt, eine Praxis zu übernehmen, respektive ein schwieriges Studium und lange Ausbildungszeiten in Kauf zu nehmen, um danach im Vergleich zu ähnlich hoch qualifizierten Berufen immer weniger zu verdienen.
Im Kanton Zürich leben laut Bundesamt für Statistik die reichsten Schweizer. Trotzdem bezahlen die Zürcher unterdurchschnittliche Krankenkassenprämien. Die relativ tiefen Zürcher Prämien werden unter anderem durch vergleichsweise tiefe Taxpunktwerte erkauft, das heisst durch eine schlechte Bezahlung der Zürcher Ärzte für die Behandlung krankenversicherter Patienten. 

  • Zum Thema: Der Streit um den Taxpunktwert im Kanton Zürich
  • Zur Kampagne «Ärzte für Zürich» der AGZ

Es stimmt, dass auch in der reichen Schweiz oder im reichen Kanton Zürich sich nicht alle die Krankenkassenprämien leisten können. Dazu braucht es aber andere Finanzierungslösungen. Die Lösung eines Prämienproblems für einen Teil der Bevölkerung darf nicht durch ein Kaputtsparen bei den Ärzten erkauft werden.
Es sei denn, es sei ein gesundheitspolitisches Ziel, die ärztliche Versorgung der Bevölkerung zu verschlechtern. Und das wird wohl in der reichen Schweiz nicht der Fall sein.
Artikel teilen

Loading

Comment

Mehr zum Thema

image

GZO Spital Wetzikon: «Wir können es machen. Es wird einfach ein bisschen enger»

Fast alle Trägergemeinden sagen klar Ja zu einem Rettungs-Beitrag für das notleidende Regionalspital in Wetzikon. Doch es gibt eine Ausnahme. Was bedeutet das?

image

Gericht stoppt Thurgau: Zürcher Reha-Planung tritt in Kraft

Das Bundesverwaltungsgericht ist auf die Beschwerde des Kantons Thurgau gegen die Zürcher Spitalliste 2023 Rehabilitation nicht eingetreten. Damit kann der Kanton Zürich seine neue Reha-Planung nun vollständig umsetzen.

image

GZO Spital Wetzikon: Querschüsse vor der Abstimmung

Offenbar kritisiert die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli kurz vor der Abstimmung mangelnde Transparenz der Spitalleitung und bekräftigt: Unterstützung vom Kanton gibt es nicht.

image

Spital Männedorf will sich Zukunft mit Mietwohnungen sichern

Das Spital baut eine Villa um und vermietet sie an Gutbetuchte. Die Mieteinnahmen gehören zur Finanzstrategie.

image

Ein Oensinger Gesundheitszentrum betreibt den ersten «Medicomat» in der Schweiz

Das Gerät im Vitasphère-Gesundheitszentrum funktioniert wie ein Getränkeautomat. Doch statt Flaschen gibt der Automat rund um die Uhr Medikamente heraus.

image

Die neue CEO des Spitals Bülach kommt vom Basler Universitätsspital

Sabrina Gänsbacher wird im Juni die Nachfolgerin von Doris Benz im Spital Bülach.

Vom gleichen Autor

image

Spital heilt, Oper glänzt – und beide kosten

Wir vergleichen das Kispi Zürich mit dem Opernhaus Zürich. Geht das? Durchaus. Denn beide haben dieselbe Aufgabe: zu funktionieren, wo Wirtschaftlichkeit an Grenzen stösst.

image

Überarztung: Wer rückfordern will, braucht Beweise

Das Bundesgericht greift in die WZW-Ermittlungsverfahren ein: Ein Grundsatzurteil dürfte die gängigen Prozesse umkrempeln.

image

Kantone haben die Hausaufgaben gemacht - aber es fehlt an der Finanzierung

Palliative Care löst nicht alle Probleme im Gesundheitswesen: … Palliative Care kann jedoch ein Hebel sein.