Höhere Löhne dürften Gesundheitskosten nach oben treiben

Die Gesundheitskosten werden in den nächsten zwei Jahren wieder steiler steigen als 2015. Dies erwarten Forscher der ETH. Ein Hauptfaktor sind die ambulanten Spitalbehandlungen.

, 5. November 2015 um 11:53
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Laut der Herbstprognose der ETH-Konjunkturforschungsstelle KOF werden die Schweizer Gesundheitskosten im nächsten Jahr um 3,5 Prozent steigen. Im laufenden Jahr 2015 sollte das Kosten-Plus noch 2,9 Prozent erreichen – und für das Folgejahr 2017 rechnet die KOF mit einem Anstieg von 3,5 Prozent.
Konkret: Die gesamten Gesundheitsausgaben in der Schweiz werden von rund 71,7 Milliarden Franken im Jahr 2014 auf 79,4 Milliarden Franken im Jahr 2017 klettern.
An einer Präsentation in Zürich erläuterte KOF-Bereichsleiter Marko Köthenbürger, dass steigende Löhne zu den etwas deutlicheren Anstiegen in den nächsten beiden Jahren viel beitragen dürften.

Eine von 14 Stellen in der Schweiz

Greifbar wird damit erneut, dass die Bedeutung des Gesundheitssektors in der Schweiz stetig zunimmt. Ein Beispiel: Während im Jahr 1991 noch knapp 4,5 Prozent aller Stellen auf diesen Branche entfielen, sind es heute knapp 7 Prozent.
Dieser Trend dürfte auch längerfristig anhalten. «Der Anstieg der Gesundheitskosten wird sich meiner Meinung nach in den nächsten Jahren nicht umdrehen», meinte KOF-Forscher Köthenbürger bei der Präsentation der Herbstprognose.
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Wertschöpfung und BIP-Anteil: Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Gesundheitswesens wächst fast ununterbrochen.
Als dynamischste Kosten-Kraft im Schweizer Gesundheitsbereich nennen die ETH-Forscher die ambulante Behandlung durch die Spitäler.
Deren Anteil an den Gesamtausgaben ist zwar eher klein ist, bedeutsam ist dieser Faktor allerdings, weil die ambulanten Spitalkosten recht direkt im Portemonnaie spürbar werden – sie stellen den wichtigsten Faktor für den Anstieg der Krankenkassenprämen dar.

Marko Köthenbürger, Pauliina Sandqvist, Jochen Hartwig: «Herbstprognose der schweizerischen Gesundheitsausgaben 2014–2017», KOF/ETH, November 2015.

Das Plus der ambulanten Spitalkosten erklärt sich aus diversen Faktoren. Felix Schneuwly, der Krankenkassenexperte von Comparis, wies an der KOF-Präsentation darauf hin, dass die Spitäler im Fallpauschalen-System ein Interesse daran haben, gewisse Voruntersuchungen auszulagern. Hinzu kommen gewisse Verlagerungen dank des medizinischen und technischen Fortschritts – und ferner die Tatsache, dass Spitäler eben auch die Hausärzte konkurrenzieren.
Betrachtet man die Gesundheitskosten nach den Leistungserbringern, so liegt ein Löwenanteil bei den Spitälern. Allerdings ergibt sich der Zuwachs dieser Jahre vor allem bei den sozialmedizinischen Institutionen, also zum Beispiel Pflege- und Behinderten-Einrichtungen.

Prämienfinanzierte Leistungen legen besonders zu

Comparis hat auf dieser Basis errechnet, dass die durchschnittliche Erhöhung der Krankenkassenprämien für 2016 (über alle Modelle und Franchisen) 5,4 Prozent erreichen dürfte; der Vergleichsdienst hat die KOF-Untersuchung finanziell unterstützt.
Die Erklärung: Die mit den Grundversicherungsprämien finanzierten medizinischen Leistungen steigen weit stärker als die von der KOF vorhergesagten Gesamtkosten – als Beispiel, wie erwähnt, die ambulanten Spitalkosten.
Comparis nennt aber auch die Kosten für Physiotherapie, Labore der Arztpraxen, Analysen der Laboratorien und für ärztliche Behandlungen, die alle im kommenden Jahr um 7 Prozent oder mehr steigen dürften.
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