«Desaströs»: Chefarzt Franco Cavalli über die Fallpauschalen

«Unsinnige Begünstigung der ambulanten Medizin»: Der bekannte Tessiner Onkologe und Ex-Politiker fordert, dass das System wieder abgeschafft wird.

, 15. April 2016 um 08:44
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Die Sparbemühungen des Kantons Zürich treffen stark das Gesundheitswesen – aber treffen sie auch richtig? Zu diesem Anlass interviewte der Zürcher «Tages-Anzeiger» Franco Cavalli, ehemals Fraktionschef der SP im Bundeshaus und zugleich Chefarzt im EOC-Spital Bellinzona. 
Und der Mediziner ist skeptisch: Die Idee der Zürcher, dass man hundert Millionen sparen könne, ohne dass die Patienten etwas merken, sei «ein Märchen».

«Unglaublich, wieviel Bürokram Assistenzärzte erledigen»

Grundsätzlich nutzt Cavalli – der als Politiker bei der KVG-Revision beteiligt war – das Gespräch, um die heutige Spitalfinanzierung abzukanzeln: Sie sei «desaströs». Das Gesundheitswesen sei ein Angebotsmarkt: Je mehr Angebot, desto grösser ist die Nachfrage – und in so einer Situation führe der Wettbewerbsgedanke nur zu einem teuren und ineffektiven System. Zugleich erlebten hätten die Fallpauschalen die Bürokratie explodieren lassen.
Konkret: «Wenn ich heute fünf Minuten telefoniere, muss ich das aufschreiben. Wenn ich fünf Minuten länger mit dem Patienten rede als vorgesehen, muss ich das aufschreiben. Unglaublich auch, wie viel Bürokram die Assistenzärzte mittlerweile erledigen müssen, weil man die Sekretärinnen weggespart hat.»
Das Problem zuvor, nämlich dass die Patienten zu lange in den Spitälern belassen wurden, hätte man auch mit Qualitätskontrollen durch Krankenkassen und Kantone beheben können, so Cavalli. «Die Fallpauschale hingegen ist eine blutige Methode. Nun erleben wir täglich Entlassungen von Patienten, die man aus medizinischer Sicht besser noch im Spital behalten würde.»

Hier zur Chemo, da zur Antikörperinjektion

Auch hier beschreibt der Tessiner Onkologe ein konkretes Beispiel: «Ein Patient hat einen Lymphdrüsentumor, die Behandlung erfordert eine Kombination von Chemotherapie und Antikörperinjektion. Dieser Patient wird heute nach der Chemotherapie entlassen, ein paar Tage später wird ihm dann die sehr teure Antikörperinjektion ambulant verabreicht, weil dann die Krankenkasse und nicht das Spital zahlen muss. Und das, obwohl Studien klar zeigen, dass eine stationäre Injektion unmittelbar nach der Chemotherapie wirksamer wäre.»
Und so plädiert Cavalli klipp und klar für die Abschaffung der Fallpauschale, «diese unsinnige Begünstigung der ambulanten Pflege..»
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