Metformin-Aus? Auch die Schweiz könnte es treffen

Neue EU-Umweltauflagen setzen die Produktion des verbreiteten Diabetes Typ-2-Medikaments unter Druck – mit möglichen Folgen für die Versorgung in der Schweiz.

, 27. Mai 2025 um 08:26
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Bild: Screenshot/YouTube
Nach einem Bericht des «Spiegel» steht das Diabetes Typ 2-Medikament Metformin in Deutschland möglicherweise vor dem Aus – zumindest teilweise. Grund sind neue Umwelt- und Produktionsauflagen, die insbesondere europäische Hersteller unter Druck setzen.
Auch in der Schweiz könnte sich die Versorgungslage künftig verschärfen. Die Situation hier ist laut Enea Martinelli, Chefapotheker der Spitäler fmi, «nicht anders als in Deutschland». Die Schweiz ist vollständig auf Importe angewiesen – vor allem aus Europa und Asien. Und betroffen sind alle Hersteller, die Arzneimittel in Europa vertreiben, also auch asiatische Produzenten.
Enea Martinelli warnt: «Das führt entweder zu einer Lawine von Rückzügen von Arzneimitteln oder zu deutlich höheren Kosten, weil auf teurere Produkte ausgewichen werden muss.»

446 Prozent Kostensteigerung

Metformin, seit Jahrzehnten Standardtherapie bei Typ-2-Diabetes, gerät durch eine geplante EU-Abwasserrichtlinie unter wirtschaftlichen Druck. Diese sieht vor, Arzneimittelhersteller zur Kasse zu bitten, wenn ihre Wirkstoffe in Kläranlagen nachgewiesen werden. Metformin ist davon besonders betroffen, da es zu rund 80 Prozent unverändert ausgeschieden wird.
Die Folge könnten drastisch steigende Produktionskosten sein: Branchenkenner rechnen mit Kostensteigerungen von bis zu 446 Prozent. Derzeit kostet in der Schweiz eine Packung mit 100 Tabletten rund 15 Franken.
Einige Generikahersteller erwägen daher, sich komplett vom europäischen Markt zurückzuziehen. Der französische Anbieter Zentiva prüft rechtliche Schritte gegen die neue Regelung.

Lebensverlängernde Effekte?

In den Fokus geriet Metformin jüngst, weil es möglicherweise das Altern verlangsamen oder sogar aufhalten könnte. Darauf deuten zumindest mehrere Forschungsergebnisse hin: Metformin scheint in der Lage zu sein, Entzündungsprozesse im Körper zu unterbinden, das Wachstum von Tumorzellen zu hemmen sowie Stammzellen zu aktivieren und damit die Regeneration und Erneuerung von Gewebe zu fördern. Erste Studien liefern Hinweise auf positive Effekte.
Zuletzt wurde in der Fachzeitschrift «Cell» die Studie «Treating Aging with Metformin» unter der Leitung des Genetikers Nir Barzilai publiziert. Demnach zeigt das Medikament vielversprechende Ergebnisse, den Alterungsprozess positiv zu verändern – zumindest bei Primaten.
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