Kinderspital Zürich kombiniert Diät und Medikamente im Kampf gegen Krebs

Eine Diät ohne Arginin und Prolin verändert den Stoffwechsel von Neuroblastenzellen, die ihre Fähigkeit zur unkontrollierten Teilung verlieren. In Verbindung mit DFMO eröffnet dieser Ansatz neue Perspektiven in der pädiatrischen Onkologie.

, 17. November 2025 um 06:07
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Ein neuer Hoffnungsschimmer für krebskranke Kinder: Bestimmte Diäten bremsen das Tumorwachstum | Symbolbild: Adobe Stock
Neuroblastome gehören zu den häufigsten und aggressivsten soliden Tumoren bei Kindern. Sie treten vor allem bei Kindern unter fünf Jahren auf. Trotz intensiver Behandlung bleibt die Prognose ungünstig, insbesondere bei Hochrisikoformen: Langfristig kann nur etwa jedes zweite Kind geheilt werden.
Ein Team unter der Leitung von Raphael Morscher von der Universität Zürich (UZH) und dem Universitätskinderspital Zürich (Kispi) hat eine neue Kombinationstherapie entwickelt. In ihrer Studie kombinierten die Forscher das kürzlich in der Schweiz zugelassene Medikament Difluormethylornithin (DFMO) mit einer gezielten Diät, die die beiden Aminosäuren Arginin und Prolin ausschliesst.

Wirkung des Medikaments: verdoppelt

DFMO hemmt die Bildung von Polyaminen, Molekülen, die eine Schlüsselrolle beim Wachstum unreifer Tumorzellen spielen. In präklinischen Studien wurde gezeigt, dass die Wirksamkeit des Medikaments mehr als verdoppelt werden kann, wenn gleichzeitig eine arginin- und prolinfreie Diät eingehalten wird.
Laut der Universität Zürich könnte diese Diät die Bildung von Polyaminvorläufern verhindern und so die Wirkung der Behandlung erheblich verstärken.

Diätetik in der pädiatrischen Onkologie

Tumorzellen weisen besondere metabolische Eigenschaften auf, die sie von gesunden Zellen unterscheiden. Diese Unterschiede können gezielt ausgenutzt werden, um den Krankheitsverlauf durch eine angepasste Ernährung oder durch Medikamente, die den Stoffwechsel beeinflussen, zu beeinflussen.
Das Besondere an diesem kombinierten Ansatz ist, dass er nicht auf die Zerstörung der Tumorzellen abzielt, sondern auf ihre Umprogrammierung. Die Krebszellen verlieren ihre Fähigkeit, sich unkontrolliert zu teilen, und beginnen, sich zu reifen Nervenzellen zu differenzieren; ein Prozess, der bei einem Neuroblastom normalerweise blockiert ist.
«Die Behandlung führt also nicht nur zu einer Verlangsamung des Tumorwachstums, sondern auch zu einer funktionellen Veränderung der Krebszellen», erläutert Raphae Morscher den neuen Therapieansatz. In Tiermodellen führte dies zu einer deutlichen Verlangsamung des Tumorwachstums und sogar zu einer Rückbildung bei guter Verträglichkeit.

Ein Enzym als Ersatz für die Diät

Das Team bereitet nun in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern vom Kinderkrankenhaus Philadelphia und der Princeton University die klinische Anwendung vor. «Um diesen innovativen Ansatz in klinische Studien zu überführen, verwenden wir ein Enzym, das bei Kindern die Ernährung ersetzt. Ziel ist es, den betroffenen Kindern in Zukunft eine neue, schonendere Behandlungsmöglichkeit zu bieten», erklärt Morscher.
Eine so spezifische Einschränkung von Arginin und Prolin wäre bei Kindern nämlich nur schwer durchzusetzen. Diese beiden Aminosäuren sind an vielen lebenswichtigen Prozessen beteiligt - Wundheilung, Wachstum, Funktion des Immunsystems - und kommen in den meisten natürlichen Proteinquellen vor. Ein solcher Eingriff wäre nur mit speziellen synthetischen Nahrungsmitteln und bei einer stationären Betreuung denkbar.
  • «Reprogramming neuroblastoma by diet-enhanced polyamine depletion», in: «Nature». DOI: 10.1038/s41586-025-09564-0

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