Kinderärzte wollen weniger Röntgen und Bluttests

Pädiatrie Schweiz und Smarter Medicine haben eine weitere Liste der unnötigen Abklärungen veröffentlicht.

, 2. Februar 2024 um 11:20
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Chronische Müdigkeit bei Kindern kann viele Ursachen haben. Also braucht es ganzheitliche Abklärungen  |  Symbolbild: Brett Durfee on Unsplash
Die Fachgesellschaft Pädiatrie Schweiz hat eine zweite «Weniger ist mehr»-Liste veröffentlicht. Sie erfasst fünf diagnostische Untersuchungen, auf die eigentlich verzichtet werden kann. Im Zentrum steht diesmal die Diagnostik – es geht also um Blutuntersuchungen, Röntgenaufnahmen und Tests.
Pädiatrie Schweiz hatte mit der Organisation Smarter Medicine bereits im Sommer 2021 eine «Top 5»-Liste erarbeitet. Sie wandte sich beispielsweise gegen routinemässige Antibiotika bei akuter Mittelohrentzündung oder recht allgemein gegen Hustenmedikamente bei Kindern.
Die neue Liste sei das Ergebnis hunderter Konsultationen von Kinderärzten in der ganzen Schweiz sowie der methodischen Arbeit in der Arbeitsgruppe, so die Mitteilung von Smarter Medicine.

Die fünf Empfehlungen im Feld der Diagnostik sind:

1. Kein Röntgenbild bei Kindern und Jugendlichen mit einer Verstauchung oder Umknickverletzung des Fussgelenks und bei klinisch niedrigem Risiko für eine Fraktur. Denn Kinder hätten in solchen Fällen ein niedriges Risiko für einen therapiebedürftigen Knochenbruch.
2. Keine Borrelien-Serologie ohne klinischen Verdacht auf eine Lyme-Borreliose: Bluttests auf Lyme-Borreliose bei chronischer Müdigkeit sind nicht hilfreich. Sie können falsch positive oder mehrdeutige Ergebnisse erzeugen, da sie nicht zwischen einer vergangenen Infektion, einer aktiven Infektion oder einem blossen Kontakt mit dem Bakterium unterscheiden. Daher sei es entscheidend, bei der Beurteilung der chronischen Müdigkeit einen ganzheitlichen klinischen Ansatz zu verfolgen.
3. Keine Routineuntersuchungen für Kinder, die nach einem einfachen Fieberkrampf ihren üblichen Bewusstseinszustand wiedererlangt haben. Ein Fieberkrampf muss nicht unbedingt als Gefahr angesehen werden, sondern als normale Reaktion des Körpers während einer Krankheit; ein Grossteil dieser Anfälle bleibt folgenlos, und es besteht kein Zusammenhang mit Fällen von Epilepsie oder Hirnanomalien. Es besteht also auch kein Grund, Kindern nach einem einfachen Fieberkrampf langwierige oder belastende Untersuchungen zuzumuten.
4. Keine Bluttests bei Kindern mit akuten Halsschmerzen. Infektionen des Rachens und der Mandeln (Angina) heilen meist innert weniger Tage von selbst. Bei der (im Vergleich zur viralen) selteneren bakteriellen Angina haben Antibiotika in der Regel weder einen Einfluss auf die akute Infektion, noch verhindern sie Komplikationen. Es gibt aber Situationen, in denen man eine antibiotische Therapie erwägt. Eine bakterielle Angina wird dann aufgrund der Untersuchungsbefunde und eines Abstriches diagnostiziert. Laboruntersuchungen sind nicht hilfreich für den Therapieentscheid und somit unnötig.
5. Keine routinemässigen Thorax-Röntgenbilder bei Kindern mit Bronchiolitis. Die Bronchiolitis ist eine häufige virale Infektion der Lunge bei Säuglingen und Kleinkindern. In den meisten Fällen können die Kinder zu Hause bleiben und erholen sich innert sieben bis zehn Tagen. In diesen Fällen sollten keine Röntgenbilder der Lunge gemacht werden. Die Röntgenbilder sind unnötig für die Diagnose und haben für die betroffenen Kinder nur Nachteile: Sie führen zu einer Strahlenbelastung und zu vermehrter unnötiger Behandlung mit Antibiotika.
  • Zum Thema: Angiologen warnen vor Prävention mit Dauer-Aspirin. Die Gesellschaft der Gefässmediziner SGA hat ihre Liste der unnötigen Abklärungen und Behandlungen veröffentlicht.
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