Sexuelle Belästigung von und durch Ärzte: Es bleibt Realität

Eine grosse europäische Umfrage beleuchtet das Ausmass sexueller Belästigung in medizinischen Berufen. Klar wird: Es fällt immer noch schwer, so etwas zu melden.

, 1. April 2025 um 05:44
image
Symbolbild, erstellt mit KI ChatGPT
Mobbing und sexuelle Belästigung im Gesundheitswesen: Dies wurde jüngst wieder zu einem grösseren Thema in der Schweiz – und von Reaktionen in den Spitälern. Im Januar zeigte eine Reportage des welschen TV-Kanals RTS diverse Missstände in den Spitälern der Westschweiz auf – Machtspiele, sexueller Erpressung, Belästigung. Und dies oft in einem Klima der Omertà.
Der Newsdienst «Medscape» hat nun einen Report über sexuelle Belästigung in der Ärzteschaft auf europäischer Ebene veröffentlicht. Der «European Doctors' Sexual Harassment Report 2025» enthält die Antworten von 4'339 Ärzten aus sechs Ländern: Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Portugal und Grossbritannien.
In jedem dieser Länder gibt ein erheblicher Anteil der Ärztinnen und Ärzte an, Opfer oder Zeuge sexueller Belästigung gewesen zu sein. Die Formen der sexuellen Belästigung sind vielfältig: sexuell gefärbte Kommentare, Berührungen, eindringliche Blicke, unerwünschte Umarmungen, übertriebene körperliche Nähe und explizite oder angedeutete sexuelle Angebote.

Anstieg der Fälle? Mehr Meldungen?

Am häufigsten meldeten Ärzte aus Grossbritannien, dass sie in den vergangenen drei Jahren persönlich irgendeine Form von sexueller Belästigung erlebt hätten (9 Prozent der Befragten). Diese Zahl hat sich seit der letzten britischen Umfrage von «Medscape» 2019 verdreifacht – und dies, obwohl der General Medical Council Anfang 2024 eine Null-Toleranz-Politik einführen wird.
Darüber hinaus gaben 8 Prozente der Befragten in Grssbritannien an, eine Form von sexueller Belästigung beobachtet zu haben; auch diese Zahl hat sich seit 2019 verdoppelt.
In Deutschland ist der Anteil der Zeugen von Belästigungen jedoch am höchsten: 14 Prozent der befragten Ärzte meldeten dies.
In den Zahlen dürfte sich aber stark auch zeigen, dass die Menschen heute sensibilisierter sind. «Fast die Hälfte (48%) der befragten deutschen Ärzte ist der Meinung, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz heute ernster genommen wird als noch vor fünf Jahren», stellt der «Medscape»-Report fest.

Hierarchie und Geschlecht

In allen untersuchten Ländern waren die Belästigungs-Täter überwiegend Männer –und diese wiederum waren häufig selbst Ärzte und hatten eine höhere hierarchische Position inne. Laut den Umfrage-Ergebnissen waren bei etwa einem von zehn Vorfällen Mitglieder des Pflegepersonals die Verursacher (was angesichts des zahlenmässig grossen Anteils der Pflege in den Spitälern also ein tiefer Anteil ist).
Darüber hinaus ging es in 5 bis 10 Prozent der benannten Fälle darum dass berufliche Vorteile (Beförderung, Gehaltserhöhung...) als Gegenleistung für eine sexuelle Annäherung versprochen wurden – respektive Vergeltungsmassnahmen im Falle einer Ablehnung.
Fast die Hälfte der britischen Ärzte (49 Prozent) ist der Meinung, dass ein Arzt, der der sexuellen Belästigung beschuldigt wird, eher einer Strafe entgeht, wenn er für seine Einrichtung hohe Einnahmen generiert.
image
Source: Medscape, «European Doctors’ Sexual Harassment Report 2025»

Reaktionen und Rücktritte

Zwischen 34 und 45 Prozent der belästigten Ärzte gaben an, dass sie den Täter aufgefordert hätten, sich zu mässigen. Eine Mehrheit – zwischen 47 und 59 Prozent - wagte dies jedoch nicht oder entschied sich dafür, nicht direkt einzugreifen.
Ferner gibt ein grosser Anteil der Opfer (zwischen 49 und 71 Prozent) an, dass sie die Vorfälle nicht gemeldet oder den Täter nicht bei ihren Vorgesetzten oder einer zuständigen Behörde identifiziert haben.
In Frankreich äusserten die ärztlichen Opfer am häufigsten, dass sie direkt reagierten und den Belästiger aufforderten, sein Verhalten einzustellen (45 Prozent). Fast ein Viertel der Befragten in Frankreich (23 Prozent) gab andererseits an, dass sie eine Stelle wegen von Belästigungen aufgegeben haben. In Deutschland lag dieser Wert ebenfalls bei 20 Prozent.
  • «Einige erkannten ihre eigene Geschichte». Machtspiele, sexuelle Übergriffe, Schweigen: In einem TV-Film berichteten Ärztinnen aus der Romandie von Missständen in den Spitälern. Die Chirurginnen reagieren.

    Artikel teilen

    Loading

    Kommentar

    Mehr zum Thema

    image

    Zürich: Fast eine halbe Milliarde für die nächste Ärztegeneration

    Der Zürcher Kantonsrat bewilligt 25 Millionen Franken für das Projekt «Med500+». Ab 2030 sollen an der Universität Zürich jährlich 700 statt 430 Studierende Humanmedizin beginnen.

    image

    Frauenklinik Züri Ost vor Führungswechsel

    Die Frauenklinik Züri Ost der Spitäler Männedorf und Uster steht vor einem Führungswechsel: Aufbauleiter Ralf Joukhadar verlässt die Kooperation im Herbst 2026.

    image

    Ziel verfehlt: Der Traum vom universellen Krebsbluttest gerät ins Wanken

    Der Galleri-Test erkennt laut Hersteller über 50 Krebsarten. Entscheidend ist jedoch, ob durch ihn fortgeschrittene Tumoren seltener auftreten. Genau das gelang nicht.

    image

    Keine automatische Preissenkung nach Ablauf des Patentschutzes

    Während Generika gesetzlich deutlich günstiger sein müssen, gibt es für Originalpräparate nach Patentablauf keine automatische Preissenkung. Eine Motion wollte dies ändern – ohne Erfolg.

    image

    Vom Inselspital nach Thun: Claudio Schneider wird Chefarzt

    Claudio Schneider, derzeitig Oberarzt am Inselspital Bern, übernimmt per 2027 die Leitung der Medizinischen Klinik in Thun. Er folgt auf Thomas Zehnder.

    image

    Ständerat will günstigere Generika aus dem Ausland

    Der Ständerat stellt sich hinter die Forderung nach Parallelimporten von Generika.

    Vom gleichen Autor

    image

    Kanton Bern will mehr Praxisassistenz-Stellen schaffen

    Der Regierungsrat will die Weiterbildung in Hausarzt-Praxen stärker fördern – und möchte in den nächsten vier Jahren 11 Millionen dafür ausgeben.

    image

    Häusliche Gewalt: Bern übernimmt Westschweizer Idee

    Der Kanton Bern startet eine digitale Schulung für Apotheken. Es soll helfen, ältere Menschen zu erkennen und unterstützen, die Opfer von Gewalt geworden sind.

    image

    Zahnarzt oder Arzt? Viele Senioren müssen wählen

    Jede fünfte Person über 65 Jahren verzichtet aus finanziellen Gründen auf eine medizinische Behandlung. Die Ungleichheit beim Zugang zur Gesundheitsversorgung hat sich in den letzten Jahren weiter verschärft.