EFAS öffnet Türen – doch die Kindermedizin braucht mehr

Die Kinderspitäler könnten viele Behandlungen ambulant anbieten – doch strukturelle Fehlanreize verhindern viel. Die gewünschte Ambulantisierung wird ausgebremst.

Kommentar | Von Marc-André Giger und Malte Frenzel, 17. September 2025 um 12:28
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«Die Koordination der Behandlung ist heute ein Kraftakt»: Betreuung einer Patientin auf der Interdisziplinären Notfallstation des UKBB  |  Bild: Imagefilm UKBB (Screenshot)
Die Kindermedizin in der Schweiz steht an einem Wendepunkt. Obwohl Spitäler heute bereits eine Vielzahl von Sprechstunden verschiedener Fachrichtungen unter einem Dach – quasi «Tür an Tür» – anbieten, bleibt die Situation komplex. Eltern profitieren davon, dass ihr Kind innerhalb eines Termins umfassend betreut werden kann. Hinter dieser Effizienz und hohen Versorgungsqualität verbirgt sich ein System, das im Praxisumfeld kaum zu übertreffen ist – und dennoch unter strukturellen Mängeln leidet.
Mit der Einführung der einheitlichen Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen (Efas) erhoffen sich viele in der Branche einen grossen Wurf. Efas gilt als wichtiger Meilenstein – doch reicht dieser allein wirklich aus? Fachleute sind skeptisch.

Die Autoren

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Marc-André Giger ist Präsident des Verwaltungsrates des Universitäts-Kinderspitals beider Basel. Malte Frenzel ist Pädiater und Geschäftsführer von AllKidS, die Allianz der Schweizer Kinderspitäler
«Ohne kostendeckende Tarife – insbesondere ambulante Tarife – wird Efas nicht die gewünschte Wirkung entfalten – weder für Erwachsene noch für Kinder», heisst es in führenden Kreisen der Kindermedizin. Und es wird immer dringender, ambulante Leistungen angemessen zu vergüten, denn diese bilden längst das Rückgrat der modernen Pädiatrie.

Tarifdschungel und Fehlanreize

Ein weiteres Problem sind die Tarife der Zusatzversicherungen. Immer wieder kommt es zur Frage: Kann die Ambulantisierung von stationären Behandlungen von Halbprivat- und Privatversicherten überhaupt stattfinden ohne eine vollständige Öffnung des ambulanten Bereichs für Zusatzversicherungen? Die Antwort ist klar: Nein. Der Tarif ist per KVG für alle gleich geregelt, für die ambulante medizinische Behandlung darf kein Aufpreis verlangt werden. Alles andere wäre rechtswidrig und würde gegen den wichtigen Tarifschutz verstossen.
Hier setzen bestehende Anreizsysteme die Weichen falsch und fördern stationäre Behandlungen. Das widerspricht den politischen Zielen, die eigentlich eine verstärkte Ambulantisierung anstreben.

Hochspezialisierte Medizin und Mindestfallzahlen

Ein Blick auf die hochspezialisierte Medizin (HSM) offenbart einen weiteren Fehlanreiz. Bisher werden nur stationär erbrachte hochspezialisierte Leistungen für die Mindestfallzahlen vollständig berücksichtigt – ambulante Eingriffe hingegen zählen oft nicht.
Das bedeutet: Wer als Spital beispielsweise im Bereich «Invasive kongenitale und pädiatrische Kardiologie und Herzchirurgie» tätig ist, muss eine bestimmte Anzahl von Fällen nachweisen, um den Status zu erhalten oder zu verlängern. Werden jedoch mehr Eingriffe ambulant durchgeführt, könnte es an den notwendigen Fallzahlen fehlen – mit der Folge, dass ein Spital seinen HSM-Status verliert.
Unter diesen Voraussetzungen wird die so dringend benötigte Ambulantisierung geradezu ausgebremst.

Was muss sich ändern? Die zentralen Forderungen

Die Spitäler und medizinischen Fachgesellschaften haben klare Vorstellungen davon, wie die Situation verbessert werden kann:
  • Ambulantes Defizit abbauen: Das finanzielle Defizit der Kinderspitäler im ambulanten Bereich muss schrittweise behoben werden. Besonders grosse Hoffnungen ruhen darauf, dass neue Arzttarife – Tardoc und ambulante Pauschalen – die eine angemessene Vergütung sicherstellen.
  • Koordination honorieren: Die Koordination der Behandlung ist heute ein Kraftakt, besonders bei Kindern mit mehreren Befunden. Diagnosen müssen zusammengeführt und die Therapien unter den Leistungserbringern koordiniert werden. Doch diese wichtige Koordinationsleistung wird in keinem Tarif abgebildet – eine Lücke, die dringend geschlossen werden muss.
  • Strukturen intelligent weiterentwickeln: Es soll im Kontext der Koordination nicht um die Schaffung neuer Leistungserbringer gehen, sondern darum, bestehende Strukturen sinnvoll zu verändern und an die Herausforderungen anzupassen.
  • Echte solidarische Finanzierung: Efas muss zu einer echt solidarischen Lastenverteilung führen. Das bedeutet eine bessere Zusammenarbeit zwischen Kantonen und Krankenversicherern – und eine geringere Abhängigkeit der Kinderspitäler von individuellen Zuschüssen oder Spenden.
  • Effizienz differenziert betrachten: Die betriebliche Effizienz liegt bei den Spitälern, doch die eigentliche Systemeffizienz – also das Zusammenspiel aller Akteure – kann nur gemeinsam und über längere Zeit gehoben werden.

Das grosse Ganze: Systemische Chancen

Die Kindermedizin ist bereits heute deutlich stärker ambulant ausgerichtet als die Erwachsenenmedizin. Medizinisch-technischer Fortschritt, Digitalisierung und eHealth bieten zahlreiche Chancen, um diesen Trend zu unterstützen und die Versorgung noch kindgerechter zu gestalten. Doch Tarifstrukturen sowie die fehlende Anerkennung hochspezialisierter ambulanter Leistungen bremsen diese Entwicklung.
Gerade in einer Zeit, in der Ressourcen knapp und Ansprüche an Qualität und Effizienz hoch sind, kommt es darauf an, Fehlanreize konsequent auszuräumen und die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen. Nur dann wird die Reform ihren eigentlichen Zweck erfüllen: Die optimale medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz.

Fazit: Reformen mit Weitblick – oder Flickwerk?

Die Einführung von Efas ist ein bedeutender Schritt in die richtige Richtung, aber eben nur ein Schritt. Ohne eine grundlegende Überarbeitung der Tarife, einer besseren Honorierung von Koordination und einer fairen Berücksichtigung von ambulanten Spitzenleistungen besteht die Gefahr, dass wichtige Probleme ungelöst bleiben. Die Verantwortlichen müssen jetzt den Mut aufbringen, über den Tellerrand hinauszublicken – im Interesse der Kinder und der gesamten Gesellschaft.
Denn eine zukunftsfähige Kindermedizin braucht nicht nur Reformen, sondern auch die Bereitschaft, alte Denkmuster aufzubrechen und neue Wege zu gehen.
  • Spitalzentrum Biel baut Kinderzentrum: In Biel entsteht bis 2027 das ambulante Kinderzentrum «Medin Kids». Die Investitionen von rund 2,2 Millionen Franken sollen auch durch Spenden gedeckt werden.

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