Bis zu 50 Prozent lassen sich ausserkantonal behandeln

Die Patienten orientieren sich bei der Spitalwahl nicht an geografischer Nähe, sondern an medizinischer Qualität.

, 23. Februar 2026 um 23:52
image
Thomas J. Grichting, Generalsekretär Groupe Mutuel. Bild: cch
Eine Spitalplanung, die an den Kantonsgrenzen Halt macht, wird den Bedürfnissen der Bevölkerung nicht gerecht. Das ist bekannt. Und es fehlt auch nicht an politischen Bestrebungen, die Spitalplanung und die Verteilung der Leistungsaufträge überregional zu organisieren. Allerdings bisher ohne nennenswerte Erfolge.
Die Fondation Groupe Mutuel hat deshalb bei der Universität St. Gallen eine Studie in Auftrag gegeben, um die Notwendigkeit einer überregionalen Spitalpolitik wissenschaftlich zu untermauern.
Die Studie zeigt auf, dass sich in den untersuchten Regionen 25 bis 50 Prozent der Bevölkerung ausserkantonal behandeln lassen, im bündnerischen Misox sogar 95 Prozent.
  • Vogel, Justus; Fu, Enqi; Schneider, Charlotte; Ehlig, David; Geissler, Alexander: «The Future of Swiss Hospital Capacity Planning - New impulses from real-world evidence and stakeholder inputs». Project University of St. Gallen Med-HSG, December 2024 – December 2025
Mit der ausserkantonalen Behandlung nehmen Patientinnen und Patienten längere Wege in Kauf: «Sie orientieren sich also nicht an der Nähe eines Spitals, sondern an dessen Qualität, Expertise und Sprache», hiess es an einem Mediengespräch in Zürich.
So gingen die Studienautoren unter anderem der Frage nach, inwieweit die aktuelle kantonale Spitalplanung mit den tatsächlichen Patientenströmen und der Nutzung der Leistungsaufträge übereinstimmen.
Zu diesem Zweck visualisierten sie kantonsübergreifende Patientenströme, analysierten Fahrtzeiten von Patienten und verglichen das Leistungsangebot mit den Leistungsaufträgen ausgewählter Spitalplanungen und Leistungsaufträge.
Ob sich aus dem üppigen Zahlenmaterial auch wirklich zielführende Schlussfolgerungen ziehen lassen, bleibt aber vorderhand offen.
Welche Folgen eine fehlende überregionale Perspektive haben kann, zeigte hingegen der Oberwalliser Martin Grichting, Generalsekretär der Groupe Mutuel, anhand seiner eigenen Erfahrung. Für eine Prostataoperation liess er sich am Berner Inselspital behandeln. Der Kanton Wallis will das nicht – und so hat nun das Spitalzentrum Oberwallis das Operationssystem «Da Vinci» angeschafft.
Auf Basis der Studienergebnisse fordert die Groupe Mutuel eine gesamtheitliche Versorgungsplanung in fünf bis sieben Gesundheitsregionen. Martin Grichting spricht dabei bewusst von «Versorgungsplanung» statt von «Spitalplanung.»

Vorstösse zur Spitalplanung

  • Motion der SGK-S: «Spitalplanung durch interkantonale Spitallisten stärken» Der Bundesrat wird beauftragt, das Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) dahingehend anzupassen, dass die Kantone neben der bestehenden Verpflichtung für die interkantonale Koordination der Spitalplanungen neu auch die Leistungsaufträge innerhalb von Versorgungsregionen aufeinander abstimmen und gemeinsam erteilen. Falls die Kantone ihren Aufgaben nicht nachkommen, soll der Bund analog zu den Bestimmungen der hochspezialisierten Medizin subsidiär intervenieren können (überwiesen an den Bundesrat).
  • Postulat der SGK-N: «Klärung der Kompetenzen in der Gesundheitspolitik» Der Bundesrat wird beauftragt, einen Bericht mit Vorschlägen zur Aufteilung und Klärung der Kompetenzen des Bundes und der Kantone unter Einbezug der Gemeinden im Bereich der Gesundheitspolitik (zum Beispiel Spitalplanung) zu erstellen, um den heutigen Herausforderungen im Gesundheitswesen besser Rechnung tragen zu können (Überwiesen an den Bundesrat).
  • Motion, Patrick Hässig (GLP): «Kosten einsparen und Qualität verbessern. Die Spitalplanung muss gemeinsam vom Bund und von den Kantonen durchgeführt werden». Der Bundesrat wird beauftragt, die gesetzlichen und verfassungsrechtlichen Grundlagen zu ändern, damit die Spitalplanung neu vom Bund in enger Zusammenarbeit und grösstmöglicher Einflussnahme der Kantone durchgeführt wird. Dabei soll die letzte Entscheidungskompetenz beim Bund liegen. Der Zugang zu qualitativ hochstehender Grundversorgung soll in allen Regionen der Schweiz gewährleistet bleiben. (Ablehnung seitens Bundesrat; Erstrat ist der Nationalrat)
Man muss aber wissen, dass auch die Konferenz der Gesundheitsdirektoren (GDK) aktiv geworden ist. Auch sie will eine stärkere interkantonale Koordination und Konzentration spezialisierter Spitalleistungen. Die Zuständigkeit soll aber weiterhin bei den Kantonen bleiben.
In einer ersten Phase soll eine nationale Bedarfsanalyse erstellt werden. In einer zweiten Phase soll definiert werden, welche Leistungen wohnortnah und welche überregional erbracht werden sollen. In einer dritten Phase ab 2029 werden einheitliche Kriterien definiert, zum Beispiel Mindestfallzahlen. Dies als Orientierung für kantonale Leistungsaufträge.
Groupe Mutuel begrüsst das Vorgehen der GDK, kritisiert aber den zu laschen Zeitplan. Zudem fehle es an verbindlichen Vorgaben.
  • Spitalplanung
Artikel teilen

Loading

Kommentar

Mehr zum Thema

image

Spitalstruktur neu gedacht: Viel weniger ist mehr

Die Patienten akzeptieren längere Anfahrtswege – wenn die Qualität im entfernten Spital besser ist. Mit dieser Einsicht liesse sich die Spitalplanung revolutionieren. Eine Modellrechnung aus Deutschland.

image

Spitallisten: Druck auf Kantone nimmt zu

Wie der Ständerat macht auch der Nationalrat Druck, damit die Kantone die Spitalplanung und die Leistungsaufträge aufeinander abstimmen.

image

Spitalplanung: Prio.Swiss geht vor Gericht

Das Bundesverwaltungsgericht soll eingreifen und die Akutspital-Planung von Schwyz zurückweisen. Die Versicherer machen den Kanton zum Musterfall.

image
Gastbeitrag von Johannes Rüegg-Stürm

Spitalpolitik braucht mehr Differenzierung

Schliesst kleine Spitäler! Oder legt sie zusammen! Diese Forderung wird lauter. Doch am Beispiel des Engadins zeigt sich, dass es nicht um «klein» oder «gross» geht, sondern um einen weitsichtigen Aufbau von Erfolgsvoraussetzungen.

image
Gastbeitrag von Guido Schommer

Spitalplanung: Bitte weniger Reissbrett – und mehr Qualitäts-Wettbewerb

In der Debatte um die Spitaldichte machen sich planwirtschaftliche Ansätze breit. Doch die sind kein Wundermittel. Es gibt bessere Lösungen – vor allem, wenn es um spezialisierte Behandlungen geht.

image

Spitäler: Der Bundesrat fühlt sich nicht zuständig

Die Landesregierung bleibt dabei: Es liege an den Kantonen, eine intelligentere Spitalplanung aufzugleisen – nicht am Bund.

Vom gleichen Autor

image

Zu wenig Pflegepersonal, mehr Risiken

Studien aus dem angelsächsischen Raum und eine Analyse von Michael Simon von der Universität Basel zeigen klar: Je besser die Personalausstattung, desto höher die Patientensicherheit.

image

Pflegeinitiative: Regine Sauter verschweigt das Wesentliche

Die vorberatende Kommission des Nationalrats will an der wöchentlichen Höchstarbeitszeit von 50 Stunden festhalten.

image

Bundesrat will am Anordnungsmodell festhalten

Die Kosten in der Psychotherapie sind massiv gestiegen. Für FDP-Nationalrat Philippe Nantermod ist das nicht tragbar.