Antikörper-Therapie kann Nervenregeneration fördern

Eine Studie der Universitätsklinik Balgrist und der Uni Zürich zeigt: Antikörper-Therapien können die Rehabilitation von Betroffenen signifikant verbessern.

, 31. Dezember 2024 um 08:42
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Ein Patient der Klinik für Paraplegiologie – Querschnittzentrum des Universitätsklinikums Heidelberg gemeinsam mit Laura Heuterhaus, Study Nurse, im Rahmen der klinischen Studie. Bild: zvg
Antikörper könnten künftig die Rehabilitation von Menschen mit akuter traumatischer Querschnittlähmung revolutionieren.
Forschende aus Deutschland, der Schweiz, Tschechien und Spanien haben in einer multinationalen Studie erstmals spezifische Patientengruppen identifiziert, die von einer Antikörper-Therapie klinisch messbar profitieren. Die Ergebnisse, die nun vorab in der Fachzeitschrift «The Lancet Neurology» veröffentlicht wurden, zeigen: Eine gezielte Blockade des Proteins Nogo-A kann die Regeneration geschädigter Nervenfasern fördern und die motorischen Funktionen bei bestimmten Betroffenen verbessern.
Die multinationale Studie wurde unter der Leitung von Martin Schwab, Universität Zürich und Armin Curt von der Universitätsklinik Balgrist in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Heidelberg (Norbert Weidner) organisiert. Die Durchführung erfolgte in einem europäischen Netzwerk spezialisierter Zentren (www.emsci.org) in Deutschland, der Schweiz, Spanien und Tschechien.
Eine Folgestudie, die auf den vielversprechenden Ergebnissen aufbaut, ist bereits für Dezember 2024 geplant.

Aufbau und Durchführung

An der internationalen, randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Studie nahmen 126 Personen im Alter von 18 bis 70 Jahren teil, die an einer akuten kompletten oder inkompletten Querschnittlähmung infolge einer Rückenmarksverletzung im Halsbereich litten.
  • Behandlungsgruppen: 78 Teilnehmende erhielten den Antikörper direkt in den Spinalkanal injiziert. Die übrigen 48 Patienten wurden mit einem Placebo behandelt, das auf die gleiche Weise verabreicht wurde.
  • Behandlungsdauer: Ein Behandlungszyklus bestand aus sechs Injektionen, die parallel zur regulären stationären Therapie verabreicht wurden.
Die Zuteilung der Patienten zu den Gruppen erfolgte nach dem Zufallsprinzip. Weder die Patientinnen und Patienten noch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte wussten, wer den Antikörper oder das Placebo erhielt.

Ergebnisse

Die motorischen Funktionen wurden anhand standardisierter Tests der Hand- und Armmuskulatur bewertet. Diese Muskelgruppen sind für Betroffene mit Tetraplegie von entscheidender Bedeutung für die Alltagsautonomie.
  • Komplette Querschnittlähmung: In dieser Patientengruppe zeigten sich keine signifikanten Verbesserungen der motorischen Funktionen.
  • Inkomplette Querschnittlähmung: Hier führte die Antikörper-Behandlung zu deutlichen Fortschritten. Die Patienten zeigten Verbesserungen in der Steuerung gelähmter Muskeln sowie in der Selbstständigkeit bei Alltagsaktivitäten.
Darüber hinaus wurde der Antikörper als gut verträglich bewertet, und es traten keine schwerwiegenden Nebenwirkungen auf.
Weitere klinische Studien seien nun notwendig, um die positiven Befunde zu bestätigen und die Behandlung zu optimieren, heisst es in einer Mitteilung der Universitätsklinik Balgrist.
Eine Folgestudie mit einem weiterentwickelten Antikörper ist bereits für Dezember 2024 angekündigt. Hierfür werden Patientenuntergruppen ausgewählt, bei denen aufgrund der bisherigen Ergebnisse das Potenzial für eine signifikante klinische Verbesserung besteht.

Europäische Zusammenarbeit

Die Herstellung des Antikörpers wurde durch das CeNeReg-Projekt und die Regenerative Medicine Technologie-Plattform des Wyss Zurich Translational Centers ermöglicht. Die Studie wurde von der EU (Horizon 2020), dem Schweizer Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), der Schweizer Paraplegiker-Stiftung, Wings for Life, dem Wyss-Zentrum sowie der Stiftung International Research in Paraplegia finanziell unterstützt.

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