«Frauen entsprechen noch immer nicht dem Bild des'starken Chefarztes'»

Nur wenige Ärztinnen kommen in den Chefetagen an. Leadership-Expertin Sibyl Schädeli spricht über Machtstrukturen und darüber, warum die Medizin dringend mehr weibliche Führung braucht. Das Interview (Teil 1)

, 27. November 2025 um 23:00
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Sibyl Schädeli ist Karrierecoach und Expertin für Frauenkarrieren in Spitälern, Universitäten und Verwaltungen Bild: zvg
Frau Schädeli, wird die Medizin besser, wenn mehr Frauen führen?
Ja, ganz klar. Frauen führen anders – und das tut der Medizin gut. Sie legen mehr Wert auf Kommunikation, hören besser zu, erklären sorgfältiger und überschätzen ihre Fähigkeiten seltener. Sie sind weniger risikoorientiert, fördern Kooperation statt Konkurrenz und stellen Qualität über Selbstmarketing. Dadurch ziehen sie auch besser qualifizierte und engagierte Mitarbeitende nach. Wenn mehr Frauen führen, wird Medizin menschlicher.
Und dennoch hat die Schweiz im internationalen Vergleich einen der tiefsten Anteile an Ärztinnen in Chefpositionen. Wo sehen Sie mögliche Gründe dafür?
Es gibt mehrere Ursachen. Ein Teil liegt in der Schweizer Kultur: Berufstätige Mütter gelten hierzulande noch immer schnell als 'Rabenmütter' – das bremst viele Ärztinnen mit Familienplänen aus. Hinzu kommen wenig familienfreundliche Strukturen in den Spitälern. Entscheidend ist aber die Kultur in der Medizin selbst. Frauen entsprechen noch immer nicht dem traditionellen Bild des «starken Chefarztes».
Sibyl Schädeli ist Karrierecoach und Expertin für Frauenkarrieren in Spitälern, Universitäten und Verwaltungen. Sie hat sich auf Karriere- und Führungsentwicklung im Gesundheitsbereich und auf den Umgang mit betrieblichen Machtspielen spezialisiert.
Vor ihrer Selbständigkeit war die Ethnologin viele Jahre in leitenden Positionen in den Personalabteilungen der Bundesverwaltung und des Universitätsspitals Basel tätig, zuletzt als Verantwortliche für Führungsentwicklung.
Das müssen Sie genauer erklären.
Viele tun sich schwer mit hierarchischen Machtstrukturen und sind weniger geübt darin, sich in einem Wettstreit sichtbar zu positionieren.
Liegt es denn eher an den starren Strukturen – oder an individuellen Karriereentscheidungen?
Entscheidend sind die Strukturen, nicht die individuellen Entscheidungen. Ärztinnen, die das Medizinstudium und die Assistenzzeit durchlaufen, sind ehrgeizig und zielstrebig – sie wollen Verantwortung übernehmen. Doch sie werden oft gebremst: Sie werden weniger ernst genommen, seltener als potenzielle Nachfolgerinnen gesehen, und sie haben keinen Zugang zu den gleichen Netzwerken und Seilschaften.
«Berufstätige Mütter gelten hierzulande noch immer schnell als 'Rabenmütter' – das bremst viele Ärztinnen mit Familienplänen aus.»
Beförderungen laufen häufig informell, hinter verschlossenen Türen. Wer schwanger wird, riskiert, dass Verträge nicht verlängert oder Chancen auf Führungspositionen vertan werden. Diese strukturellen Hürden wiegen schwerer als individuelle Entscheidungen.
Viele Ärztinnen sagen, sie hätten «keine Lust auf Machtspiele» - und ziehen sich zurück.
Viele Ärztinnen werden nicht in Machtstrukturen sozialisiert. In meinen Workshops merke ich oft, wie überrascht sie sind, wenn ich erkläre, nach welchen ungeschriebenen Regeln hierarchische Systeme funktionieren, etwa wer wo sitzt oder wer zuerst spricht. Männer kennen diese Spielregeln meist intuitiv. Frauen hingegen sagen oft: «Ich will keine Machtspiele, ich will einfach gute Arbeit machen.»
Kämpfen Frauen zuwenig?
Das ist immer ein schwieriges Thema in meinen Coachings. Manche verweigern sich bewusst, aber oft steckt Angst, Ablehnung oder fehlende Einsicht dahinter, dass man sich in solchen Strukturen behaupten muss. Mit Leistung allein erreicht man die Spitzenpositionen nicht.
Chefärztin Susanne Renaud spricht im Interview mit Medinside von Seilschaften, intransparenten Löhnen und männlich definierten Auswahlkriterien. Erleben Sie in Ihren Coachings ähnliche Muster?
Ja, diese Muster sehe ich ständig. Häufig steht längst fest, wer eine Stelle bekommt – meist ein Mann mit guten Verbindungen nach oben. Offizielle Verfahren werden oft umgangen, das HR ist kaum eingebunden. Löhne sind intransparent, und ich kenne Fälle, in denen Ärztinnen zehntausende Franken weniger verdienen als männliche Kollegen. Wer hart verhandelt, erhält mehr und wer das nicht tut, bleibt zurück. Viele meiner Kundinnen zögern, über den Lohn zu sprechen. Auch die Stellenausschreibungen selbst tragen dazu bei: Wenn dort vor allem männlich konnotierte Begriffe wie «Durchsetzungsfähigkeit» oder «Entscheidungsstärke» stehen, schreckt das Frauen oft schon vor der Bewerbung ab.
In einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» sagten Sie, man müsse nicht Frauen fördern, sondern ihre Karrieren. Wie meinen Sie das?
Frauenförderung klingt oft so ein bisschen nach «Wir müssen den Frauen jetzt helfen.» Dabei können die Frauen, mit denen ich zu tun habe, ihren Kollegen locker das Wasser reichen. Es geht also gar nicht darum, sie zu fördern – man muss einfach dafür sorgen, dass ihre Karrieren wirklich stattfinden.

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