Spitäler: Weniger Chefinnen als in Banken und Versicherungen

Frauen sind in den Chefetagen der Spitäler nach wie vor unterrepräsentiert. Im Vergleich zu anderen Branchen weist die Ärzteschaft die härteste «gläserne Decke» auf.

, 9. September 2025 um 14:04
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Radiologin des Kantonsspitals Aargau – Frauen sind in Chefärztinnenpositionen in der Schweiz weiterhin selten. Bild: KSA
In Schweizer Spitälern dominieren nach wie vor Männer die Chefarztetagen. Frauen in Spitzenpositionen sind die Ausnahme. Das zeigt der neue Glass Ceiling Index der Universität St. Gallen, der Mitte September publiziert wird.
Mit einem Wert von 4,8 liegt die Ärzteschaft im Branchenvergleich auf dem letzten Platz – noch hinter Versicherungen (3,4) und Banken (2,6).
Der Index misst das Verhältnis zwischen der Geschlechterverteilung in der Gesamtbelegschaft und jener im mittleren und oberen Kader. Ein Wert von 1 stünde für Gleichheit, in den Spitälern ist die gläserne Decke jedoch besonders ausgeprägt. Zum Vergleich: In der Tech-Industrie liegt der Index bei 1,2.
«In den unteren Führungspositionen sind Frauen noch gut vertreten, dann passiert aber irgendwo ein Bruch. Sie kommen nicht mehr weiter», sagt Mitautorin Ines Hartmann in der SRF-Sendung «Echo der Zeit». «Das wird als gläserne Decke bezeichnet, weil nicht erkennbar ist, weshalb.»

«Angstkultur und verpasste Chancen»

Ärztinnen, die anonym bleiben wollen, sprechen gegenüber «Radio SRF» von einer Angstkultur, von grossem Druck und einem harten Konkurrenzkampf – insbesondere an den Universitätsspitälern.
Hinzu kommt die Struktur der Spitäler: Es gibt vergleichsweise wenige Führungspositionen. «Umso entscheidender ist der Beförderungsprozess», so Hartmann. Oft stiegen jene auf, die schon lange dabei und loyal seien – «nicht unbedingt die am besten geeigneten Personen».

Gezielte Förderung

Daniela Zeller-Simmerl, Mitgründerin der neuen Chefärztinnen-Vereinigung (Cmws), sieht noch andere Gründe. «Frauen haben aufgrund ihrer Sozialisierung oft weniger Selbstvertrauen und sollten deshalb gezielt gefördert werden.» Aus eigener Erfahrung kennt sie die Hürden in einer männerdominierten Branche und setzt sich bewusst für den weiblichen Nachwuchs ein.
Transparenz bei der Besetzung von Top-Positionen sei entscheidend, betont Zeller: «Es braucht nachvollziehbare Verfahren und mehr sichtbare Vorbilder, die zeigen, dass eine Chefinnenposition erreichbar ist.» Auch flexible Modelle wie Jobsharing könnten dazu beitragen, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen.
Die im vergangenen Jahr gegründete Chefärztinnen-Vereinigung versteht sich als Stimme innerhalb und ausserhalb der Ärzteschaft. Als Sektion der Medical Women Switzerland – 102 Jahre nach deren Gründung – setzt sie auf Vernetzung, finanzielle Gleichstellung, Nachwuchsförderung, Transparenz bei Stellenvergaben und gegenseitige Unterstützung.

Erste Chefärztin vor 100 Jahren

Bereits vor über 100 Jahren hatte eine Frau eine Chefärztinnenposition. Helene Kloss übernahm 1919 die Leitung des Pathologischen Instituts in Luzern – gegen drei männliche Mitbewerber. Sie setzte sich aufgrund ihrer Fähigkeiten und Erfahrungen durch, auch wenn ihr Geschlecht damals als «Hindernis» galt.
Kloss blieb bis 1947 im Amt, baute das Institut aus und führte 1935 die Obduktion der bei einem Autounfall in Küssnacht verunglückten belgischen Königin Astrid durch.
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