«Die meisten Hospize sind auf Spendengelder angewiesen»

Die Schweiz bräuchte 850 Spitalbetten für spezialisierte Palliative Care, hat aber bloss 375. Renate Gurtner Vontobel von Palliative.ch erklärt, was zu machen wäre.

, 24. November 2022, 05:30
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«Die meisten Hospize sind auf Drittmittel- und Spendengelder angewiesen. Das kann es nicht sein», sagt Renate Gurtner Vontobel, Geschäftsführerin von Palliative Care Schweiz. | cch
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Frau Gurtner, in einem Bericht von 2020 schreibt der Bundesrat: «Mit den heutigen Strukturen im Gesundheitswesen wird es nicht möglich sein, die zunehmende Anzahl sterbender Menschen angemessen zu betreuen.» Was konkret müsste jetzt geschehen?
Ganz kurz zu den Zahlen, die wir im Frühling erhoben haben: In Schweizer Spitälern gibt es 375 zertifizierte Palliativbetten. Gemäss Empfehlung der European Association for Palliative Care werden für 1 Million Einwohner 100 spezialisierte Palliativbetten in den Spitälern benötigt. Auf die Schweiz übertragen heisst das: Für 8,5 Millionen Einwohner brauchen wir 850 Spitalbetten für spezialisierte Palliative Care.
Was ist die Konsequenz, wenn wir in Spitälern zu wenig Palliativbetten haben?
2021 konnten in den 375 zertifizierten Palliativbetten 7912 Patientinnen und Patienten versorgt werden. Das entspricht bei weitem nicht der Anzahl von Menschen, die in Spitälern palliativ versorgt werden müssten.
Sie sprechen von zertifizierten Palliativbetten. Ist es nicht so, dass viele Spitäler Palliativabteilungen haben, die nicht zertifiziert sind?
Viele sind es bestimmt nicht. Erst die Zertifizierung macht die Abrechnung mittels spezieller CHOP-Codes möglich. Zudem steuern die Kantone die Anzahl spezialisierter Palliativbetten mittels Leistungsaufträgen – und da ist die Zertifizierung meist eine Auflage.
Aber für Palliative Care gibt es doch geeignetere Strukturen als herkömmliche Akutspitäler.
Es gibt kein Entweder-oder. Wir brauchen in der Palliativversorgung eine Strategie des Sowohl-als-auch. Die Menschen werden immer älter, die Komplexität nimmt zu, auch chronische Krankheiten nehmen zu. Für die Versorgung von instabilen, unheilbar kranken Menschen braucht es deshalb eine gute, flächendeckende Palliativversorgung – innerhalb und ausserhalb der Spitäler.
Sterbenskranke Patientinnen und Patienten sollen nicht monatelang in Spitälern liegen. Sie sollen nach einem Spitalaufenthalt von maximal drei Wochen nach Hause oder in eine Langzeitinstitution verlegt werden können. Oder - wo angebracht - sollen jüngere, unheilbar kranke Menschen in einem Hospiz gepflegt werden.
Gerade von Hospizen ist auf der politischen Bühne kaum die Rede.
National sind die Finanzierung und Positionierung der Hospize nicht geregelt. Die meisten Hospize sind auf Drittmittel- und Spendengelder angewiesen. Das kann es nicht sein. Man müsste übergeordnet darüber nachdenken, welche Menschen in einem Hospiz versorgt werden sollen. Beispielsweise sterbenskranke Menschen unter 65. Diese gehören nicht in ein Pflegeheim mit einem Durchschnittsalter von 85 Jahren.
Ist es nicht so, dass Hospize wie die Langzeitpflege finanziert wird?
Nicht zertifizierte Hospize rechnen nach den Regeln der Langzeitpflege ab, das heisst die OKP sowie die Patienten leisten pro Tag einen fixen Beitrag an die Pflegekosten. Die Kosten für Betreuung und Hotellerie müssen von den Patientinnen grundsätzlich selbst getragen werden.
Der Betreuungsaufwand von Patienten mit einem komplexen Krankheitszustand und hohem Betreuungsaufwand in den letzten Lebenswochen ist kostenintensiv – in der Langzeitpflege wie im Hospiz. Ein Teil der Kosten wird daher oft über Spenden finanziert. Das heisst aber auch: Wir haben eine Unterfinanzierung in der gesamten Palliativversorgung.
Müssten daher nicht die Kantone den Hospizen einen Leistungsauftrag erteilen?
In einigen Kantonen ist dies der Fall. Andere Kantone warten, bis die Finanzierung national geklärt ist. Wir erhoffen uns schnelle und umfassende Lösungen durch die Motion «Für eine angemessene Finanzierung der Palliative Care», welche durch unsere Präsidentin, Ständerätin Marina Carobbio eingereicht wurde.
Sie sagten zu Beginn des Gesprächs, in Spitälern fehlten zertifizierte Palliativbetten. Wieweit gilt das auch für Pflegeheime?
Es braucht vor allem eine kostendeckende Finanzierung, sowohl der pflegerischen wie auch der medizinischen Leistungen in den Pflegeheimen. Erst eine angemessene Finanzierung macht einen qualitativen und quantitativen Ausbau der Palliativversorgung attraktiv und interessant. Die Pflege und Betreuung hochbetagter, multimorbider Menschen am Lebensende ist anspruchsvoll und erfordert entsprechend qualifiziertes Personal.
Damit will ich keinesfalls sagen, dass die Pflege heute ungenügend ist. Die Pflegenden in Heimen geben ihr Bestes. Aber mehr von allem wäre nötig. Das hat uns auch die Corona-Pandemie deutlich aufgezeigt.
Mehr Betten, zusätzliche Finanzierung - all das ist kein Problem, wenn der politische Wille vorhanden ist. Doch zusätzliche Strukturen nützen nichts, wenn das dazu notwendige Personal fehlt. Pflegefachpersonen kann man nicht aus dem Hut zaubern.
Der Fachkräftemangel ist tatsächlich eine grosse Herausforderung. Das gilt für alle Gebiete: für die Palliativversorgung wie für die Demenzbegleitung oder die Intensivpflege. Das ist eine gemeinsame Aufgabe.
Der Pflegefachmangel ist vor allem beim diplomierten Personal akut. Braucht es denn wirklich für all die Arbeiten superqualifiziertes Personal? Können nicht Fachangestellte Gesundheit, die FaGes, in die Lücke springen?
Es ist immer wichtig, in den Institutionen den Skill-and-Grade-Mix zu optimieren. Wer macht was? Wo braucht es diplomierte Pflegefachpersonen? Was kann delegiert werden an Fachangestellte Gesundheit oder an Pflegeassistentinnen?
Seitens palliative.ch versuchen wir mittels unseren Netzwerken das Pflegepersonal zu stärken. Im Erfahrungsaustausch, in der Optimierung der Zusammenarbeit zwischen Pflege, Hausarztmedizin und der mobilen Palliative Care sehen wir viel Potential.
All das wird den Fachkräftemangel höchstens lindern, aber nicht beheben. Müsste man nicht in Strukturen investieren, die weniger personalintensiv sind, zum Beispiel in mobile Palliative Care?
Wie vorhin gesagt: Es braucht das Sowohl-als-auch. Ja, man muss die mobile Palliative Care fördern. Aber auch hier liegt das Hauptproblem darin, dass die Finanzierung national nicht geklärt ist. Auch hier erwarten wir durch die angesprochene Motion eine angemessene Regelfinanzierung. Heute ist es so, dass mobile Palliative Care etwa als Pilotprojekt mit kantonalem Auftrag oder durch Stiftungen oder kantonale Krebsligen betrieben wird.
70 Prozent der todkranken Menschen möchten zu Hause sterben. Auch das müsste doch gefördert werden.
Palliative Care ist eine interprofessionelle Teamleistung, die sich an Patientinnen und Patienten wie deren Angehörigen richtet. Auch die Angehörigen werden begleitet, gestärkt und dazu befähigt, mit dem sterbenskranken Menschen umzugehen. Die Begleitung ist immer individuell und auch freiwillige Helferinnen und Helfer leisten oft einen wichtigen Beitrag.
Durch wen sollen diese Leute befähigt werden?
Die regionalen Sektionen von palliative Schweiz bieten Kurse und Schulungen an für Freiwillige. Auch Caritas Schweiz, das Schweizerische Rote Kreuz und Kirchen machen Schulungen. Sie befähigen die Freiwilligen für Einsätze, zum Beispiel für Nachtwache oder für Ablösungen zu Hause. Im Kern geht es immer ums gleiche: um die Stärkung des Helfernetzes.
Ein Helfernetz bestehend aus Laien?
Nicht nur. Zum Helfernetz gehören neben Freiwilligen und Angehörigen auch die Grundversorger, Spitex und Hausärztinnen und Hausärzte. Und wenn ich dazu noch etwas sagen darf: Wir führen aktuell zusammen mit der Fachgesellschaft Geriatrie und Haus- und Kinderärzte Schweiz einen viertägigen Pilotkurs für Hausärzte durch. Einer der 30 teilnehmenden Hausärzte aus dem Engadin sagte uns, er habe noch nie so viel über Geriatrie gelernt. Wissen und Kompetenz ist wichtig, um die Versorgung daheim oder im Pflegeheim zu optimieren.
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