«Ärzte sind nicht intelligenter – aber sie haben mehr Verständnis»

Universitätsspitäler sollten von Ärzten geleitet werden, findet der Dekan der Medizinischen Fakultät in Bern. Andere Fachleute meinen hingegen: Es kommt drauf an.

, 31. Juli 2024 um 05:59
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Das Basler Universitätsspital hat einen Arzt an der Spitze: Werner Kübler. | PD
«Ich bin überzeugt, dass Universitätsspitäler von Ärztinnen und Ärzten geleitet werden sollten»: Das sagte Claudio Bassetti, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Bern, in einem Interview mit der «Berner Zeitung».
Und er erklärte warum: «Nicht weil sie intelligenter sind, sondern weil sie ein Verständnis für die Grundmaterie mitbringen. Man muss verstehen, was eine Krankheit ist, was ein Patient ist, was Akademie heisst.»
Im Berner Inselspital musste der Direktor Uwe E. Jocham gehen, nachdem sich die Ärzte gegen die Leitung aufgelehnt hatten. Jocham hat Pharmazie studiert und war danach in der Industrie tätig.

Der neue Direktor muss verstehen

Auf die Frage, was für eine Person es nun an der Inselspitze brauche, sagte Bassetti, dass es wichtig sei, dass der Direktor oder die Direktorin verstehen müsse, was eine Krankheit sei, was ein Patient und was Akademie heisse.
Derzeit haben nur zwei der fünf Universitätsspitäler einen Arzt als Direktor, nämlich jene in Basel und in Lausanne (siehe weiter unten).
Das wirft die Frage auf. Braucht es wirklich einen Arzt an der Spitze eines Universitätsspital? So klar ist die Antwort offenbar nicht, wie die Reaktionen der obersten Ärztin der Schweiz, eines Gesundheitsökonoms und des Spitalverbands zeigen.

Yvonne Gilli: Es braucht ärztliche Erfahrung

Yvonne Gilli, die Präsidentin der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH), ist ganz klar der Meinung: Ohne vertiefte Branchenkenntnisse kann ein Spital weder strategisch noch operativ geführt werden. «Konkret heisst das, dass sowohl die ärztliche als auch die pflegerische Expertise in den entsprechenden Führungsgremien direkt vertreten sein sollten.»
Sie ist sich aber auch bewusst, dass ein Spital längst nicht mehr nur unmittelbar Patienten behandelt, sondern auch Teil ist eines immer komplexeren Gesundheitssystems. Deshalb müssten in der Führung auch andere Fähigkeiten abgedeckt sein.
Ob das auch für kleinere Spitäler gilt? Im Grundsatz ja, sagt Yvonne Gilli. «Aber dort sind die Führungsstrukturen weniger komplex als in Universitäts- und Zentrumsspitälern», fügt sie hinzu.

Heinz Locher: Kenntnis der Gesundheitskultur

Der Gesundheitsökonom Heinz Locher verfasste vor zehn Jahren einen Bericht darüber, wie die Führung von Universitätsspitälern am besten zusammengesetzt ist.
Locher vergleicht Spitäler mit anderen Unternehmen, die nicht dem Gesundheitswesen angehören. So sei es früher nicht untypisch gewesen, dass ein Pilot eine Fluggesellschaft gegründet habe. «Mit zunehmendem Reifegrad der Industrien und in Zeiten des stagnierenden Wachstums und des Verdrängungswettbewerbs kam die Stunde der Marketingspezialisten», sagt Locher.
«Für Universitätsspitäler ist wichtig, dass alle Schlüsselpersonen mit der Gesundheitskultur des Ortes, wo sie arbeiten, vertraut sind. Personen mit einem hervorragenden Leistungsausweis in der universitären Medizin hätten einen Wettbewerbsvorteil, wenn sie auch die branchenunabhängigen Profilanforderungen erfüllen.

Guter Anwendungsfall: Sonnenhofspital

Diese spezifische berufliche Herkunft ist aber weder eine zwingende Voraussetzung noch für sich allein eine genügende Qualifikation für solche Führungsaufgaben. Wie viele Beispiele zeigen, können auch Personen mit einem anderen beruflichen Hintergrund exzellente Leistungen an der Spitze von Universitätsspitälern, regionalen Versorgungsnetzen oder Spitalketten erbringen.
Als guten «Anwendungsfall» nennt Heinz Locher die schnelle und erfolgreiche Entwicklung der Orthopädie am Sonnenhofspital. Es sei zwar ein Privatspital, aber mit verschiedensten akademischen Funktionen. Verantwortlich dafür ist ein Arzt: der Orthopäde Stefan Eggli.

Das Gegenbeispiel

Das Berner Inselspital hatte in den 1980er Jahren Nicht-Mediziner an der Spitze: den Juristen François Kohler und den Anwalt Fritz Leu, zusammen mit dem Pionier des Spitalrechnungswesens, Erwin Röthenmund. Sie sprachen sich mit dem jeweiligen Dekan und dem Präsidenten des Ärztekollegiums ab.
Ihre Arbeit machten sie offenbar so gut, dass das Modell über die Schweiz hinaus Beachtung fand und zur Wahl von François Kohler zum Präsidenten der Dachorganisation aller nationalen Spitalverbände, der International Hospital Association IHF, führte.

Spitalverband hat keine Meinung

Nicht zum Thema äussern will sich der Spitalverband Hplus: «Die Besetzung der CEOs und Spitaldirektorinnen- und Direktoren liegt in der Kompetenz der jeweiligen Verwaltungs- oder Stiftungsräte. Diese können am besten entscheiden, welche Kompetenzen und Erfahrung notwendig sind. Wir erachten es aus diesem Grund nicht als unsere Aufgabe eine Meinung dazu zu haben.»

Die Direktoren der fünf Universitätsspitäler:

  • Lausanne: Ein Arzt.
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Centre hospitalier universitaire vaudois (CHUV): Nicolas Demartines, Chirurg | PD
  • Basel: Ein Arzt.
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Universitätsspital Basel: Werner Kübler, Arzt | PD
  • Bern: Ein Chemiker.
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Inselspital Bern: Christian Leumann, Chemiker | PD
  • Zürich: Eine Chemikerin.
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Universitätsspital Zürich: Monika Jänicke, Chemikerin | PD
  • Genf: Ein Bauingenieur.
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Hôpitaux universitaires de Genève (HUG): Robert Mardini, Bauingenieur EPFL | PD

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