Sichere Medikation bei Kindern

Das Startup Pedeus sorgt dafür, dass die Medikamentendosierung bei Kindern sicherer wird. Dafür wurde es mit dem Viktor 2022 in der Kategorie «Newcomer des Jahres» ausgezeichnet.

, 28. April 2023 um 06:00
image
Priska Vonbach gewinnt mit Pedeus den Viktor 2022
Herzlichen Glückwunsch zum Viktor 2022 in der Kategorie «Newcomer des Jahres». Der Sieg kommt für Pedeus im genau richtigen Moment…
Ich habe mich extrem über den Viktor gefreut. Hinter unserem Startup steckt viel Herzblut von all unseren Mitarbeitenden und es ist eine grossartige Bestätigung für unsere Arbeit. Aktuell steht bei uns die Entscheidung an, ob wir ins Ausland expandieren wollen. Den Viktor vorweisen zu können ist eine zusätzliche Auszeichnung. Zugleich freue ich mich aber auch, dass mit dem diesjährigen Viktor der Kindermedizin Aufmerksamkeit geschenkt wird. Schliesslich hat mit Christoph Berger gleich noch ein weiterer Mediziner aus der Pädiatrie den Preis geholt.
Pedeus wurde zwar als Newcomer ausgezeichnet, die Geschichte dahinter ist allerdings schon viel älter. Wann ist die Idee entstanden?
Bereits vor 16 Jahren, als ich am Kinderspital Zürich die Stelle als Chefapothekerin antrat. Damals hatte ich eben meine Dissertation im Bereich E-Health und Patientensicherheit abgeschlossen. Die Herausforderungen im Bereich der Medikamentendosierung waren ein grosses Thema und ich hatte die Aufgabe, Ärzte auf der Intensivstation hinsichtlich Medikation zu kontrollieren und Prozesse zur Optimierung voranzutreiben. Damals hatten diese noch ein Dosierungsbüchlein dabei und mussten jeweils die Medikation von Hand verordnen. In einem ersten Schritt haben wir die Daten aus diesem Buch in eine Datenbank überführt, mit der Idee, damit Berechnungen anzustellen. So ist Kinderdosierungen.ch entstanden.
Priska Vonbach ist CEO von Pedeus. Die gelernte Pharmazeutin hat 10 Jahre am Kinderspital Zürich als Chefapothekerin gearbeitet und hat sich bereits in dieser Zeit wissenschaftlich und im klinischen Alltag in den Bereichen Dosierungen, Patientensicherheit und Digitalisierung engagiert.. Sie ist verheiratet und Mutter von vier Kindern.
Weshalb wurde aus Kinderdosierungen.ch dann «PEDeDose»?
Die Website galt nun als Medizinprodukt, was wiederum einen aufwändigen Zertifizierungsprozess zur Folge hatte. Das war mit ein Auslöser für das Outsourcing und zugleich die Geburtsstunde von Pedeus. Unser Tool wurde dann von Grund auf neu und Medizinprodukte-konform entwickelt. Die Erfahrungen und das Knowhow von Kinderdosierungen.ch sind natürlich in das Tool eingeflossen.
Die Kindermedizin fristet, insbesondere im therapeutischen Bereich, ein Schattendasein. Wo liegt die Hauptproblematik?
Das Problem ist, dass es zu wenig speziell für Kinder entwickelte oder an sie angepasste Arzneimittel gibt. Klinische Studien sind bei Kindern komplex und werden daher selten oder gar nicht durchgeführt. Das bedeutet, dass es zu wenig verlässliche Daten zur Wirksamkeit und Dosierung in der Pädiatrie gibt, zugleich aber ein dringender Bedarf nach medikamentösen Therapien bei Kindern besteht. Die Folge: es werden häufig Arzneimittel eingesetzt, die nur für Erwachsene zugelassen sind, sogenannter «off-label use».
Wie lässt sich hier die richtige Dosierung berechnen?
Die Dosierung von Medikamenten muss auf das Alter des Kindes (bei Frühgeborenen sogar auf den Reifegrad) und auf ihr Gewicht sowie die Verabreichungsweise angepasst werden. Manchmal kommen noch weitere Faktoren wie etwa eine Nieren- oder Leberinsuffizienz hinzu. Bislang wurde diese Berechnung oft manuell mit dem Taschenrechner gemacht, was eine hohe Fehleranfälligkeit nach sich zieht. Mit unserem E-Health-Tool können die Dosierungen patientenindividuell und automatisch berechnet werden.
Sie haben in einer Simulationsstudie* gezeigt, dass damit die Fehlerrate bei 77 Prozent der pädiatrischen Dosierungen gesenkt werden kann. Wie verbreitet ist das Tool bereits heute in der Kindermedizin?
Aktuell wird es von rund 40 Prozent der Spitäler mit Kinderversorgung genutzt. Im ambulanten Bereich sind es vor allem Apotheken und Kinderarztpraxen, die darauf zurückgreifen. Wir konnten in der Simulationsstudie auch aufzeigen, dass eine zwei Mal schnellere Berechnung der Dosierung erreicht werden kann. In Zeiten von Fachkräftemangel ein weiteres schlagendes Argument.
Weshalb kommt die flächendeckende Implementierung dennoch relativ langsam voran? Schliesslich lässt sich das Tool auch in Klinikinformationssysteme sowie Arztpraxen- und Apothekensoftware integrieren.
Ein Grund liegt bei uns: der Prozess der Integration in die Kliniksoftware ist relativ aufwändig, weil wir die Darstellung und Korrektheit über die Schnittstelle hinaus begleiten. Uns fehlt hier aktuell noch ein Zwischenstück zwischen uns und dem KIS, welches die Integration vereinfachen würde. Zugleich ist bei einigen Spitälern eine Zurückhaltung spürbar, da sie noch Eigenprodukte verwenden. Da merkt man: die Kindermedikation kommt oft am Schluss. In der Deutschschweiz sind wir aber gut unterwegs.
Der Bund hat 2018 das Projekt SwissPedDose lanciert. Was ist der Unterschied zu «PEDeDose» und inwiefern können Sie davon profitieren?
Swisspeddose ist ein Verein aus verschiedenen Institutionen wie der GSASA, Pädiatrie Schweiz und den acht grössten Kinderkliniken der Schweiz, welche die nationale Datenbank zur Dosierung von Arzneimitteln bei Kindern betreibt. Ziel ist es, eine einheitliche Dosierung zu erreichen. Auch wir übernehmen die Dosierungsempfehlungen von Swisspeddose. «PEDeDose» beinhaltet zusätzliche Dosierungsempfehlungen und auch viele zusätzliche Informationen zur Anwendung eines Medikaments bei Kindern.
Welche Daten werden bei «PEDeDose» gesammelt?
Wir loggen Daten, wenn ein Nutzer bei uns eine Dosierung berechnet. Dies vor allem aus rechtlichen Gründen und aus Gründen der Nachvollziehbarkeit. Bei unserem Tool müssen Geburtsdatum, Gewicht, Länge und allenfalls Frühgeburtlichkeit eingegeben werden, ansonsten werden aber keine Patientendaten gesammelt.
Sie sind ursprünglich Apothekerin und beschäftigen sich nun zu einem grossen Teil mit Informatikthemen. Vermissen Sie nicht die Pharmazie?
Die Informatik begeistert mich ebenso und ich habe ein CAS in Web Engineering gemacht. Nicht, damit ich selbst programmieren kann, viel mehr möchte ich die Prozesse verstehen. Mit der Gründung von Pedeus sind viele neue und teils unerwartete Themen zusammengekommen: rechtliche Aspekte, Datenschutzthemen, Zertifizierungsprozesse, Unternehmensführung usw. Auch das Pharmazeutische kommt nicht zu kurz, aber tatsächlich würde ich mich zwischendurch gern einem komplexen pharmazeutischen Falle aus der Klinik widmen.
Welche Visionen haben Sie für die Zukunft?
Wir streben ganz klar die Markterweiterung ins Ausland an. Das Bedürfnis ist da und ein solches Tool gibt es bislang nicht. Wir sind zuversichtlich und zugleich entscheidet man sich mit einem Startup immer für ein grosses Abenteuer, wo man nie so recht weiss, was morgen kommt. Unser Tool werden wir weiter ausbauen, aktuell hinsichtlich Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz. Weiter steht die Entwicklung einer App für die Notfallmedizin an.
Wie schaltet die Privatperson Priska Vonbach vom Berufsalltag ab?
Ich habe vier Kinder und verbringe am liebsten Zeit mit ihnen beim Biken, Tennisspielen, bei gemeinsamen Aktivitäten in der Natur. Zudem bin ich eine begeisterte «Strickerin» – es ist für mich wie Yoga und ich kann wunderbar abschalten.
*Über die Simulationsstudie Die Studie wurde 2022 im Auftrag der «PEDeus AG» in Zusammenarbeit mit der Universität Basel durchgeführt. Gesundheitsfachpersonen aus Spitälern, Apotheken und Arztpraxen berechneten im Rahmen der Studie über 900 pädiatrische Dosierungen. Mehr zu den Ergebnissen finden Sie hier.

Die «PEDeus AG» wurde im Sommer 2018 als Tochterfirma des Universitäts-Kinderspitals Zürich gegründet. Sie hat anfangs 2019 das webbasierte Tool «PEDeDose» lanciert, welches Gesundheitsfachpersonen in der Entscheidungsfindung bei Medikamentendosierungen für Kinder unterstützt und damit für einen sicheren Arzneimitteleinsatz sorgt.

Ein grosser Dank gilt unserem Hauptsponsor und Presenting Partner Johnson & Johnson sowie unseren Sponsoren: Die Post – Gesundheitslogistik, Hirslanden, Level Consulting, Medbase, Takeda sowie vips Vereinigung Pharmafirmen in der Schweiz.
  • kinderspital zürich
  • Pedeus
  • kindermedizin
  • medikamente
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Was Verena Nold wirklich sagte

Die Santésuisse-Präsidentin teilt gegen die Politiker aus und unterstützt die Kostenbremse-Initiative.

image

Weniger Originalpräparate, mehr Biosimilars

Der Anteil an Biosimilars liegt bei 50 Prozent. Zu wenig - weshalb nun verschiedene Massnahmen in Kraft treten.

image
Gastbeitrag von Enea Martinelli

Wir verlieren wichtige Medikamente – für immer

Dass es bei Heilmitteln zu Lieferengpässen kommt, ist bekannt. Doch das Problem ist viel ernster. Zwei Beispiele.

image

Bristol Myers Squibb: Neue Medizinische Direktorin

Carmen Lilla folgt auf Eveline Trachsel, die in die Geschäftsleitung von Swissmedic wechselte.

image

Ozempic und Wegovy: Boom in den Fake-Apotheken

In den letzten Monaten flogen hunderte Anbieter auf, die gefälschte Abnehm- und Diabetesmittel verkauften.

image

Schwindel-Medikament könnte bei tödlicher Krankheit helfen

Forschende des Inselspitals und der Uni Bern entdeckten das Potenzial eines altbewährten Medikaments gegen die seltene Niemann-Pick Typ C Krankheit.

Vom gleichen Autor

image

«Weihnachten ist auch im Spital eine magische Zeit»

Die Festtage sind eine teils schmerzliche, teils hoffnungsvolle Zäsur für Kranke und Angehörige. Ein Gespräch mit Spital-Seelsorgerin Margarete Garlichs.

image

«Das Spital wird als rechtsfreier Raum wahrgenommen»

Gewalttätige Patienten und Angehörige belasten das Gesundheitspersonal – doch Konsequenzen haben sie kaum zu fürchten. Das muss ändern, sagt Pflegefachmann und Aggressions-Trainer Stefan Reinhardt.

image

«Die Anspruchshaltung ist spürbar gestiegen»

Die Spitäler verspüren mehr Gewaltbereitschaft bei Patienten. Adrian Kaegi, ehemaliger Staatsanwalt für Gewaltkriminalität und Ärztefälle, über die Hintergründe.