Alzheimer: «Für die Früherkennung eröffnen sich neue Perspektiven»

Demenz-Erkrankungen dürften sich in den nächsten 25 Jahren verdoppeln. Alzheimer-Forscher Julius Popp von der Klinik Hirslanden erläutert, welche Hoffnungen bestehen.

, 5. Oktober 2023 um 04:33
letzte Aktualisierung: 2. Juli 2024 um 07:24
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«Nicht-medikamentöse Ansätze bleiben bedeutsam»: Julius Popp | zvg
Anfang Jahr hat die US-Arzneimittelbehörde FDA den Antikörper Lecanemab zur Behandlung von Alzheimer im Frühstadium zugelassen. Stehen wir vor einem Durchbruch in der Alzheimer-Therapie?
Die aktuell erwarteten Medikamente zielen auf das Protein Amyloid, das sich bei der Alzheimererkrankung im Gehirn in Form von Plaques ansammelt. Amyloid ist aber nur ein Aspekt der Alzheimer-Pathologie. Aufgrund der Komplexität der Erkrankung und der verschiedenen Faktoren, die individuell mehr oder weniger eine Rolle spielen können, wird ein einziges Medikament wahrscheinlich nicht ausreichen.
Julius Popp ist Leiter des Zentrums für Gedächtnisstörungen und Alzheimer an der Klinik für Neurologie Hirslanden und Bellevue Medical Group. Er erforscht an der Universität Zürich und der Universität Lausanne neue Verfahren zur Früherkennung und Frühbehandlung von Demenzerkrankungen und der Alzheimer-Krankheit.
Das klingt wenig euphorisch…
Es tut sich derzeit viel in der Alzheimerforschung und ich bin zuversichtlich. Allerdings braucht es verschiedene medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlungsansätze. Entsprechend werden derzeit viele sehr unterschiedliche Medikamente mit unterschiedlichen Wirkmechanismen entwickelt und getestet. Wir hoffen, dass einige der Tests erfolgreich sein werden. Ob und in welcher Kombination wirksame Medikamente eingesetzt werden, wird dann weiterhin individuell und unter Verwendung von neuen Biomarkern entschieden. Nicht-medikamentöse und Lebensstil basierte Präventions- und Behandlungsansätze sind bereits da und bleiben auch in Zukunft von grosser Bedeutung.
Sämtliche bisher verfügbaren Medikamente zielen auf das Eingreifen in ein frühes Stadium der Erkrankung ab. Wie weit ist die Medizin in der Früherkennung?
Wir können schon jetzt dank Biomarkern und nuklearmedizinischer Bildgebung früh Veränderungen im Gehirn nachweisen und damit die Erkrankung genau diagnostizieren oder ausschliessen. In naher Zukunft werden wir Erkrankungen im Gehirn voraussichtlich noch früher und präziser nachweisen können, bevor Symptome auftreten.
«Es ist jetzt schon möglich, das individuelle Risikoprofil zu bestimmen und gezielt auf Prävention zu setzen.»
Ausserdem werden wir Alzheimer-Veränderungen mittels Biomarkern im Blut diagnostizieren können. Blut-Biomarker sind im klinischen Alltag generell sehr einfach zu messen. Damit eröffnen sich für die Früherkennung neue Perspektiven und Herausforderungen.
Veränderungen im Gehirn können bei Alzheimer bis zu 25 Jahre vor den ersten Symptomen auftreten. Viele Patienten gehen aber erst zum Arzt, wenn sie Beschwerden haben. Sind hier in Zukunft routinemässige Screenings denkbar?
Es ist jetzt schon möglich, das individuelle Risikoprofil für kognitive Störungen in späterem Alter zu bestimmen und gezielt auf Prävention zu setzen. Damit kann man das Risiko in vielen Fällen deutlich senken. Auch hier werden Blut-Biomarker in Zukunft voraussichtlich eine Rolle spielen. Sehr wichtig wird dabei die individuelle Beratung sein.
Heute leben in der Schweiz circa 150'000 Menschen mit einer Demenz; jährlich gibt es etwa 33'000 neue Erkrankungen. Die Alzheimererkrankung ist mit rund 60-70 Prozent meist die Hauptursache. In vielen Fällen wird eine Demenz nicht fachärztlich diagnostiziert und die Ursache nicht bestimmt.
Die Gesundheitskosten, welche vorallem durch Pflege und Betreuung verursacht werden, sind bereits heute mit über 11 Milliarden Franken im Jahr enorm. Wie könnten diese in Zukunft reduziert werden? Welche Rolle werden hier Medikamente spielen?
Bisher ist der Anteil der Medikamente an den Gesamtkosten, die Demenzerkrankungen verursachen, eher gering. Ob die neuen Medikamente den Bedarf an Pflege und Betreuung und die damit verbundenen Kosten reduzieren können, bleibt abzuwarten. In jedem Fall werden Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen weiterhin viel Unterstützung wie Beratung, nichtmedikamentöse Behandlungen und weitere Entlastungsangebote brauchen.
Zahlreiche hoffnungsvolle Therapien gegen Alzheimer sind in den vergangenen Jahren gescheitert; zuletzt musste Roche eingestehen, dass ihr Alzheimer-Medikament nicht wirkt. Weshalb ist die Entwicklung so schwierig?
Wenn die ersten Anzeichen sichtbar werden, typischerweise Gedächtnisstörungen, sind die krankhaften Prozesse im Gehirn bereits fortgeschritten. Es wird angenommen, dass eine Behandlung früh ansetzen sollte, bevor es zu grösseren Schäden kommt und bevor deutliche Symptome vorliegen, damit sie eine gute Wirkung zeigen kann. Die meisten bisherigen klinischen Studien wurden jedoch erst in symptomatischen Stadien der Erkrankung – möglicherweise zu spät – durchgeführt. Ein weiterer wichtiger Grund für das bisherige Scheitern vieler Medikamente dürfte auch die Komplexität der Erkrankung sein, welche immer noch unzureichend verstanden wird.
Welche Prognosen gibt es für die Zukunft?
Es scheint, dass die Anzahl der Neuerkrankungen tendenziell etwas zurückgeht, was auf einen gesünderen Lebensstil und bessere Gesundheitsversorgung in den letzten Jahrzehnten zurückgeführt wird. Es wird dennoch angenommen, dass sich die Zahl der an Demenz Erkrankten in den nächsten 25 Jahren verdoppeln wird.
Wie steht es um die Alzheimer-Forschung in der Schweiz?
Es sind noch sehr viele Fragen offen, was die Alzheimer-Erkrankung betrifft. Die Schweiz hat viele Forschungseinrichtungen, hervorragende Wissenschaftler und damit sehr gute Rahmenbedingungen, besonders für die Grundlagenforschung. Auch was die klinische Forschung und die Versorgungsforschung angeht, gibt es noch viel zu tun.
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