Zahnarzt oder Arzt? Viele Senioren müssen wählen

Jede fünfte Person über 65 Jahren verzichtet aus finanziellen Gründen auf eine medizinische Behandlung. Die Ungleichheit beim Zugang zur Gesundheitsversorgung hat sich in den letzten Jahren weiter verschärft.

, 23. Februar 2026 um 23:00
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Muss man sich auch leisten können: Zahnbehandlung  |   Navy Medicine / Unsplash
Die Schweizer Bevölkerung wird immer älter, die Ausgaben für das Gesundheitswesen steigen stetig. Mit dem Gesundheitszustand der Senioren verändern sich auch die Kosten, die durch die verzögerte Behandlung immer komplexerer Krankheiten entstehen.
Ein Team des Population Health Laboratory der Universität Freiburg hat in Zusammenarbeit mit der Swiss School of Public Health und der Haute École de Santé La Source untersucht, wie sehr Menschen ab 65 Jahren aus finanziellen Gründen auf Gesundheitsversorgung verzichtet.
Die Ergebnisse basieren stark auf Daten, die im Rahmen des «International Health Policy Survey» für den Commonwealth Fund verarbeitet wurden.
  • Mathieu Jendly, Stéphane Cullati, Cornelia Wagner, Axelle Braggion, Valérie Santschi, Arnaud Chiolero: «Trends in cost-related forgone care among older adults in Switzerland: a repeated cross-sectional study», in: «European Journal of Public Health», Februar 2026.
  • DOI: 10.1093/eurpub/ckag010
Die Forscher untersuchten dabei, wie sehr auf ärztliche Verschreibungen, auf Konsultationen, auf therapeutische Folgemaßnahmen und auf Zahnarztbesuche verzichtet wurde; dann verglichen sie die Unterschiede mit Einkommen und Bildungsniveau.
Heraus kamen klare Unterschiede im Zugang zur Gesundheitsversorgung je nach Einkommensniveau der Senioren:
  • Im Messjahr 2024 verzichtete eine von fünf Personen aus finanziellen Gründen auf mindestens eine Behandlung: 13 Prozent auf Zahnbehandlungen (die in der Schweiz normalerweise unversichert sind); aber ein ebenso grosser Anteil, 13 Prozent, verzichtete auf Behandlungen, die normalerweise von der Grundversicherung abgedeckt werden.
  • Am häufigsten war der Verzicht auf medizinische Versorgung bei Männern sowie bei Patienten in der Altersgruppe der 65- bis 79-Jährigen.
  • Im Beobachtungszeitraum 2017 bis 2024 hat sich die einkommensbezogene Ungleichheit verschärft. Sie war offenbar grösser als die bildungsbezogene Ungleichheit.
  • Insgesamt betraf der Verzicht auf medizinische Versorgung am häufigsten die Zahnbehandlung.
Die Studie stützt mehrere internationale Beobachtungen: Selbst in wohlhabenden Ländern bleibt das persönliche Einkommen ein entscheidender Faktor für den Zugang zur Gesundheitsversorgung. Obwohl die Schweiz ein reiches Land ist, liegt die Quote der unerfüllten medizinischen Bedürfnisse im europäischen Durchschnitt.
Die Analyse umfasst eine randomisierte Stichprobe von 2'570 Teilnehmern (Durchschnittsalter: 75 Jahre, 54 Prozent Frauen), von denen etwa ein Viertel 80 Jahre oder älter waren.
Multimorbidität – definiert als das Vorhandensein von mindestens zwei chronischen Erkrankungen – betraf fast die Hälfte der Teilnehmer, wobei Bluthochdruck (50%) und Osteoarthrose (40%) am häufigsten auftraten, gefolgt von Diabetes und Krebs (14 bis 16%).
Nach Ansicht der Forscher dürften die Höhe der Franchise und die Kostenbeteiligung (Selbstbehalt) diese Unterschiede noch verstärken: Menschen mit niedrigem Einkommen würden die Behandlung eher hinauszögern oder vermeiden, was langfristig zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustands führen könnte.
Darüber hinaus könne «eine Verzerrung durch soziale Erwünschtheit bei selbstberichteten Messungen zu einer Unterschätzung des kostenbedingten Verzichts auf Gesundheitsversorgung führen», schreibt das Forschungsteam; die Rekrutierung der Studienteilnehmer per Telefon oder online könnte im Übrigen dazu geführt haben, dass Personen aus den am stärksten benachteiligten sozioökonomischen Gruppen unterrepräsentiert waren.
«Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Ungleichheiten in der Versorgung offenbar stärker von materiellen Faktoren, insbesondere dem Einkommen, als von sozialen oder kulturellen Faktoren wie dem Bildungsniveau bestimmt werden», folgern die Autoren.
  • grundversorgung
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