«Wir in Uster können einen persönlichen Service bieten»

Johann Debrunner, Chefarzt Kardiologie am Spital Uster, über die Bedeutung der Regionalspitäler, 12-Stunden-Tage und warum er manchmal sogar Patienten abweisen muss.

, 25. April 2017, 06:30
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Dieses Interview erschien in ausführlicher Form in der neuen Ausgabe 2/2017 von «Praxisdepesche», dem informativen Ärztemagazin
Herr Debrunner, Sie sind Internist und Kardiologe. Wie teilt sich das im Alltag auf? 
Das Flaggschiff des Spitals Uster ist die Innere Medizin. Internistisch mache ich zum Beispiel Chefvisiten als Stellvertreter von Frau Bächli, der Departementsleiterin, und bin bei allen Rapporten dabei. Daneben bin ich mit meinen zwei Mitarbeitern für die Kardiologie verantwortlich. Die Übergänge zwischen Innerer Medizin und Kardiologie sind fliessend; mein 12-Stunden-Tag ist gestopft. Aber ich brauche das Biotop im Spital, wo viel los ist und man in kurzer Zeit viel entscheiden muss, sei es medizinisch oder zwischenmenschlich. 
Beissen sich die 12-Stunden-Tage nicht mit der Familie mit zwei Kindern?
Ich gehe nach der Arbeit meistens direkt nach Hause. Das gemeinsame Abendessen um 19.30 Uhr ist mein Fixpunkt. Aber die Kinder sind 19 und 15, jetzt bin ich bei ihnen nicht mehr so gefragt, das ist schrecklich! Dafür gehe ich hin und wieder mit meiner Frau aus. 
Sie waren am Stadtspital Triemli, bevor Sie in Uster gelandet sind. Wurden Sie abgeworben?
Nein, das war Zufall. Als die Stelle ausgeschrieben war, arbeitete ich am Triemli und stand so kurz vor dem Facharzttitel Kardiologie. Es war also just der Moment, in dem ich mir sowieso überlegte, wie es weitergehen sollte. Wollte ich invasiv tätig sein, in einem grossen Spital bleiben und eine Nische zu suchen? Es stand auch zur Diskussion, in eine Praxis zu gehen. Oder eben in ein mittelgrosses Spital. Ich kannte die Chefin aus Uster noch aus ihrer Zeit am USZ. Und sie kannte mich, wir wussten beide, was uns bei einer Zusammenarbeit erwartet. Also habe ich zugegriffen, als die Stelle frei wurde. Ich habe es nie bereut. 
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    Johann Debrunner (47) ist Chefarzt Kardiologie und stellvertretender Departementsleiter Innere Medizin am Spital Uster. Zuvor arbeitete er am Universitätsspital Zürich (USZ) und am Zürcher Stadtspital Triemli. Er wollte schon immer Arzt werden - sein Vater war Orthopäde, die Mutter Krankenschwester. Der Vater zweier adoleszenten Kinder bezeichnet sich als Familienmensch.

War es ein Entscheid gegen die Unikarriere?
Bis zu einem gewissen Grad schon, ich hätte meine Laufbahn sonst anders aufgleisen müssen. Ich wollte das aber aus verschiedenen Gründen nicht. 
Welche denn?
Das Unispital ist hoch interessant, und man muss unbedingt dort gearbeitet haben. Aber ich persönlich kann dieser Welt mehr bieten, wenn ich klinisch tätig bin. Das kann ich besser, und das macht mir mehr Freude. Auch wollte ich kein Risiko eingehen, meine Familie aus den Augen zu verlieren, nur weil ich eine wissenschaftliche Karriere machen will. Ich mache mir insgeheim 5-Jahres-Pläne. So lange braucht man, um etwas aufzubauen.
Aber Sie sind ja jetzt doch schon acht Jahre am Spital Uster...
...und habe mich in der Zeit weiterentwickelt und bin mit dem Spital gewachsen. Es gibt immer mehr Patienten, mehr Untersuchungen - sowohl in der Inneren Medizin als auch in der Kardiologie. 

«Ein Spital wie das Spital Uster hat eine extrem hohe Berechtigung!»

Warum denn das? Eigentlich würde man ja meinen, dass ein Regionalspital heute keine Berechtigung mehr hat. 
Ganz im Gegenteil. Ich glaube, ein Spital wie das Spital Uster hat eine extrem hohe Berechtigung! Das Wachstum zeigt, dass es uns braucht, dass die Bevölkerung unsere Arbeit schätzt. Meine Chefin kam 2005 in die Klinik. Sie ist eine hervorragende Internistin mit viel Biss und Ehrgeiz. Ihr Anspruch ist überdurchschnittlich. Sie wollte nicht ein «Provinzspital» sein. Die Idee ist, dass sich die Innere Medizin messen kann mit derjenigen eines Universitätsspitals. 
Aber da liegen doch Welten dazwischen.
Das USZ hat den Vorteil, dass es viele Spezialisten vor Ort gibt. Aber der Nachteil ist die mangelnde Übersicht. Patienten gehen verloren. Wir in Uster können einen persönlichen Service bieten. Auch die lokale Nähe wird geschätzt. An grossen Spitälern scheint man sich zudem weniger um den Nachwuchs zu kümmern als bei uns im Spital Uster. Wir wollen den Assistenzärzten eine fundierte Ausbildung bieten. Aus ihnen rekrutieren wir einen grossen Teil unseres Kadernachwuchses, und manche werden Hausärzte in der Region. 
Was ist mit den Privatkliniken?
Privatspitäler bilden kaum Assistenten aus. Das ist für sie praktisch und billig. Sie unterliegen zudem einem Cash-Bias: Die Aktionäre wollen Geld sehen. Das Interesse besteht unter Umständen also, möglichst viele Untersuchungen zu machen. Wir in Uster laufen weniger Gefahr, teure Maschinen anzuschaffen und amortisieren zu müssen. Dennoch müssen wir jetzt auch den Neubau selber finanzieren. Es ist ein Challenge, uns in diesem Umfeld zu behaupten. 

«Man muss immer schauen, wo man noch Patienten unterbringen kann.»

Gibt es etwas, das sie nervt? Das klingt alles so wunderbar fluffig. 
Vieles nervt mich. Aber ich hebe lieber die guten Punkte hervor, denn an diesen sollte man sich im Alltag festhalten. Vieles muss man einfach akzeptieren. Wir haben ein grosses Platzproblem im Spital, weil die Klinik so gewachsen ist. Wir streiten uns um Zimmer. Wir haben keine ideale Infrastruktur, die Räume sind zu klein, mehrfach besetzt, man muss immer schauen, wo man noch Patienten unterbringen kann. Das ist grauenhaft und führt zu vielen Reibereien unter Ärzten, Pflegenden und Patienten. Es ist Sand im Getriebe und frustrierend. 
Ist keine Lösung in Sicht?
Doch, eigentlich schon. Ein Neubau ist geplant. Er umfasst die Erneuerung und den Ausbau des bisherigen Spitals sowie einen Neubau. Wenn das mal durchkäme, wären alle glücklich. Die Bevölkerung will ein grösseres Spital, aber es gibt einzelne Beschwerden und Einsprachen von Anwohnern, die alles auf unbestimmte Zeit verzögern. Wir müssen mittlerweile Patienten abweisen. Das ist das schlimmste, was es für ein Spital gibt! Es ist zermürbend. Aber wir denken positiv, und wir ziehen alle am gleichen Strang. 
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